Zahlen zeigen: Kreis Coesfeld überschreitet neuen Corona-Grenzwert

hzHohe Neu-Infektionen

Der Kreis Coesfeld ist der Kreis in NRW, der die meisten Corona-Neuinfizierungen innerhalb einer Woche je 100.000 Einwohner hat. Der neue Grenzwert wird laut unseren Berechnungen sogar überschritten.

Nordkirchen, Olfen, Herbern

, 07.05.2020, 17:32 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das neue Wort in der Corona-Debatte heißt Notfallmechanismus. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es am Mittwoch benutzt, als sie die neuen Lockerungen in Zusammenhang mit dem Corona-Virus bekanntgegeben hat.

Dieser Mechanismus greift, wenn ein Landkreis oder eine kreisfreie Stadt innerhalb von sieben Tagen mehr als 50 Neu-Infizierungen pro 100.000 Einwohner hat. Dann sollen Lockerungen wieder rückgängig gemacht werden. „Wenn lokal etwas passiert, dann warten wir nicht, bis sich das durch die gesamte Republik verbreitet hat, sondern dann handeln wir lokal für andere“, sagte Angela Merkel am Mittwoch.

Die meisten neuen Corona-Fälle im Einwohnervergleich im Kreis Coesfeld

Der Kreis Coesfeld schaffte es direkt in die Schlagzeilen, da er laut den Zahlen des Robert-Koch-Instituts in ganz Nordrhein-Westfalen der Kreis mit der höchsten Zahl an Neuinfektionen berechnet auf 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen Woche war. Mit den Zahlen vom Dienstag landete er bei 36,83 Fällen. Einen Tag später, also mit Stand Mittwoch, liegt die Zahl bei 37,74 Fällen.

Wer aber die Neuinfektionen laut Robert Koch-Institut mit den Zahlen vergleicht, die auf der Website des Kreises publiziert sind, merkt direkt, dass die Zahlen des Robert-Koch-Instituts viel geringer sind.

Der Hintergrund: Wenn eine Coronavirus-Infektion festgestellt wird, meldet der Arzt sie an das zuständige Gesundheitsamt des Kreises, dieses meldet dann die Fälle weiter an die zuständige Landesbehörde und diese meldet wiederum an das Robert-Koch-Institut. So kann es laut RKI zu einigen Tagen Meldeverzögerung kommen. Diese lägen in der Regel bei ein bis zwei Tagen, so Susanne Glasmacher vom RKI. Das RKI behalte dabei auch die Kreisdaten im Blick, so Glasmacher. „Es ist aber Aufgabe und geübte Praxis der Gesundheitsämter vor Ort, eine Situation umfassend zu bewerten, um über erforderliche Maßnahmen zu entscheiden.“

Nimmt man also die Zahlen des Kreises als Berechnungsgrundlage, kommt man am Dienstag noch auf einen Wert von 39,10 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner im sieben Tage-Schnitt. Am Mittwoch sind es aber bereits 54,11 Fälle. Der Wert des Notfallmechanismus wurde also überschritten. Am Donnerstag meldet der Kreis noch einmal 52 neue Infizierungen. Laut diesen Zahlen läge die Rate bereits bei 73,2. Eine mehr als deutliche Überschreitung der 50er-Linie.

Infektionsherd ist klar

Die Zahlen zeigen auch, dass es im Kreis Ende März, etwa eine Woche nach Eintreten der Schulschließungen und der Kontaktverbote, eine hohe Zunahme an neuen Infektionen gemäß dieser Rechnung schon gab. Laut den Kreiszahlen lag sie sogar bei über 70, laut RKI knapp unter 70. Danach sind die Neuinfektionen kontinuierlich gesunken.

Vor allen Dingen in den vergangenen Tagen gab es aber einen massiven Anstieg an Neu-Infektionen im Kreis: Allein am Montag waren es 51 Neuinfektionen, am Mittwoch 34, am Donnerstag 52. Das sind die stärksten Steigerungen innerhalb eines Tages, seit das Coronavirus den Kreis erreicht hat. In den RKI-Zahlen sind diese Steigerungen noch nicht vollständig berücksichtigt. So dass dieser Wert in den nächsten Tagen wahrscheinlich ebenfalls steigen wird. Für den Notfallmechanismus gelten die RKI-Zahlen.

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Die Ursache für die massiven Steigerungen konnte der Kreis festmachen: Bei Westfleisch in Coesfeld war es zu einem Ausbruch des Coronavirus gekommen. Allein 90 der nun aufgetretenen neuen Fälle seien auf den Ausbruch in dem Unternehmen zurückzuführen, teilte der Kreis am Donnerstag mit. „Wir haben in den vergangenen Tagen in diesem Personenkreis gezielt ermittelt und entsprechend oft getestet“, hatte Ärztin Celine Klostermann schon am Montag mitgeteilt. Allein am Donnerstag seien weitere 200 Tests erfolgt.

Machen alle Städte im Kreis deswegen dicht?

Aber was heißt das nun? Gibt es in Olfen oder Nordkirchen beispielsweise Kontaktbeschränkungen, weil in einem Betrieb das Coronavirus ausgebrochen ist und die Zahlen nach oben treibt? Wie unterschiedlich die Verteilung ist, sieht man auch auf der Seite des Kreises. Auf die Einwohnerzahl gerechnet hat zum Beispiel Rosendahl mit 52,75 die meisten Fälle je 10.000 Einwohner (hier ist mit der Gesamtzahl der Infektionen gerechnet worden). Olfen hat mit 17,13 die wenigsten. In Olfen gibt es seit einer Woche keine neuen Infizierten, in Nordkirchen schon seit drei Wochen nicht mehr.

Welche Maßnahmen greifen, wenn der Notfallmechanismus aktiviert werden muss, das regelt jedes Land selbst. Auch der Kreis weiß das noch gar nicht. „Wir haben noch keine Anweisungen erhalten“, sagt Sandra Wilde von der Pressestelle des Kreises. Die Regelungen müssten noch in Landesrecht umgesetzt werden. „Wir sehen, dass der Notfallmechanismus bei uns greifen könnte“, so Wilde. Aber man warte auf genauere Anweisungen. „Wir versuchen jetzt erstmal, dass wir diese Infektionszahlen in den Griff bekommen.“

Allerdings habe Ministerpräsident Armin Laschet am Mittwoch bereits angekündigt, dass es regionale Unterscheidungen geben soll. Hohe Zahlen in der Stadt seien natürlich gefährlicher, als auf dem Land, hatte Laschet am Mittwoch gesagt. Und wenn in einem Seniorenheim das Coronavirus ausgebrochen sei, müsse man deshalb keine Schule schließen, machte er ebenfalls klar. Weiteres ist noch unklar. „Wir können dazu noch keine Fragen beantworten“, sagt Axel Birkenkämper vom NRW-Arbeitsministerium. Aktuell werde an der Umsetzung noch gearbeitet.

Am Donnerstag gab es auch Gespräche mit dem Kreis und Westfleisch. „Das Unternehmen hat dabei deutlich gemacht, in dieser Situation den Produktionsbetrieb vorübergehend einstellen zu müssen“, so Landrat Christian Schulze Pellengahr in einer Pressemitteilung. „Die Firma sieht vor, positiv getestete Beschäftigte, wie bereits jetzt auch schon geschehen, in zusätzlich angemieteten Unterkünften zusammenzufassen, um die Quarantäne konsequent zu gewährleisten, so der Landrat.

Durch die zusätzlichen Tests bei Westfleisch werden die Zahlen wohl noch weiter nach oben schnellen. Weniger Testen, nur um das Ergebnis im Rahmen zu halten, komme jedenfalls nicht in Frage: „Das Gesundheitsamt hat die Gesundheit der Menschen im Blick, also wird auch weiter getestet“, sagt Wilde. Auch, wenn das das Ergebnis nach oben treibt.

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