In Bewegung ist in Nordkirchen zurzeit einiges - trotz Sommerpause. Darunter sind auch Projekte, die Jahre langen Vorlauf haben wie der Abriss der ehemaligen Gaststätte Haus Westermann.

Nordkirchen

, 30.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Darüber spricht Bürgermeister Dietmar Bergmann im RN-Interview ebenso wie über Gewerbeflächen im Allgemeinen, den Digital-Campus im Besonderen und ein Nachfolgeprojekt, das ebenso erfolgreich werden soll. Auch die Herausforderung der Mobilität ist Thema. Dabei verrät der Bürgermeister, welches gutes Beispiel ihn optimistisch macht, dass öffentlicher Nahverkehr angenommen wird, wenn er nur bezahlbar ist.

Seit Jahren steht Haus Westermann leer. Und genauso lange warten die Nordkirchener darauf, dass sich im Herzen der Gemeinde auf der Ecke Schloßstraße/Mühlenstraße etwas tut. Wann geht es endlich los?

Bald, die Abrissarbeiten werden in der zweiten Hälfte der Sommerferien erfolgen. Der lange Vorlauf hat damit zu tun, dass Haus Westermann kein normales Projekt ist, denn dort wird es viele unterschiedliche Nutzungen geben: eine Pflegewohngruppe für Senioren, eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderung, sechs weitere Wohnungen, die Touristeninfo und ein Beratungsbüro für Energieberatung. Das alles zu planen und abzustimmen, ist eine Menge Arbeit, die der Investor Thomas Buhl leistet. Dabei geht es auch um öffentliche Zuschüsse.

Ist denn inzwischen alles geklärt?

Im Rahmen des Baugenehmigungsverfahrens geht es noch um Details. Die sind bei einem Gespräch mit dem Kreis Coesfeld in der letzten Woche geklärt worden.


Nordkirchens Bürgermeister Bergmann: „Bis auf ein Grundstück sind alle Gewerbeflächen weg“

Seine Tage sind gezählt: Haus Westermann. © Foto: Karim Laouari


Welche Auswirkungen auf den Verkehr werden die Abrissarbeiten haben?

Das wird zurzeit noch diskutiert. Fest steht aber, dass die Schloßstraße offen bleiben wird für Pkw und Fußgänger. Dafür wird es eine Einbahnstraßenregelegung auf der Mühlenstraße ab Schloßstraße bis „An der Mühle“ geben. Der Lkw-Verkehr wird umgeleitet. Das ist ja auch der Grund, warum der Abriss in den Ferien erfolgen muss, um nicht den Verkehr zur Gesamtschule zu behindern. Wir reden bei dem Abriss übrigens auch nicht über Wochen. Zum Ferienende wird wieder alles befahrbar sein.

So schnell?

Doch, das geht schnell. Nur bei Teilen des Kellergeschosses an der Mühlenstraße wird man nicht ganz so flott vorankommen, denn die sollen bestehen bleiben. Der Investor will sie als Tiefgarage nutzen.

Nordkirchens Bürgermeister Bergmann: „Bis auf ein Grundstück sind alle Gewerbeflächen weg“

Ende September 2018 wurde der Digitalcampus eröffnet. Längst ist alles voll. © Arndt Brede


Themenwechsel: vom Abriss der alten Gaststätte an der Schloßstraße/Ecke Mühlenstraße zum Aufbau des neuen Digitalcampus an der Aspastraße. Wie läuft es damit?

Das ist ein sehr erfolgreiches Projekt für uns mit überregionaler Bedeutung. Wir haben junge Start-ups hierhin bekommen, auch ältere (lacht). Wir hätten nicht gedacht, dass wir so schnell voll würden und noch eine zweite Etage anmieten würden.

Wie sieht der nächste Schritt aus?

Da sind wir gerade dabei. Wir ändern den Bebauungsplan für die Fläche hinter dem ehemaligen Autohauses an der Lüdinghauser Straße. Da will ein Investor Gründergaragen und ein Bürogebäude bauen für Jungunternehmer und Start-ups: eine Art Gründerzentrum. Wir haben dafür über den Digitalcampus noch Nachfrage. Vielleicht kann man Ausgründungen machen. Ein Start-up bleibt eine gewisse Zeit im Digitalcampus, dann gründet es sich aus. Für etwas Gewerbliches sind Garage und Büro darüber ideal.

Der Digital-Campus strahlt inzwischen über Nordkirchen hinaus aus …

… stimmt. Der Campus wird zunehmend auch extern genutzt. Die Handwerkskammer hat dort etwa Veranstaltungen durchgeführt. Herr Lachmann (Anm. d. Red.: Manuel Lachmann ist der Wirtschaftsförderer der Gemeinde) ist außerdem im Landtag gewesen, um über unser Projekt zu reden und zu zeigen, dass so etwas nicht nur in Großstädten funktioniert.

Warum funktioniert das?

Weil wir hier in der Verwaltung zusammen mit Gewerbetreibenden eine Truppe haben, die offen für neue Ideen ist. Wir probieren aus und gucken, ob es funktioniert. Aber es funktioniert nicht von alleine. Begleitung ist nötig. Inzwischen gibt es Externe, die das mitorganisieren wollen. Darüber reden wir gerade. Neue Ideen von außen? Das kann nicht schaden.

Vom neuen zum traditionellen Gewerbe. Wie sieht es damit aus in der Gemeinde?

Wir haben zwischenzeitlich das Problem, dass wir keine Gewerbeflächen mehr haben. In den vergangenen Monaten gab es eine große Nachfrage. Bis auf ein Grundstück ist alles weg.

Und nun?

Wir möchten eine sanfte Weiterentwicklung haben. Nach der Regionalplanung geht noch was in Nordkirchen. Das gehen wir in den nächsten Wochen und Monaten an.

Wie kommen denn Arbeitnehmer von ihrer Wohnung zum Arbeitsplatz, wenn sie kein eigenes Auto haben?

Das ist die Herausforderung. Ein Mobilitätsangebot zu schaffen, das angepasst ist auf eine Gemeinde der Größe Nordkirchens, würde ziemlich viele Probleme lösen. Auch hinsichtlich der Attraktivität eines Standorts. Wir möchten Angebote schaffen, welche den Leuten in den kleineren Ortsteilen die Versorgung sichert. Gleichzeitig soll für eine gewisse Standortunabhängigkeit innerhalb der Gemeinde gesorgt sein. Für uns ist die Verbindung der Ortsteile wichtig. Vor allem, da wir nicht in jedem Ort die gleiche Infrastruktur vorhalten können.

Zum Beispiel?

Immer wieder war zu hören, Südkirchen brauche eine Apotheke. Wir haben da Gespräche geführt, aber es lässt sich wirtschaftlich nicht betreiben. Darum müssen wir anders vorgehen. Wie kommen die Menschen zu den Angeboten oder wie kommen die Angebote zu den Menschen? Da bezahlbare Lösungen zu schaffen, ist unsere Aufgabe. Dass es funktionieren kann, sehen wir ja schon.

Wo?

Zum Beispiel beim Bürgerbus, der Westfalentarif beim Bürgerbus zeigt schon, dass Mobilität funktioniert. Früher war es so: Die Menschen kamen mit dem Zug am Bahnhof Capelle an, dann stiegen sie in den Bürgerbus ein und mussten den obligatorischen Euro bezahlen. Das haben die Leute nicht gemacht; 2 Euro am Tag, 10 Euro die Woche. Da fuhren sie lieber mit dem Auto. Jetzt ist das im Westfalentarif drin. Die Folge: eine deutliche Zunahme der Fahrgäste. Bezahlbare Mobilität funktioniert.

Wie bauen Sie darauf auf?

Mit Mobilstationen mit bedarfsorientierten Angeboten. Der Förderantrag ist gestellt. In diesen Tagen gibt es ein Fördergespräch. Da wird dann entschieden, für welche Ideen wir Geld bekommen.

Heißt das, dass sich so lange noch nichts tut?

Nein, das heißt das nicht. Wir sind gerade dabei, mit Partnern den Bedarf abzufragen. Wer alles kann ein Carsharing-Auto am Bahnhof Capelle nutzen? Das wird für Hotelkunden interessant sein. Aber vielleicht auch für Gewerbetreibende. Keine weiteren Dienstwagen anzuschaffen, sondern das Carsharing-Auto zu nutzen, kann eine Option sein. Zum Herbst hin werden wir es genau wissen. In der ersten Jahreshälfte 2020 wollen wir dann in die Praxis einsteigen, auch was die Service-Station angeht.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Eine Stelle, wo Pakete abgeholt werden können. Da sind wir zum Beispiel auch mit der Fachhochschule im Gespräch. Studenten bestellen sich schließlich auch Pakete. Aber wo kommen die hin? Da hilft eine Service-Station. Wir diskutieren gerade, ob das funktionieren könnte? Wer kann da arbeiten? Wir sind da mit den beiden großen Behinderteneinrichtungen im Gespräch.

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