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300 Jahre ist für eine Kirche ein stolzes Jubiläum. Aber auch nicht selten. Spannender ist eher, warum die Mauritius-Kirche heute steht wo sie steht und was das mit dem Papst zu tun hat.

Nordkirchen, Südkirchen

, 19.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Es gibt deutlich ältere Kirchen in der Region, etwa die Friedenskirche in Selm“, sagt der Diplom-Theologe Tobias Schrörs. In seiner Zeit als Referendar an der Gesamtschule von 2005 bis 2007 hat er sich intensiv mit der Geschichte der Kirchen in der Gemeinde Nordkirchen beschäftigt und viele interessante Fakten zusammengetragen. Der Buchautor Schrörs ist deshalb viel zu bescheiden, als er seine Arbeit als „populärwissenschaftlich“ bezeichnet und sagt, er habe „nicht ganz so tiefschürfend recherchiert.“ Vielmehr zeigt er die besondere Rolle von insgesamt drei Nordkirchener Kirchen auf, die eng verbunden sind mit einer ungewöhnlichen Ortsgeschichte.

Das genaue Gründungsdatum ist nicht bekannt

Rückblende ins Jahr 1022. Die Pfarrei in Nordkirchen wird erstmals urkundlich erwähnt, besteht zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahrzehnte. „Die Gründung dürfte von der Abtei Werden ausgegangen und einige Jahre früher erfolgt sein - aber nicht vor 961“, schreibt Schrörs. Wichtiger als das exakte Gründungsjahr dürfte die Tatsache sein, dass Kirche und auch das komplette Dorf in unmittelbarer Nähe zum heutigen Schloss standen. So erklärt sich auch die Tatsache, warum im Schlosspark ein Kreuz steht - es dokumentiert den Standort der ersten Kirche, die übrigens als Patron bereits den Heiligen Mauritius hatte. Ein Zeugnis dieser Kirche findet sich noch heute in der aktuellen Kirche, der Taufstein - ein Werk der Romanik. Entstanden voraussichtlich zwischen 1225 und 1250.

In vielen anderen Orten war der „normale“ Gang der Dorfentwicklung, dass sich in den Jahrzehnten und Jahrhunderten immer größere Kreise um die zentrale Bebauung an der Kirche zogen. Nicht aber in Nordkirchen. Die Herrschaft derer von Morrien lenkt die Ortsentwicklung in eine ganz andere Richtung. Wir schreiben das Jahr 1347: Johann von Morrien erhält vom Abt des Klosters Werden den Hof Nordkirchen in Erbpacht. 1398 ziehen die Herren von Morrien von der Bauernschaft Altendorf auf das Gelände des heutigen Barockschlosses.

Papst genehmigt nachträglich den Abriss der ersten Kirche

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erscheint Gerhard von Morrien die Lage des Dorfes in der unmittelbaren Nähe zu unbequem. Mit dem Argument, dass Feinde sich in der steinernen Kirche verstecken könnten, begründet er den kompletten Abriss von Kirche und Dorf. Ein Einschnitt in der Geschichte Nordkirchens. Und eine Angelegenheit für Papst Klemens VII. Der Abt von Werden beklagt in einem Brief an Gerhard von Morrien den Abbruch. Nachträglich bittet deshalb von Morrien den Papst um Genehmigung. Und erhält sie im Jahr 1530. Fakten waren längst geschaffen worden.

Warum die Mauritius-Kirche und das gesamte Dorf vor 300 Jahren umziehen mussten

Ein nicht datiertes Foto zeigt, wie es früher an der Mauritius-Kirche in Nordkirchen aussah. © Repro Aschwer

Relativ wenig bekannt ist über die erste Kirche am heutigen Standort. Sie wurde, so schreibt Schrörs, „1536 in Gebrauch genommen“. Bei der Visitation 1571 habe sie sich aber bereits „in argem Verfall“ befunden. Diese Tatsache und das Gelöbnis von Ferdinand von Plettenberg in schwerer Krankheit bescherte Nordkirchen bereits 1719 die dritte Kirche - also vor genau 300 Jahren. Im Gespräch mit unserer Redaktion betont Schrörs die besondere Bedeutung des Gotteshauses. „Es handelt sich um eine der wenigen Barockkirchen im Münsterland.“ In vielen anderen Orten seien gotische Kirche errichtet worden. Alte Fotos beweisen allerdings, dass von der ursprünglichen Gestaltung wenig erhalten geblieben ist.

Fachmann ist mit Veränderungen in der Kirche „nicht glücklich“

Schrörs findet die letzte Renovierung zwar farblich „sehr gelungen“, mit vielen Veränderungen der Mauritius-Kirche ist er aber „nicht glücklich“. „Es ist sehr bedauerlich, dass die Malerei von Heinrich Repke 2010 überstrichen wurde.“ Er hätte sich gewünscht, dass das Chorgemälde des aus Werne stammenden und 1962 gestorbenen Kunstmalers sowie die Engel im Chorgewölbe erhalten worden wären. Die Herzogfenster würde er nach vorne setzen - wie es früher einmal war. Jetzt sind sie im hinteren Bereich der Kirche an beiden Seiten eingebaut. Schön wäre es nach Einschätzung von Tobias Schrörs, „wenn der Hochaltar noch da wäre.“

Dazu sagt Pfarrer Gregor Wolters, der im Frühjahr 2013 in sein neues Amt in Nordkirchen eingeführt wurde, dass der Hochaltar bei der grundlegenden Renovierung in 1979 abgebaut und zwischengelagert wurde. Dabei sei er dann verloren gegangen. Später hat die Kirchengemeinde die Kreuzigungsgruppe von draußen nach drinnen geholt - ein Stück weit ein Ersatz für den Hochaltar..

Warum die Mauritius-Kirche und das gesamte Dorf vor 300 Jahren umziehen mussten

Auch der Altarraum sah früher völlig anders aus. Bei der grundlegenden Renovierung 1979 wurde der Hochaltar abgebaut und zwischengelagert. © Repro Aschwer

Zudem wurde hier 2016 ein Tabernakel eingearbeitet. „Die Menschen haben eine Mitte der Kirche vermisst. Die Menschen benötigen ein Gegenüber, eine spirituelle Mitte“, sagt der Pfarrer. Das soll mit dem neuen Tabernakel erreicht werden. Er wurde vor drei Jahre eingebaut und kommt nach Einschätzung von Gregor Wolters bei den Gläubigen gut an. Das war übrigens nicht immer so. Nach dem Abbau des Hochaltars gab es zwei Übergangstabernakel. Einer wurde ins Emsland verkauft, weil er von der „Gemeinde abgelehnt wurde“. Die farblich etwas anders gestalteten Bodenfliesen sind Zeugen dieser Veränderungen. In den folgenden Jahren gab es weitere Veränderungen. Aus Sicht von Pfarrer Wolters ist die Kirche aktuell „durchsaniert und baulich fit. Auch die Technik ist in Ordnung“.

  • Wer größeres Interesse an dem Thema hat, dem ist auch das Heimathaus in Capelle empfohlen, das über christliches Brauchtum informiert.
  • Viele weitere Details über die Mauirituskirche sowie die Kirchen in Capelle und Südkirchen bietet das Buch von Tobias Schrörs „Forschungen zur Volkskunde Heft 64, Bau und Ausstattung westfälischer Kirchen als Zeugnisse der Volksfrömmigkeit, 243 Seiten, ISBN 978-3-96163-062-2.
  • Das Buch ist über den Heimatverein Nordkirchen (Ludger Hanke), die Kirchengemeinde Nordkirchen (Franz Gruschka und Pfarrbüro sowie dem Buchhandel zu beziehen.

Taufstein aus der Gründerzeit ist eine Besonderheit

Trotz der Kritik an verschiedenen Umgestaltungsmaßnahmen lohnt sich auch heute nach Einschätzung von Tobias Schrörs der Besuch der Mauritiuskirche „auf jeden Fall“. Obwohl er seit einigen Jahren in Xanten wohnt, ist er noch gelegentlich in Nordkirchen, insbesondere um die die Kirche zu besuchen. „Sie hat Stil.“ Eine „Besonderheit“ ist nach Einschätzung von Schrörs der „Taufstein aus der Gründerzeit der Kirche sowie die Kreuzigungsgruppe im Altarraum“.

Warum die Mauritius-Kirche und das gesamte Dorf vor 300 Jahren umziehen mussten

Blick aus dem Altarraum in die Kirche mit den Heiligenfiguren an den Pfeilern. © Aschwer

Auffällig sind die Figuren aus der zweiten Hälfte des 19. und dem frühen 20. Jahrhundert an den Pfeilern im Mittelschiff. Am ersten Pfeiler rechts im Kirchenschiff steht eine Figur der Heiligen Katharina von Alexandrien. Es folgt die Heilige Elisabeth von Thüringen. Am nächsten Pfeiler befindet sich die 1883 geschaffene Kanzel. An den Pfeilern der linken Seite befinden sich von Ost nach West folgende Heiligenfiguren: Die Figur des Heiligen Aloisius, es folgen der Heilige Joseph und der Heilige Antonius von Padua. Der Heilige Mauritius, dessen Figur Besucher am zweiten Pfeiler der Orgelbühne finden, ist der Patron der Kirche.

Warum die Mauritius-Kirche und das gesamte Dorf vor 300 Jahren umziehen mussten

Die von Erbprinz Engelbert gestifteten Fenster sind vom Altarraum in den Eingangsbereich versetzt worden. © Aschwer

Christkönigsglocke wurde für militärische Zwecke eingeschmolzen
Die St. Mauritius-Kirche besitzt Glocken verschiedener Epochen. Dazu gehört auch eine der ältesten Bronzeglocken Westfalens und die alte Mauritiusglocke aus dem Jahr 1731. In seinen Aufzeichnungen weist Schrörs darauf hin, dass 1942 die Totenglocke von 1857, die Mauritiusglocke von 1937 sowie die Christkönigsglocke abgenommen und nach Lünen transportiert werden mussten. „Die Christkönigsglocke wurde für militärische Zwecke eingeschmolzen, während die beiden anderen Glocken den Krieg überdauert haben und am 25. August 1948 nach Nordkirchen zurückkehren konnten.“

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