Dem verstorbenen Pfarrer Alfred Albeck wird vorgeworfen, Kinder sexuell missbraucht zu haben. Ein Betroffener hat mit uns über eine „zerbrochene Kinderseele“ gesprochen.

Nordkirchen, Werne

, 16.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Es ist nur eine Sekunde, vielleicht weniger. Ein kleiner Moment. Aber als der Mann am Telefon die Worte „zerbrochene Kinderseele“ ausspricht, da bricht ihm auch kurz die Stimme. Es hört sich an, als würden ihm in diesem Augenblick Tränen vom Herz hinauf ins Gesicht steigen, seine Mundwinkel leidvoll nach unten ziehen. Wie verletzt er immer noch ist: In diesem kleinen Moment des Gesprächs ist das deutlich greifbar.

Er. Das ist ein mittlerweile 60 Jahre alter Mann, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Aus nachvollziehbaren Gründen: Er hat sich nach unserer Berichterstattung über Pfarrer Alfred Albeck an die Redaktion gewandt. Jener in 2002 verstorbene Pfarrer, der auch elf Jahre in Nordkirchen und zwei Jahre in Werne gewirkt hat, wird von mehreren Männern beschuldigt, sie in ihrer Kindheit und Jugend sexuell missbraucht zu haben.

„Ich bin ein Betroffener“, sagt der Mann am Telefon. Um seine Anonymität zu wahren, nennen wir ihn in diesem Artikel B.

Über Nacht im Haus des Pfarrers

B. kommt nicht aus Nordkirchen oder Werne. Nordkirchen kennt er aber, weil er hier als Kind und später als Jugendlicher oft zu Besuch war bei dem Pfarrer, zu dem in seinem Fall weitestgehend familiäre Bande bestanden. Über Nacht sei er bei Alfred Albeck im Pfarrhaus geblieben. Hatte bei ihm bleiben müssen, ist vielleicht die bessere Formulierung.

Materielle Wünsche erfüllt der Mann dem Jungen gerne seit er neun Jahre alt ist, versucht, ihn so um den Finger zu wickeln. Er versucht, dem Kind Alkohol zu geben, - und langt selbst ordentlich zu, erzählt B. „Der Herr Pfarrer hatte ein geheimes Fach. Das war immer abgeschlossen. Und wenn er dann genug gesoffen hatte, dann hat er das aufgemacht und hat Pornohefte und -videos rausgeholt.“

„Suchen Sie sich was aus, es hat alles stattgefunden.“
Missbrauchsopfer B.

Der Pfarrer geht noch weiter, sagt B., wird noch übergriffiger, missbraucht das Kind sexuell. Was genau er ihm angetan hat? „Suchen Sie sich was aus, es hat fast alles stattgefunden“, sagt der 60-Jährige heute bitter.

B. sagt: Pfarrer Albeck hatte mehrere Jungen

Nicht nur ihm sei es so gegangen, sagt B.: Der Herr Pfarrer habe immer Jungen „gehabt“, sie wie ihn mit Versprechungen bestochen oder mit dem Schäferhund, den er hatte, angelockt.

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Erst als B. ungefähr 18 Jahre alt ist, hört diese dunkle Zeit seiner Kindheit auf. Was bleibt ist eine tiefe Wunde, die so richtig vielleicht noch immer nicht verheilt ist. Er möchte nicht ins Detail gehen. Aber Alkohol, Tabletten, Depressionen, Suizidgedanken: All das gehört zu seinem Leben, bis er in fortgeschrittenem Erwachsenenalter eine Therapie beginnt.

Missbrauch als zentrales Thema der Therapie

Zentrales Thema dabei ist der Missbrauch seiner Kindheit, sagt B. Wobei er selbst, so sagt er, seine Depressionen darauf zunächst gar nicht zurückführt. „Der Mann war für mich nicht schuldig. Er war in meinem Kopf selbst nur ein Opfer, ich konnte ihm nicht böse sein.“

Solche Gedanken sind nicht untypisch für Menschen, die Opfer von Missbrauch werden, wie der der Lüner Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke im Gespräch mit der Redaktion erklärt.

Vita des beschuldigten Pfarrers

  • Pfarrer Albeck wurde 1961 zum Priester geweiht.
  • Er war Kaplan in Werne, St. Konrad (1961-1964), in Emmerich, Liebfrauen (1964-1967), in Issum-Sevelen, St. Antonius (1968-1973). 1967 bis 1968 war er Militärpfarrer in Altahlen/Heessen.
  • Pfarrer war er in Nordkirchen, St. Mauritius (1973-1984), in Kevelaer-Winnekendonk, St. Urbanus (1984-1988), und in Kranenburg-Frasselt, St. Antonius (1988-1993).
  • Danach trat er in den Ruhestand.

„In Fällen wie diesen ist es ja so, dass sich häufig das Vertrauen der Betroffenen über einen langen Zeitraum erschlichen wurde. Das heißt, sie wurden nicht hinterrücks überfallen oder angesprungen, sondern der Täter hat vorher eine Beziehung zu ihnen aufgebaut. Das führt dazu, dass die Opfer oft jahrelang erst mal schweigen, weil sie glauben, in irgendeiner Weise mit verantwortlich zu sein oder die Taten mit verursacht zu haben“, sagt er.

Es entstehe ein Gefühl der Mitschuld - das häufig ursächlich sei für das lange Schweigen.

Hinzu komme, so erklärt der Experte, dass das Thema für die Opfer extrem schambesetzt sei. Sie fangen an zu zweifeln, fragen sich: Was, wenn ich es erzähle, und mir keiner glaubt? „Je früher so ein Missbrauch stattfindet, desto länger brauchen die Betroffenen, darüber zu reden. Das ist mit extrem starken Gefühlen von Angst, von Ekel besetzt“, erklärt Christian Lüdke.

Teil der Aufarbeitung: Anzeige beim Bistum

Erst die Therapie rückt für B. gerade, wer in seiner Kindheit eigentlich das Opfer war: er selbst. „Es war ein harter Weg, den Kerngedanken zu kriegen und zu sagen: Nein, ich bin das Opfer. Und er ist der Täter. Bis man das für sich klar hat, das dauert. Das ging über Malerei, Gruppenarbeit, über massive Einzeltherapie“, sagt B.

Teil der Aufarbeitung ist für ihn auch, dass er sich, als Alfred Albeck schon verstorben ist, 2010 an das zuständige Bistum Münster wendet und von seinen Erfahrungen erzählt - die Taten anzeigt. Der Schriftwechsel mit dem Bistum Münster liegt der Redaktion vor. Er belegt die Anzeige, die Kenntnis des Bistums zu den Anschuldigungen und die „Zahlung einer Anerkennung des Leids“ an B. Das waren mehrere Tausend Euro, sagt er.

Beim Bistum allerdings ist diese Anzeige offenbar verloren gegangen: In einer Pressemitteilung zu den Anschuldigungen gegen Alfred Albeck teilt es mit, dass in der Personalakte des Pfarrers keine Anzeigen vermerkt seien.

Bistum: „Es liegen keine Informationen vor“

Auf Anfrage der Redaktion teilt das Bistum außerdem mit: „Zu einer möglichen Anzeige aus 2010 oder 2011 liegen uns derzeit keine Informationen vor. Zu möglichen Zahlungen an einzelne Betroffene äußern wir uns grundsätzlich nicht.“

Natürlich ärgert B. dieses „Verlorengehen“ seiner Anzeige, was, schaut man auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche allgemein, durchaus kein Einzelfall ist. Auch im Fall von Pfarrer Albeck nicht: Wie mittlerweile bekannt ist, hat sich zwischenzeitlich noch ein weiterer Betroffener bei dem Bistum gemeldet, der Albeck 1993 beim Bistum wegen Missbrauch angezeigt hatte. Auch von diesem Fall findet sich nichts in der Personalakte des Pfarrers.

Dass er jetzt nach neun Jahren erneut in einer Art Bringschuld ist, seinen Fall, die schwer zu verdauenden Ereignisse, noch mal schildern muss, fällt B. nicht leicht. Trotzdem tut er es - jetzt erstmals auch gegenüber der Öffentlichkeit.

Relevanz der öffentlichen Aufarbeitung für die Opfer

Wie wichtig so eine öffentliche Aufarbeitung für Opfer ist, lässt sich pauschal nicht sagen, erklärt Christian Lüdke. „Das hängt vom Einzelfall ab. In den Augen der Opfer gibt es ohnehin keine gerechte Strafe. Sie leiden ein Leben lang darunter. Die öffentliche Aufarbeitung ist vielleicht ein bisschen Genugtuung. Es stärkt das Selbstwertgefühl: Ich habe mir das nicht eingebildet, ich habe nichts falsch gemacht, Schuld hat immer nur der Täter. Die öffentliche Anteilnahme, die Wut und die Reaktionen in der Öffentlichkeit, können als Wertschätzung erlebt werden. Aber letztendlich ist es immer eine persönliche Angelegenheit“, sagt er.

B. ist das Reden und Aufklären wichtig. Wobei: „Es tut mir eigentlich nicht gut, darüber zu reden“, sagt er. „Aber ich bin der Meinung: Es ist genug geschwiegen worden. Das zu erzählen ist das Letzte, was ich noch tun kann, um diesem Typen zu sagen, was ich von ihm halte. Auch, wenn er schon tot ist.“

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