In vielen ländlichen Regionen NRWs herrscht akuter Ärztemangel. Der Generationenwechsel einer Nordkirchener Praxis zeigt einen Weg, wie sich junge Ärzte für kleine Gemeinden gewinnen lassen.

Nordkirchen

, 23.02.2020, 19:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Langes Warten auf einen Termin beim Facharzt, volle Wartezimmer bei den wenigen verbliebenen Allgemeinmedizinern: „In den ländlichen Gebieten Nordrhein-Westfalens kommen laut des Statistischen Landesamts (IT NRW) fast achtmal so viele Menschen auf eine Facharztpraxis wie in den städtischen Gebieten“, warnt der Landkreistag Nordrhein-Westfalen (LKT NRW), der kommunale Spitzenverband der 31 Kreise des Landes.

Im Kreis Paderborn seien es sogar 20-mal so viele Menschen, heißt es weiter. Der LKT NRW sieht daher „dringenden Handlungsbedarf“, um die ärztliche Versorgung auf dem Land gegenüber den städtischen Gebieten zu verbessern.

Genug zu tun in Nordkirchen, aber keine schlechte Arztversorgung

Vier Arztpraxen für Allgemeinmedizin gibt es in der Gemeinde Nordkirchen. In der Gemeinschaftspraxis am Kirchplatz in Südkirchen arbeitet Markus Etzold (36) als angestellter Arzt. Etzold ist Allgemeinmediziner und Internist und seit 2016 in der Praxis, die seit den 90er-Jahren von seinen Eltern geleitet wird.

In der Praxis mit vier Ärzten und zwei Weiterbildungsassistenten gebe es genug zu tun, sagt der Allgemeinmediziner. Eine schlechte Ärzteversorgung sieht er in der Schlossgemeinde allerdings nicht. Allerdings wissen Markus und seine Frau Helena Etzold (36), die ebenfalls Ärztin ist und in der Praxis zurzeit als Weiterbildungsassistentin arbeitet, welche Abwägungen viele junge Ärzte treffen, bevor sie entscheiden, an welchem Ort sie arbeiten wollen.

Lieber in eine Gemeinschaftspraxis statt als Einzelkämpfer

Beide haben in Aachen studiert und dann in Bielefeld gearbeitet. „Wir hätten uns durchaus vorstellen können, in Bielefeld zu bleiben“, sagt Helena Etzold. Dass beide dann doch nach Nordkirchen gezogen sind, habe auch damit zu tun, dass sie in der Gemeinschaftspraxis nicht als „Einzelkämpfer“ arbeiten, wie Markus Etzold erklärt.

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Eine Arztpraxis sei letztlich auch ein Betrieb, der wirtschaftlich arbeiten müsse. Wenn sich diese Last auf mehrere Schultern verteile, sei der Druck für den einzelnen Arzt deutlich geringer. Außerdem empfindet das Ehepaar den fachlichen Austausch mit den Kollegen als enorm wichtig und als große Bereicherung für den Arbeitsalltag.

Land setzt auf Anreiz über einfacheren Studienzugang

Als junger Arzt aus der Großstadt, die einem bekannt und vertraut ist, aufs Land zu ziehen und dann alleine eine Praxis übernehmen - das wirke auf viele eher abschreckend. Die Gemeinschaftspraxis sei ein nicht zu unterschätzender Anreiz, den Schritt aufs Land doch zu beschreiten. Gerade als angestellter Arzt habe man es allerdings auch grundsätzlich leichter, weil viele der administrativen Aufgaben einer Praxis erst einmal nicht oder nur begrenzt anfallen, sagt Etzold.

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Das Land NRW geht seit etwa einem Jahr einen weiteren Weg und versucht einer Unterversorgung mit der Landarztquote entgegenzuwirken. Heißt konkret: Seit 2019 werden ein Teil der Medizinstudienplätze an Bewerberinnen und Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach dem Studium zehn Jahre lang in unterversorgten Regionen zu arbeiten. Wer sich an diese Verpflichtung nicht hält, muss mit einer Strafzahlung von einer Viertelmillion Euro rechnen.

Schließt Telemedizin eine Versorgungslücke?

Statt einen Zwang sieht das Land darin eher eine Chance für diejenigen, die zwar kein Spitzenabitur haben, dennoch Medizin studieren wollen und sich vorstellen können, in ländlichen Regionen zu arbeiten. Das Land NRW rechnet vor, dass jedes Jahr rund 2000 Ärzte in NRW ausgebildet werden, von denen allerdings nur etwa zehn Prozent davon Allgemeinmediziner werden. Dieser Schnitt und soll angehoben werden - und vor allem die Zahl der Landärzte.

Eine weitere Möglichkeit, die Versorgung auf dem Land zu verbessern, könnte die Telemedizin sein. Die ärztliche Behandlung per Computer und Webcam von zu Hause aus hält Markus Etzold zum Teil durchaus für vorstellbar, auch wenn die Südkirchener Praxis die Technik noch nicht nutzt.

Vom Alltag des durchschnittlichen Mediziners ist das Konzept aber noch weit weg. In vielen Fällen müsse man den Patienten einfach in Natura sehen, um Diagnosen zu stellen, macht Helena Etzold deutlich. Eher als in Nordkirchen und Umgebung sei das Konzept eher für Regionen vorstellbar, in denen größere Entfernungen bis zum Patienten zu überbrücken seien.

Nordkirchen liegt in einem günstigen Einzugsgebiet

Hinzu kommt, dass es in Nordkirchen auch die klassischen Hausbesuche nach wie vor gebe, erklärt Markus Etzold. Mehrmals pro Woche seien die Ärzte aus der Gemeinschaftspraxis bei Patienten, die vorübergehend oder gar nicht mehr von sich aus in die Praxis kommen können.

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Derzeit sehen Helena und Markus Etzold die ärztliche Versorgung in Nordkirchen als ausreichend an - unter anderem auch, weil in Lüdinghausen, Werne und Lünen in direkter Nähe Krankenhäuser und zahlreiche Spezialisten verteilt seien.

Und: Der ärztliche Bereitschaftsdienst, also die bundesweite Rufnummer 116 117, habe eine Entlastung für Ärzte, aber auch einen verlässlichen Anlaufpunkt für Patienten eingeführt, die außerhalb der Dienstzeiten eine Behandlung brauchen. Das klassische Bild des Landarztes beinhalte auch die ständige Erreichbarkeit. „Als Landarzt fühlt man sich eher verantwortlich, weil im Umkreis weniger Praxen sind als in der Stadt“, erklärt Helena Etzold. Job, Familie und Freizeit unter einen Hut zu bekommen kann dadurch auf dem Land zumindest schwieriger werden als in der Stadt.

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