Christin Schulz aus Südkirchen und Sohn Felix. Seine Geburt war eine ganz besondere. © Schulz
Coronavirus

Geburt in der Corona-Zeit: „Es ist schon eine krasse Geschichte…“

Christin Schulz aus Südkirchen brachte ihren Sohn mitten in der zweiten Welle der Corona-Welle zur Welt. Und zwar vollkommen alleine. Geplant war das eigentlich anders.

3580 Gramm wog Felix bei seiner Geburt am 28. November 2020, 52 Zentimeter war er groß. „Also schon ein ziemlicher Wonneproppen“, sagt seine Mutter Christin Schulz (30) aus Südkirchen. Die Geburt von Felix dauerte ziemlich lange, und dann ging es am Ende so schnell, dass Felix’ Vater Marvin bei der Geburt nicht dabei sein konnte und Christin Schulz scherzhaft sagt „Ich hätte sie ja selbst fast verpasst.“

Und das kam so:

In der Corona-Pandemie gelten auch bei Geburten strikte Regeln. Sie können je nach Klinik abweichen. In der Klinik von Christin Schulz galt: Ihr Mann hätte sie nach der Geburt nur eine Stunde am Tag besuchen dürfen und hätte auch eine Stunde nach der Geburt wieder gehen müssen. Vor der Geburt galt: Ihr Mann durfte erst dann in die Klinik, wenn sichergestellt ist, dass die Geburt bald losgeht.

32 Stunden dauerte die Geburt – 25 Stunden passierte nichts

Das bedeutet, der Muttermund muss zwischen drei bis vier Zentimetern geöffnet sein. Etwa zehn Zentimeter ist der Muttermund geöffnet, wenn das Baby kommt. „Aber auch der Weg bis zu vier Zentimetern ist schon lang“, sagt Christin Schulz. Zeit, in der man die Unterstützung des Partners vielleicht gut gebrauchen könnte. Gerade, wenn es sich wie bei Felix um das erste Kind handelt. Bei Christin Schulz tat sich etwa 25 Stunden rein gar nichts, die letzten fünf bis sechs Stunden ging es dagegen rasant.

Eigentlich hatte sich Christin Schulz vorgenommen, so wenig Zeit wie möglich vor der Geburt in der Klinik zu verbringen. Nachdem sie am Donnerstagmittag – die Geburt war an einem Samstag – das erste Fruchtwasser verloren hatte und in der Nacht kein bisschen geschlafen und den Tag über vor Aufregung auch nichts gegessen hatte, entschied sie sich, Freitagmittag im Krankenhaus zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt war der Muttermund zwei Zentimeter geöffnet. Weil sie Vorerkrankungen hat, wusste sie, dass sie keine Schmerzmittel und auch keine PDA bekommen könnte. „Aber die einzige Alternative wäre gewesen, dass ich einen Kaiserschnitt unter Vollnarkose bekommen hätte und dann hätten ja mein Mann und ich die Geburt verpasst“, erzählt Christin Schulz. Das kam also nicht in Frage.

Die Hebamme ist sich sicher: „Das dauert noch“

Sie wartet in ihrem Stationszimmer, die Abstände der Wehen verkürzen sich. „Aber mir wurde die ganze Zeit vermittelt, dass das alles noch dauert“, sagt Christin Schulz. Als sie nachts, von Freitag auf Samstag, das Gefühl hat, dass sich ihre Situation ändert, wird sie um halb zwei in den Kreißsaal verlegt. Die Hebamme ist sich aber trotzdem sicher: „Das dauert noch“, wie Christin Schulz erzählt. „Ich lag in meinem Stationsbett im Kreißsaal und musste das aushalten“, sagt Christin Schulz über den Schmerz. Die Hebamme hatte sie nicht noch einmal untersucht und kontrolliert, ob der Muttermund größer geworden ist. Dann hätte sie entdeckt, dass sich der Muttermund von Christin Schulz innerhalb von fünf bis sechs Stunden wesentlich schneller geöffnet hat, als sie es erwartete.

Christin Schulz, Ehemann Marvin. Er verpasste zwar die ersten Minuten nach Felix Geburt. Aber dann war er ganz schnell im Krankenhaus.
Christin Schulz, Ehemann Marvin. Er verpasste zwar die ersten Minuten nach Felix Geburt. Aber dann war er ganz schnell im Krankenhaus. © Schulz © Schulz

„Auf einmal habe ich gemerkt, dass etwas anders ist“, sagt Christin Schulz, sie greift zur Seite und erfühlt einen Kopf mit Haaren. „Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen“, sagt sie, sie drückt den Notfallknopf, sie dreht sich von der Seite auf den Rücken und presst noch einmal und in dem Moment, als Ärztin und Hebamme kommen, ist Felix auch schon geboren. Um 6.24 Uhr. „Gesund und munter“, wie Christin Schulz sagt. So richtig glaubt sie es selbst erst, als sie den Schrei des Babys hört. Ebenso perplex war ihr Mann, der zu Hause auf den Anruf des Krankenhauses gewartet hatte und schließlich von seiner Frau selbst aus dem Schlaf gerissen wird. „Es tut mir leid, Felix ist schon da“, sagt sie ihm, während Felix auf ihrer Brust liegt.

30 Sekunden statt 32 Stunden verpasst

Rückblickend sagt Christin Schulz, dass ihr Mann eigentlich nur diese letzten 30 Sekunden verpasst habe. Der Rest waren 32 Stunden, die sie Schmerzen hatte und in denen er ihr nicht hätte helfen können. Konzentration auf den Schmerz, ausruhen von den Schmerzen. „Ich habe mich sehr auf mich konzentriert“, sagt Christin Schulz, „vielleicht wäre es in einem Raum voller Menschen gar nicht anders gewesen.“ Christin Schulz glaubt an Schicksal, vielleicht sollte es auch so sein. Aber, dass ihr Mann eben diese ersten Sekunden mit seinem Baby verpasst hat und das eigentlich alles anders geplant war, das kann man nicht leugnen.

„Dass sie nicht mehr untersucht hat“, sagt Christin Schulz über die Hebamme, „ist der Grund, warum mein Mann die Geburt verpasst hat.“ Sie hegt aber keinen Groll gegen die Klinik, „wir haben das geklärt“, sagt sie. Deswegen taucht die Klinik in diesem Text auch nicht namentlich auf. Christin Schulz geht es darum, ihre Geburtserfahrungen während der Corona-Pandemie zu teilen und auch andere baldige Mütter zu ermutigen. Ohne Corona wäre sie nicht alleine gewesen. Ihr Mann hätte wahrscheinlich mit ihr in einem Familienzimmer gewartet und diese Geschichte wäre anders gelaufen. Dass gerade diese Familienzimmer in der Corona-Pandemie nicht möglich sind, findet sie schade. Mit einem Corona-Test und wenn der Mann das Zimmer ansonsten nicht verlässt, könnte es doch gehen, schlägt Christin Schulz vor.

„Mamis müssen sich auf ihre Gefühle verlassen“

Sie sagt nach ihren Erfahrungen: „Die Mamis müssen sich auf ihre Gefühle verlassen, wenn ihr Mann nicht da ist.“ Wenn man merkt, dass sich etwas anders oder komisch anfühlt, dann sollte man darauf bestehen, dass noch mal nach dem Grund gesucht wird, sagt Christin Schulz rückblickend. Außerdem findet sie: „Lieber einmal zu viel, als zu wenig zum Krankenhaus, selbst wenn man Angst hat, dann zwischendurch allein zu sein.“ Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann auch die Gedanken, wenn nicht alles gut gegangen wäre, für sich aufgearbeitet.

Hätte man ihr vorher gesagt, wie sie ihr Kind zur Welt bringen würde, ohne Hilfe, ohne Mann, dann hätte sie Angst gehabt, sagt Christin Schulz. Heute sagt sie: „Es ist schon eine krasse Geschichte, aber ich hätte es mir nicht schöner vorstellen können.“ Besonders fasziniert ist sie von der Tatsache, dass ihr Körper instinktiv wusste, was er zu tun hatte, obwohl sie selbst nicht genau wusste, was passieren würde.

Dass die Geburt ohne Schmerzmedikation etwas anders sein würde, das wusste sie ja schon. „Ich habe schon vorher gesagt, ich werde stolz auf mich sein“, sagt Christin Schulz, „aber dass ich so stolz sein würde, hätte ich nicht gedacht.“

Besuche im Krankenhaus:

  • In der aktuellen Corona-Schutzverordnung des Landes NRW steht, dass Besuche im Krankenhaus möglich sind. Es muss aber ein einrichtungsbezogenes Besuchskonzept geben, das die Empfehlungen und Richtlinien des Robert Koch-Instituts zum Hygiene- und Infektionsschutz umsetzt.
  • „Dabei ist stets zu berücksichtigen, dass die jeweiligen Regelungen nicht zu einer vollständigen Isolation der Betroffenen führen dürfen. Insbesondere müssen die Begleitung des Geburtsprozesses und der Geburt und Besuche, die aus Rechtsgründen (insbesondere zwingende Angelegenheiten im Zusammenhang mit einer rechtlichen Betreuung) oder zur seelsorgerischen Betreuung erforderlich sind, infektionsschutzgerecht ermöglicht werden“, heißt es dort. Dies gilt zum Beispiel auch für die Begleitung Sterbender.
Über die Autorin
Redakteurin
Ich bin neugierig. Auf Menschen und ihre Geschichten. Deshalb bin ich Journalistin geworden und habe zuvor Kulturwissenschaften, Journalistik und Soziologie studiert. Ich selbst bin Exil-Sauerländerin, Dortmund-Wohnerin und Münsterland-Kennenlernerin.
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