Claudia Krogul hatte eine Lungen-Transplantation. Für die Nordkirchenerin ist die Corona-Gefahr besonders groß. Sie sagt: „Ich bin die, die an ein Atemgerät muss.“

Nordkirchen

, 16.03.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Keine Restaurants, keine Bar-Besuche, so wenig Kontakte wie möglich. Für Claudia Krogul ist die Quasi-Quarantäne schon seit Anfang März Realität. „Ich habe alle Termine bis Ende April abgesagt“, erzählt die Nordkirchenerin. Sie hält sich fast nur noch im Haus auf. Raus geht sie manchmal noch, aber dann eher in den Wald, wo bislang kaum Menschen sind.

Einkaufen war sie das letzte Mal in der vergangenen Woche. Mit Handschuhen und Atemmaske. „Die Leute haben mich angeschaut wie einen Marsmenschen“, sagt sie. So viel Platz habe sie beim Einkaufen noch nie gehabt, sagt Claudia Krogul. Dabei würden viele Nordkirchener sie und ihre Geschichte doch kennen.

Die Feier für „den 8. Geburtstag“

Claudia Krogul hat vor fast acht Jahren, am 20. März 2012, eine neue Lunge bekommen. Sie leidet an Mukoviszidose. Einer Krankheit, die wichtige Organe, wie die Lunge mit Schleim verstopft. Ihren Eltern hatte man damals gesagt, Claudia Krogul würde keine 18 Jahre alt werden. Vor ihrer Organtransplantation konnte sie kaum noch die Treppenstufen zu ihrer Wohnung erklimmen. Sie war an ein Beatmungsgerät angeschlossen, auch in der Nacht.

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Im vergangenen Jahr hat Claudia Krogul ihren 40. Geburtstag gefeiert. Einen Geburtstag, von dem sie nie sicher sein konnte, ob sie ihn wirklich feiern werden würde. Diese Woche Freitag steht ein weiter Geburtstag an. Claudia Krogul nennt ihn ihren 8. Geburtstag, der 8. Jahrestag ihrer Lungentransplantation. Eigentlich wollte sie ihn mit Freunden und Familie feiern. Nun wird es aber nur eine Feier mit ihrem Ehemann und den Katzen. Vielleicht wird sie den Geburtstag im nächsten Jahr feiern. Sie sagt aber: „Ich bin froh, wenn ich dieses Jahr überlebe und Weihnachten feiern kann.“

„Ich bin die, die an ein Atemgerät muss“

Für Claudia Krogul ist das Coronavirus mehr als die Einschränkung persönlicher Freiheiten, der Verzicht auf Veranstaltungen oder etwas, was sie nur leicht besorgt. Es ist lebensbedrohlich. „Ich habe zwar eine neue Lunge“, sagt sie, „aber ich bin trotzdem immungeschwächt. Ich bin nicht die, die gegen das Virus ankämpfen kann. Ich bin bestimmt die, die auf die Intensivstation muss, an ein Beatmungsgerät kommt, das dann hoffentlich da ist - und das macht mir Angst.“

Claudia Krogul beobachtet ihre Gesundheit sehr genau. Sie misst morgens und abends Fieber, kontrolliert ihre Lungenfunktion und auch die Sauerstoffsättigung in ihrem Blut. Während der Grippezeit muss sie ohnehin vorsichtig sein. Bekanntermaßen kann auch eine Grippe für Risikopatienten tödlich sein. Für die Grippesaison 2017/18, die besonders stark war, spricht das Robert-Koch-Institut von 25.100 Toten.

„Corona soll mich nicht schaffen“

Allerdings gibt es für die Grippe eine Impfung und auch mehr Grundimmunisierung, da die Krankheit bekannt ist. Claudia Krogul lässt sich vor jeder Grippesaison impfen und bittet auch ihre Angehörigen darum, sich impfen zu lassen. „Darauf bestehe ich“, sagt sie. Für sie ist es ein wichtiger Schutz. Sie war, so sagt sie, auch eine der ersten, die sich gegen die Schweinegrippe haben impfen lassen - „auf eigene Gefahr.“

Claudia Krogul hat sich zu Hause mit reichlich Desinfektionsmittel eingedeckt. Für sie ist das wichtig - selbst zu Hause muss sie die Türklinken desinfizieren.

Claudia Krogul hat sich zu Hause mit reichlich Desinfektionsmittel eingedeckt. Für sie ist das wichtig - selbst zu Hause muss sie die Türklinken desinfizieren. © Claudia Krogul

Grippe hatte sie schon. Auch eine Lungenentzündung. Beides hat sie überstanden. Aber Corona, das ist der große Unbekannte, gegen den es noch keine Impfung und kein Medikament gibt. Claudia Krogul ist deshalb in Sorge. „Ich habe es bis zum 40. Geburtstag geschafft. Corona soll mich nicht schaffen“, sagt sie.

Händewaschen statt Desinfektionsmittel hamstern

Auf Mundschutz und Desinfektionsmittel ist sie angewiesen. Deshalb ist sie auch verärgert über Hamsterkäufe und Menschen, die Desinfektionsmittel - wie in Münster geschehen - aus Krankenhäusern klauen. „Dabei würde es für die meisten Menschen eigentlich ausreichen, die Hände zu waschen und ausreichend Abstand zu halten“, sagt Claudia Krogul. Medikamente hat sie sich deshalb für ein halbes Jahr auf Vorrat zugelegt, um sicher zu sein, dass sie ihre lebenswichtigen Medikamente wirklich zur Verfügung stehen hat.

Claudia Krogul hat am Freitag den 8. Jahrestag ihrer Lungentransplantation.

Claudia Krogul hat am Freitag den 8. Jahrestag ihrer Lungentransplantation. © Sabine Geschwinder

Was sie ebenfalls nicht versteht: dass am Wochenende in Nordkirchen bei Eisdielen und Cafés so viel los war. Dass die Leute das Coronavirus nicht sonderlich ernst nehmen, kann sie nicht verstehen. „Man kann einfach nur appellieren, dass jeder ein bisschen Rücksicht nimmt, auch wenn die Einschränkungen gerade doof sind“, sagt Claudia Krogul. Dabei helfe es doch schon, an die eigenen Eltern oder Großeltern zu denken, die als Risikogruppe stärker gefährdet seien. Auch die jetzt ergriffenen Maßnahmen der Bundesregierung findet sie zögerlich, das hätte schneller kommen können, findet sie.

Vielleicht, so sagt Claudia Krogul, führe das Virus ja auch zum Umdenken. Dass Menschen mehr Rücksicht auf Kranke nehmen und sich zum Beispiel gegen Grippe impfen lassen. „Ich befürchte aber, dass jeder wieder in seinen Alltag zurückkehrt“, sagt sie. Sie wünscht sich jedenfalls, dass sie ihren „9. Geburtstag“ im nächsten Jahr feiern kann und „wir alle im Nachhinein über diese Situation lachen können - hoffentlich.“

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