Warum es bei der Ordensverleihung im Schloss Nordkirchen auch Lacher und Widerspruch gab

hzLandesverdienstorden NRW

Als Ministerpräsident Laschet am Freitag (23. 8.) im Schloss Nordkirchen 14 Orden verlieh, war die laute Kritik der Vortage nicht mehr zu hören, dafür aber Lacher und zweimal Widerspruch.

Nordkirchen

, 25.08.2019, 12:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Friedrich Christian von Plettenberg lächelt milde aus dem reich verzierten Oval über dem Kamin auf die Ehrengäste herab. Der Fürstbischof, der 1703 den Grundstein gelegt hatte für Schloss Nordkirchen, ist als Staatsmann mit Weitblick in die Geschichtsbücher eingegangen: ein Diplomat der Barockzeit. Was es bedeutet, widerstreitende Parteien auszusöhnen oder zumindest dazu zu bringen, für eine gewisse Zeit den Zwist verstummen zu lassen, wusste er. Deswegen scheint es ihn zu amüsieren, wie freundschaftlich die ehemalige SPD-Landesmutter Hannelore Kraft mit ihrem Nachfolger Armin Laschet (CDU) plaudert und wie derjenige strahlt, der gar nicht hier sein sollte, wie manche meinen.

Steuertricks: SPD und Grüne sehen Linssen nicht als Vorbild

Helmut Linssen, Laschets Parteifreund und ehemaliger NRW-Finanzminister, tauge nicht als Vorbild des Landes und damit auch nicht als Ordensträger, hatten SPD und Grüne im Landtag gewettert. Der 77-Jährige, der an diesem Freitag einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und grüner Krawatte trägt, habe keine weiße Weste, hieß es.

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So war die Ordensverleihung im Schloss Nordkirchen

Von Alsmann über Hrubesch bis Strothmann: 14 Frauen und Männer haben am 23. August im Schloss Nordkirchen den Landesverdienstorden erhalten.
25.08.2019
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Am Tag des Geburtstages des Landes schmückte die Abkürzung des Bindestrichlandes den Haupteingang.© Foto: Günther Goldstein
Das Vestibül und die barocke Treppe bildeten die Kulisse für den Smalltalk vor Beginn der Veranstaltung.© Foto: Günther Goldstein
Erlesene Häppchen aus der Küche des Schlossrestaurants standen bereit, als die Gäste kamen.© Foto: Günther Goldstein
Helmut Linssen (l.) und Gunter Demnig.© Foto: Günther Goldstein
Ehemaliger Minister (l.) und noch immer aktiver Künstler.© Foto: Günther Goldstein
Ministerpräsident Laschet kommt als letzter zur Feierstunde.© Foto: Günther Goldstein
Schnell noch die Krawatte richten, dann geht es los.© Foto: Günther Goldstein
Die Feierstunde beginnt mit einem Musikstück, das sich der Laudator und die zu Ehrenden gemeinsam anhören.© Foto: Günther Goldstein
Vollbesetzt: der repräsentative Jupitersaal, der die Taten des Helden Herkules zeigt.© Foto: Günther Goldstein
Das Bläserquintett eröffnet die Veranstaltuung.© Foto: Günther Goldstein
Götz Alsmann ist auch von hinten sofort zu erkennen dank der Frisur.© Foto: Günther Goldstein
Neben den Flaggen des Landes, des Bundes und der EU steht das Rednerpult.© Foto: Günther Goldstein
Für Rheinländer sei es ein weiter Weg nach Nordkirchen, meint Laschet. Er lohne sich aber.© Foto: Günther Goldstein
A wie Alsmann: Er ist der erste Geehrte.© Foto: Günther Goldstein
Orden anheften gehört dazu.© Foto: Günther Goldstein
Danach gibt es die Urkunde. Der Radio- und Fernsehmoderator hat mit der WDR-Sendung „Zimmer frei – Prominente suchen ein Zuhause“ von 1996 bis 2016 jede Woche ein Millionenpublikum erreicht. An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster lehrt der promovierte Musikwissenschaftler und Jazzmusiker seit 2011 unentgeltlich Popularmusik. Er unterstützt die Hospizbewegung Münster und den Verein Herzenswünsche.© Foto: Günther Goldstein
Mustafa Bayram war Mitbegründer und Geschäftsführer der Kölner Bildungs- und Beratungsstelle „Coach e.V.“ für Jugendliche mit Migrationshintergrund.© Foto: Günther Goldstein
Integration und Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen liegt Bayram am Herzen.© Foto: Günther Goldstein
Gunter Demnig hält nichts vom Anzugszwang. Der Künstler kam in seinem typischen Outfit: Hut, Jeanshemd, Weste.© Foto: Günther Goldstein
1992 hat Gunter Demnig vor dem Kölner Rathaus seinen ersten „Stolperstein“ verlegt. Inzwischen erinnern in ganz Europa über 70.000 von Gunter Demnig in den Boden eingelassene Messingsteine an Opfer des Nationalsozialismus – mehrere tausend Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen.© Foto: Günther Goldstein
Herbert Gövert aus Wadersloh Der frühere Bürgermeister von Wadersloh hat den Ministerpräsidenten darauf hingewiesen, wie sein Name richtig augesprochen wird - mit "w". Der frühere Bürgermeister von Wadersloh war maßgeblich am Erweiterungsbau des Museums Abtei Liesborn beteiligt und ist heutiger Ehrenvorsitzender der „Museumsfreunde Liesborn“. Von 1972 bis 2007 engagierte er sich für das Deutsche Rote Kreuz.© Foto: Günther Goldstein
Verwandte und Freunde waren im Publikum.© Foto: Günther Goldstein
Ein Luxemburer unter den geehrten Landeskindern: Dr. Frank Hoffmann.© Foto: Günther Goldstein
Der Theatermacher und Regisseur war von 2004 bis 2018 Intendant der Ruhrfestspiele, die er zu einem der größten und renommiertesten Theaterfestivals in Europa machte.© Foto: Günther Goldstein
Populärer Sportsmann: Hurst Hrubesch© Foto: Günther Goldstein
Der gebürtige Hammer begann in der Fußball-Bundesliga bei Rot-Weiß-Essen, ehe er mit dem HSV mehrfacher Deutscher Meister sowie Europapokalsieger wurde. Mit der Nationalmannschaft wurde Horst Hrubesch 1980 Europameister. Als Trainer war er mit mehreren DFB-Nachwuchsteams erfolgreich und führte die U21 zum Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2016. Mit gespendeten Trikots für Versteigerungen hilft er dabei, Kindern und Jugendlichen bessere Startchancen ins Leben zu ermöglichen.© Foto: Günther Goldstein
Armin Laschet befand, dass es "gefühlt 100 Jahre her ist", dass Hrubeschs Verein, der HSV, deutscher Meister wurde.© Foto: Günther Goldstein
Unternehmer Franz Jakoby aus Paderborn wird von Laschet gelobt als "Mutmacher zum Mitmachen".© Foto: Günther Goldstein
Gehört Paderborn, die Heimat Jakobys, etwa zum Lipperland? Da widersprach de Geehrte.© Foto: Günther Goldstein
Bei der Titelmelodie "Der rosarothe Panther" zeiget das Enselmble auch Showqualitäten.© Foto: Günther Goldstein
Rolf Krebs ist aus Coelsfelds Nachbarkreis Steinfurt angereist. Der Superintendent des „Evangelischen Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken“ war von 2004 bis 2013 „Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung von Nordrhein-Westfalen“.© Foto: Günther Goldstein
Ein Bläserensemble begleitete die Feierstunde.© Foto: Günther Goldstein
Rolf Krebs engagiert sich auch ehrenamtlich, unter anderem als Mitbegründer des Rotary-Clubs Gronau, der schon viele soziale Projekte angestoßen hat. Außerdem singt der Theologe leidenschaftlich Gospels.© Foto: Günther Goldstein
Seit 1984 leitet Lioba Lichtschlag den Männer-Kirchenchor der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf.© Foto: Günther Goldstein
Die ehemalige Hauptschullehrerin Lichtschlag ist für die Inhaftierten auch Beraterin, Gesprächspartnerin und Vermittlerin bei Konflikten.© Foto: Günther Goldstein
Nicht unumstritten: die Auszeichnung für den ehemaligen Finanzminister Linssen. Er musste als Bundesschatzmester der CDU 2014 zurücktreten, als bekannt wurde, dass er in den 1990er-Jahren mehr als 800.000 Mark verschoben haben soll auf eine Briefkastenfirma.© Foto: Günther Goldstein
Die Vorwürfe von damals waren kein Thema in Nordkirchen. Von 1980 bis 2010 war Helmut Linssen ununterbrochen Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags, von 2005 bis 2010 Finanzminister. Er war federführend am sozialverträglichen Ausstieg aus der subventionierten Förderung der Steinkohle und an der Gründung der RAG-Stiftung beteiligt und von 2012 bis 2019 Finanzvorstand der RAG-Stiftung., wie Laschet swtattdessen lobte.© Foto: Günther Goldstein
Werner Saure ist renommierter Heimatforscher. Er beleuchtet seit Jahrzehnten die jüdische Geschichte in Arnsberg und ist Herausgeber zahlreicher Bücher zur Heimatgeschichte.© Foto: Günther Goldstein
Mit 90 Jahren war Saure der älteste der 14 Neu-Ordensträgern.© Foto: Günther Goldstein
Ute Schäfer, die ehemalige nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete (2000 bis 2017), war von 2010 bis 2015 Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport.© Foto: Günther Goldstein
Ute Schäfer hat sich als Ministerin dafür eingesetzt, Arbeit und Familie besser zu vereinigen.© Foto: Günther Goldstein
Götz Alsmann trifft ein.© Foto: Günther Goldstein
Gerhard Schmidt ist Mitgründer des heutigen Film und Medienverbandes sowie der Film- und Medienstiftung NRW.© Foto: Günther Goldstein
Laschet sprach Schmidt den "Dank im Namen des Film- und Fernsehlandes NRW" aus.© Foto: Günther Goldstein
Applaus für die Geehrten.© Foto: Günther Goldstein
Lena Strothmann sei die Grand Dame des Handwerks, las Laschet vor und entschuldigte sich gleich dafür. Das höre sich ja nach einer Frau in einer ganz anderen Altersklasse an.© Foto: Günther Goldstein
Strothmann ist die erste Frau, die in Deutschland einer Handwerkskammer vorstand. Bis heute sind zwei weitere gefolgt..© Foto: Günther Goldstein
Gruppenbild mit allen Geehrten.© Foto: Günther Goldstein
Hannelore Kraft hatte in ihrer siebenjährigen Amtszeit als Ministerpräsidentin deutlich seltener den Landesverdienstorden verliehen als ihr Nachfolger Armin Laschet.© Foto: Günther Goldstein
Landrat Christian Schulze Pellengahr ließ Laschet ins Goldene Buch schreiben.© Foto: Günther Goldstein
Verewigt im Goldenen Buch: Armin Laschet.© Foto: Günther Goldstein
Auf der Terrasse genießen die Gäste nach der Feierstunde im Saal die frische Luft.© Foto: Günther Goldstein
Das Küchenteam um Franz Lauter (mit Hut) hat für die Beköstigung gesorgt.© Foto: Günther Goldstein
Derr Ministerpäsident im Gespräch mit dem Sternekoch.© Foto: Günther Goldstein
Auch die ehemalige Landesmutter Hannelore Kraft posiert mit den Nordkirchenern.© Foto: Günther Goldstein
Die Feierstunde fand im Jupitersaal statt.© Foto: Günther Goldstein
Die Feierstunde in Nordkirchen war für diese beiden eher ein Heimspiel: Götz Alsmann (r.) aus Münster und Horst Hrubesch aus Hamm.© Foto: Günther Goldstein
Künftige Ordensträger im Gespräch: Lena Strothmann (v. r.), Werner Saure und Mustafa Bayram.© Foto: Günther Goldstein
Einen roten Teppich gab es nicht für die Gäste, aber stralenden Blumenschmuck vorm Eingang.© Foto: Günther Goldstein
Die Zeit, durch einen der berühmtesten Gärten Europas zu flanieren, nahmen sich die Gäste nicht.© Foto: Günther Goldstein
Schlagworte Schloss Nordkirchen

„Da er nachgewiesenermaßen Privatvermögen in einer Steueroase untergebracht hat“, komme Linssen für die zweithöchste Auszeichnung des Landes - gleich nach dem Staatspreis - nicht in Frage, hatte Grünen-Fraktionschefin Monika Düker der Rheinischen Post gesagt. Wer mit Briefkastenfirmen Steueroptimierung betreibe, sei nicht würdig, den Landesorden zu tragen, meinte auch SPD-Landtagsfraktionsvize Michael Hübner und machte in einem Brief an Laschet einen besseren Vorschlag: Peter Beckhoff, Deutschlands bester Steuerfahnder. Ihn auszuzeichnen, wäre ein klares Zeichen, „dass Steuerhinterziehung und -vermeidung keine Kavaliersdelikte sind.“

Der Steuerhinterziehung ist Linssen nie überführt worden. Ein entsprechendes Strafverfahren wurde eingestellt. Nachdem bekannt geworden war, dass er in den 1990er-Jahren rund 830.000 Mark privates Barvermögen erst auf den Bahamas und später in Panama deponiert hatte, hatte Linssen das Amt des Bundesschatzmeisters der CDU aber niedergelegt. Das war 2014. 2019 ist davon nichts mehr zu hören - zumindest nicht an diesem Spätsommertag im westfälischen Versailles.

Warum es bei der Ordensverleihung im Schloss Nordkirchen auch Lacher und Widerspruch gab

Auf der Terrasse genießen die Gäste (links der bei SPD und Grünen umstrittene Ordensträger Linssen im Gespräch mit Armin Laschet) nach der Feierstunde im Saal die frische Luft. und Häppchen, die Franz Lauters Schlossrestaurant zubereitet hat. © Foto: Günther Goldstein

„Ein wunderbarer Ort“, sagt Laschet, „ein prächtiges Bauwerk“. Nur für Rheinländer sei der Weg etwas weit. Helmut Linssen aus dem niederrheinischen Issum hat die Reise offenbar nichts ausgemacht. Peter Beckhoff aus Wuppertal steht dagegen erst gar nicht auf der Gästeliste. Noch nicht. Denn dass ihm die Auszeichnung von Vorbildern am Herzen liegt, macht Laschet nicht nur in seiner kurzen Rede am 73. Geburtstag des Landes NRW klar.

Warum Laschet den Orden viel häufiger verteilt als seine Vorgängerin

„Wir feiern in diesem Jahr 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Mauerfall“, so Laschet. „Wir lassen uns das nicht kaputtmachen.“ Damit zielte er auf die wachsende Respektlosigkeit gegenüber Rettungskräften, Polizisten und Behördenmitarbeitern und auf den Hass in den sozialen Medien. Es sei wichtiger denn je, für die Würde des Menschen einzutreten. „Viele tun das, und denen sagt das Land Danke“. Immer öfter.

Hannelore Kraft habe in ihrer siebenjährigen Amtszeit 135 Persönlichkeiten mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnet, rechnete die Westfälische Allgemeine Zeitung vor. Laschet bereits 103 - nach zwei Jahren. Inflationär findet das der Ministerpräsident allerdings keinesfalls: Seit der Einführung der Auszeichnung durch Johannes Rau 1986 sei sie an 1600 Menschen verteilt worden - und das bei 18 Millionen Nordrhein-Westfalen.

Herkulesaufgaben für die Gesellschaft leisten

Herkules, der antike Held, zieht über den Köpfen der bei 30 Grad schwitzenden Festgesellschaft in den Olymp hinauf, als Laschet die Heldentaten der 14 neuen Vorbilder vorliest: von A wie Götz Alsmann über H wie Horst Hrubesch und K wie Rolf Krebs bis S wie Lena Strothmann. Populärer Musiker, Fußballidol, Theologe und die erste Frau, die in Deutschland eine Handwerkskammer geleitet hat. Keine fünf Minuten Ansprache, dann Orden ans Revers heften, Urkunde überreichen und in die Kameras lächeln. Zeit für Dankesworte sieht das Protokoll nicht vor. Dennoch ergreifen gleich zwei Geehrte das Wort - um zu widersprechen.

Herbert Gövert, der frühere Bürgermeister von Wadersloh und tatkräftige Motor des Museums „Abtei Liesborn“, fällt dem Landeschef schon nach der Begrüßung höflich lächelnd ins Wort. Die Aussprache seines Namens sei falsch: nicht mit V wie Vater, sondern mit V wie Vase. In dem anderen Fall ist die Belehrung ausführlicher.

Die Stolperfallen in Ostwestfalen-Lippe

Unternehmer Franz Jakoby engagiere sich vielfach im Lipperland, sagt Laschet. „Uiii“, entfährt es dem Geehrten neben ihm. Irritierter Blickwechsel. „Das steht hier so“, sagt Laschet. „Stimmt aber nicht“, erwidert der Geehrte aus Paderborn. Das einstige katholischen Hochstift Paderborn und das reformierte Lipperland waren sich nie ganz grün. Friedrich Christian von Plettenberg über dem Kamin lächelt wissend. Armin Laschet unter ihm räumt das Versehen ein. In Sachen Fußball ist er sich dagegen ganz sicher.

Dass Horst Hrubesch, das Kopfballungeheuer aus Hamm, mit dem HSV 1979, 1982 und 1983 Deutscher Meister wurde, liege inzwischen „gefühlt 100 Jahre zurück“: Lachen im Saal - auch, weil der eine oder andere daran denkt, dass Laschet selbst bekennender Fan von Alemannia Aachen ist, die es noch nie so weit geschafft hat.

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