Die Ereignisse rund um die Firma Westfleisch in Coesfeld haben zu einer breiten Diskussion über die Bedingungen in der Fleischindustrie geführt. Auch die Politik in Nordkirchen nimmt Stellung.

Nordkirchen

, 13.05.2020, 21:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wegen der vielen Infektionen mit dem Coronavirus beim Unternehmen Westfleisch hat der Kreis Coesfeld als erster Kreis in Nordrhein-Westfalen den Grenzwert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschritten. Das hatte Konsequenzen für alle Menschen im Kreis.

Die Politik in Nordkirchen nimmt zu den Ereignissen Stellung. Wir geben die Stellungnahmen gekürzt wieder.

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Ulrich Stüeken, Vorsitzender Die Grünen in Nordkirchen:

Die Grünen kritisieren, dass der Kreis bei einem Stand von 151 Infizierten am Freitag den Betrieb dennoch zunächst nicht geschlossen hatte. „Der Fall ist leider symptomatisch für die deutsche Fleischindustrie und ihre radikale Profitorientierung“, so Stüeken. Zudem kritisieren die Nordkirchener Grünen, dass von den rund 1200 Mitarbeitern etwa die Hälfte aus Saisonarbeitern besteht. „Warum diese Umstände?“, fragen die Grünen rhetorisch, „weil es billiger ist, als ausgebildete inländische Fachkräfte fest anzustellen.“ Wie in so vielen anderen Fällen zeige sich, dass es oft die sozial Schwächsten sind, die von der Pandemie am meisten betroffen sind“, schreiben sie weiter.

„Bei Westfleisch durchzugreifen und den Infektionsherd zu schließen, wäre sinnvoll gewesen“, so die Partei in Richtung des Landrates, Dr. Schulze Pellengahr (CDU), „Dass die Menschen hier im Kreis nun um den Lohn für ihre Disziplin, ihr Verständnis und ihre Geduld der letzten Wochen betrogen werden, ist eben kein unglücklicher Zufall. Die Tatsache, dass auch das Westfleisch-Werk im Kreis Recklinghausen Infektionsherd ist, zeigt, dass in der Fleischindustrie vor allem anderen der Profit zählt und dass den Preis zuerst die Mitarbeiter und letztlich wir alle zahlen.“

Rainer Bolte, Vorsitzender CDU in Nordkirchen:

“Die Vorfälle bei Westfleisch sorgen auch bei vielen Bürgerinnen und Bürgern unserer Gemeinde zu Recht für einige Unruhe“, so Rainer Bolte für die Nordkirchener CDU. „Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen und mit allen rechtsstaatlichen Mitteln den Schutz der Menschen sicherstellen.“

„Wir unterstützen daher das Vorgehen von Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr und dem Kreis Coesfeld ausdrücklich und begrüßen angesichts der hohen Zahl der Corona-Infizierten die vorübergehende Schließung“, so Bolte. Es sei gut, dass die Mitarbeiter schnell auf das Coronavirus getestet wurden und für alle positiv Getesteten und deren Kontaktpersonen die Quarantäne-Vorschriften durchgesetzt worden seien.

„Über den aktuellen Fall hinaus sollten neben einem Hygienekonzept die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie grundsätzlich genauer unter die Lupe genommen werden. Es entspricht nicht unserem Verständnis von sozialer Marktwirtschaft, wenn ein Geschäftsmodell darauf basiert, ausländische Beschäftigte unter zumindest fragwürdigen Arbeitsbedingungen in Deutschland auszubeuten“, so Bolte.

Gereon Stierl, Vorsitzender, SPD Nordkirchen:

Der SPD-Ortsverein und die SPD-Fraktion in Nordkirchen verurteilen die „skandalösen Vorfälle im Zusammenhang mit den explosionsartig aufgetretenen neuen Infektionen mit dem Coronavirus bei dem Coesfelder Fleischerzeuger Westfleisch auf das Schärfste“, schreiben Gereon Stierl und Carsten Sprung von der Nordkirchener SPD.

„Wir sind der Auffassung, dass eine solche Häufung trotz bestehender Auflagen nur entstehen kann, wenn massiv gegen

die bestehenden Schutzvorschriften verstoßen wurde“, schreiben sie weiter. Die Kreisverwaltung hätte schon am 4. Mai - als erstmals eine Mehrzahl an Ansteckungen in Zusammenhang mit Westfleisch auftrat, den Betrieb schließen und alle Mitarbeiter testen müssen. „Durch dieses Versäumnis habe sich das Virus mehrere Tage weiter ungestört ausbreiten können“, schreiben sie.

Die Nordkirchener SPD stellt in ihrer Stellungnahme einige Forderungen an den Kreis Coesfeld auf. Darunter folgende: Die Produktion bei Westfleisch dürfe erst wieder aufgenommen werden, wenn feststeht, dass dort ausschließlich negativ getestete oder aus der Quarantäne entlassene Personen beschäftigt werden und Verantwortliche für den unkontrollierten Ausbruch der Pandemie seien zu ermitteln und haftbar zu machen.

Christian Lübbert, Fraktionsvorsitzender UWG Nordkirchen:

„Aus meiner Sicht wurde vom Kreis nicht konsequent und schnell genug gehandelt“, so Lübbert. Der „systemrelevante“ Betrieb hätte direkt nach Bekanntwerden der ersten Infektionsfälle geschlossen werden müssen, allein um die Gesundheit der Mitarbeiter zu schützen, so der UWG-Fraktionsvorsitzende weiter. Befremdlich finde er, dass ein solcher Betrieb, da er systemrelevant ist, anfangs scheinbar selbst entscheiden könne, ob er schließt oder nicht.

„Es müssen eklatante Fehler im System herrschen, wenn in der Lockdown-Zeit eine solche Infektionswelle dort startet. Allerdings ist es wohl nicht nur ein Problem des Betriebes in Coesfeld, sondern ein grundlegendes in der fleischverarbeitenden Großindustrie“, so Lübbert.

„Wir in Nordkirchen, in rund 40 Kilometer Entfernung zu Coesfeld und mit keinem einzigen Neuinfizierten in den letzten Wochen, müssen es durch die Verlängerung der Lockdown-Maßnahmen ausbaden“, schreibt er für die UWG weiter. Allen voran die Gewerbetreibenden, die sich auf eine Lockerung zum 11 Mai vorbereitet hätten und nun mindestens eine Woche auf eine Wiedereröffnung warten müssen. „Das ist umso ärgerlicher, da fünf Kilometer weiter der Kreis Unna, derzeit ohne Einschränkungen, angrenzt...“

Joachim Seidel, FDP Nordkirchen:

„Die Art und Weise mit der Westfleisch mit den Saisonarbeitern umgeht, ist so nicht hinzunehmen und gehört dringend korrigiert“, schreibt Joachim Seidel von der FDP Nordkirchen in seiner Stellungnahme. „Das Gut einer Arbeitskraft gehört gewürdigt und anständig entlohnt. Dies gilt auch für die Erntehelfer in der Landwirtschaft“,

Grundsätzlich müsse aber mit Bedacht und Vorsicht agiert werden. „Die Gesundheit eines jeden einzelnen sollte oberste Priorität haben, zumal wir laut Virologen gerade erst am Anfang der Pandemie stehen“, so Seidel.

Sicherlich seien die Maßnahmen des Kreises Coesfeld für viele Unternehmen speziell im Gastronomiegewerbe eine starke wirtschaftliche, zusätzliche Belastung in Zeiten von Corona. Zumal sich jede Privatperson und vor allem Unternehmer auf die anstehende Lockerung gefreut hätten. „Allerdings darf es nicht sein, dass ein Arbeitgeber, mit dem Hinweis auf Subunternehmer, sich aus der Verantwortung stiehlt“, so Seidel. Die Rücknahme der Lockerungsmaßnahmen für den ganzen Kreis sei ärgerlich und verursache für betroffene Unternehmen auch Kosten, „da die Obergrenze bezüglich Neuinfektionen mit der Bundesregierung seitens der Länder abgestimmt wurde, sollten wir im Interesse der Gesundheit aller diese akzeptieren“, so Seidel weiter.

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