Im Sommer 2017 hat sich Sabine Schäfer als Tagesmutter in Vinnum selbstständig gemacht. Als „Einzelkämpferin“ an der Hauptstraße. Geplant war das anders.

Olfen, Vinnum

, 16.03.2019 / Lesedauer: 6 min

Mit einer Kollegin wollte Sabine Schäfer die „Großtagespflege Zwergenwiese“ eröffnen. Bis das Umweltamt Münster ihr einen Strich durch die Rechnung machte. Der angrenzende Holzbetrieb an der Hauptstraße sei zu laut. Zumindest für eine Großtagespflege. Aus der Traum. Sabine Schäfer, die seit mittlerweile 30 Jahren Kinder betreut, musste einer Kollegin absagen und sich neu organisieren. Das Projekt ging eine Nummer kleiner als geplant an den Start.

Aus der geplanten Großtagespflege mit zwei oder drei Kindertagespflegepersonen und bis zu neun betreuenden Kindern wurde eine Kindertagespflege mit aktuell fünf Kindern und einer Betreuung - Sabine Schäfer. Ihr großes Plus ist die Flexibilität. Im Gegensatz zu Kindergärten mit eher starren Zeitvorgaben können die Eltern die mindestens 35 Stunden so legen, wie es ihnen am besten passt. Beispielsweise ab morgens 9.30 Uhr - weil vorher die Eltern noch zu Hause sind. Oder schon ab 7 Uhr bis zum frühen Nachmittag. Viele Modelle sind möglich. Nur in einem Punkt lässt Sabine Schäfer mit Rücksicht auf die unter drei Jahre alten Kinder nicht mit sich reden. Zwischen 12 und 14 Uhr können keine Kinder gebracht oder geholt werden. „Mein großes Anliegen ist es, dass sie sich hier wohlfühlen“, sagt Sabine Schäfer. Dazu gehört die Mittagsruhe ebenso wie das selbst gekochte Essen und die kleine Gruppe.

Sabine Schäfer ist fest davon überzeugt, dass gerade die sehr jungen Kinder von der kleinen und damit gut überschaubaren Gruppe der Tagespflege profitieren. Unterstützt wird sie in dieser Auffassung vom Landesverband indertagespflege. „Die Betreuung in einer kleinen Gruppe ist für die Entwicklung von Kindern unter drei Jahren aus pädagogischer Sicht optimal. Gewährleistet wird diese einzig in der Kindertagespflege“, betont der Landesverband. Aus seiner Sicht „gibt die Nähe der Tagesmütter/Tagesväter den Kindern Sicherheit und Orientierung.“ Zudem sei die hohe Flexibilität der Kindertagespflege den Eltern bei der Organisation von Alltag und Kinderbetreuung eine große Hilfe.

So überrascht es nicht, dass gerade auch in Großstädten wie Essen die Kindertagespflege stark nachgefragt ist. Zum Stichtag 30. Juni 2016 wurden 2061 Essener Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren von rund 600 Tagesmüttern und -vätern betreut. Diese betreuen die ihnen anvertrauten Kinder in ihrem Haushalt, im Haushalt der Eltern oder in angemieteten kindgerechten Räumlichkeiten. „Tageseltern sind vom Jugendamt überprüft und wurden auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet. Gerade den Jüngsten bietet die Kindertagespflege einen vertrauten Rahmen, in dem sie entwicklungsgerecht gebildet, erzogen und sicher betreut werden“, betont die Stadt Essen. Aus Sicht der dortigen Verwaltung gibt es „fünf gute Gründe für die Kindertagespflege:

  • Ruhige familiäre Atmosphäre
  • Individuelle, bedarfsorientierte Betreuung
  • Sanfter Einstieg und behutsame Eingewöhnung in die Gruppenbetreuung
  • Erste regelmäßige Gemeinschafts- und Gruppenerlebnisse
  • Verlässliche Betreuung durch eine geregelte Vertretung

Argumente, die offensichtlich viele Eltern überzeugen. In Essen gibt es 73 solcher Großtagespflegen, weitere 18 sind in Planung. Im Kreis Coesfeld hingegen gibt es nach Auskunft des Kreis-Jugendamtes nur eine Großtagespflegeeinrichtung in Ascheberg. Ein Grund für diese Zurückhaltung könnten die Rahmenbedingungen im Kreis Coesfeld sein. Aus ihrer langjährigen Arbeit in Essen weis Sabine Schäfer, dass Eltern für Tagespflege und Kindergärten finanziell gleich gestellt sind. „Entsprechend dem Einkommen der Eltern müssen sie für das jeweilige Stundenkontingent gleich viel bezahlen. Unabhängig davon, ob beide berufstätig sind oder nicht.“ Der Kreis Coesfeld hingegen schaut bei der Tagespflege genau hin, ob Mutter und Vater berufstätig sind und wie viele Stunden sie in der Woche arbeiten. „Wenn nur ein Elternteil arbeitet, muss die Tagespflege für das Kind komplett privat bezahlt werden“, sagt Sabine Schäfer.

Auf unsere Anfrage relativiert der Kreis Coesfeld die Aussage: „Maßgebend ist der Rechtsanspruch nach § 24 SGB VIII. Danach hat ein Kind, das das erste Lebensjahr vollendet hat, bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres Anspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in Kindertagespflege. Für ein Kind, das das erste Lebensjahr noch nicht vollendet hat besteht lediglich ein objektives Recht. Hier ist der individuelle Bedarf nachzuweisen. (z.B. durch Berufstätigkeit beider Elternteile etc.). Ein Kind mit Rechtsanspruch nach § 24 Abs. 2 SGB VIII (Vollendung erstes Lebensjahr bis Vollendung des dritten Lebensjahres) erhält beim Kreisjugendamt Coesfeld ohne Nachweise 25 Stunden in Kindertagespflege. Darüber hinaus nur nach Bedarf mit entsprechendem Nachweis (z.B. wegen Berufstätigkeit beider Elternteile).“

Gleichzeitig räumt das Kreisjugendamt ein, dass „es durchaus möglich ist, dass andere Jugendämter freiwillig über den tatsächlichen Bedarf der Familie hinaus Kindertagespflege gewähren. Es gibt auch Jugendämter, die als Grundanspruch in Kindertagespflege nur 20 Stunden gewähren und darüber hinaus nur gegen Nachweis.“ Und so muss Sabine Schäfer sich wie die anderen Tagesmütter darum kümmern, ihre Plätze zu besetzen. Die fünf Kinder, die sie derzeit betreut, wechseln im Sommer in Kindergärten. Von den dann fünf freien Plätzen sind aktuell zwei vergeben. Für die anderen drei Plätze sucht Sabine Schäfer Interessenten. Keine ganz leichte Aufgabe, gerade mit Blick auf die große Zahl von 69 aktiven Tagespflegepersonen im Kreis Coesfeld und die weiter wachsende Zahl von Kindergartengruppen in der Steverstadt.

So soll im Sommer an der früheren Villa Ritter an der Füchtelner Mühle eine neue Kita mit zwei Gruppen an den Start gehen. Damit wächst die ohnehin schon recht große Kita-Landschaft weiter. Aktuell sind 91 Kindertageseinrichtungen mit 314 Gruppen im Jugendamtsbezirk Kreis Coesfeld in Betrieb. „Als Tagesmütter und Tagesväter können wir aber deutlich flexibler sein“, sagt die Selmer Tagesmutter Anja Wichmann, die Kinder in Randzeiten betreut, also dann, wenn weder die Kita noch die Schule eine Betreuung anbietet. Sie wünscht sicht, dass „die Arbeit der Tagesmütter und -väter Anerkennung findet. Wir sind nicht der Notnagel, im Gegenteil. Wir sind für Familien eine echte Alternative.“

  • Die Vermittlung der Tagespflegepersonen erfolgt nach Aussage des Kreises primär durch die Familienzentren vor Ort.
  • Das Jugendamt ist aber bereit, bei der Suche nach einer geeigneten Tagespflegeperson zu helfen.
  • Bei Sabine Schäfer sind ab 1. August noch drei Plätze für U3-Kinder frei. Interessenten melden sich unter Tel. (0178) 2941051.
  • Gebucht werden können 35 oder 45 Stunden in der Woche.

Wie groß der Bedarf an Betreuungsmöglichkeiten gerade auch für U3-Kinder ist, zeigen die jüngsten Zahlen des Kreises Coesfeld von November 2018. Danach werden im Kreis 37,3 Prozent der U3-Kinder betreut (Tageseinrichtung und/oder Kindertagespflege). Damit hat der Kreis in 2018 den landesweit höchsten Wert belegt. Er liegt gut 10 Prozentpunkte über dem landesweiten Durchschnitt von 27,2 Prozent. In der Stadt Münster, die bis zum Jahr 2016 noch den landesweit höchsten Wert auswies, liegt die Quote im Jahr 2018 mit 35,8 Prozent knapp unterhalb des Wertes des Kreises Coesfeld. Der Nachbarkreis Borken liegt bei 31,5 Prozent, die anderen Städte des Münsterlandkreises zwischen 30,3 und 32,9 Prozent.

Der Kreis Coesfeld geht gleichwohl davon aus, dass die Nachfrage und die Zahl der Gruppen weiter steigen wird. Aktuell sind 91 Kindertageseinrichtungen mit insgesamt 314 Gruppen im Jugendamtsbezirk Kreis Coesfeld in Betrieb. „Laut Monatsdaten der Kindertageseinrichtungen wurden im Dezember 2018 insgesamt 5602 Kinder, davon 3874 Kinder über drei Jahre und 1728 Kinder unter drei Jahre in Kindertageseinrichtungen betreut“, so das Jugendamt in einer schriftlichen Stellungnahme. „Die Nettobelastung des Kreises Coesfeld für die Kinderbetreuung in Kindertageseinrichtungen, Kindertagespflege und Spielgruppen lag 2018 bei rund 14,58 Millionen Euro. Der Kreis Coesfeld sieht die Kindertagespflege als „ein pädagogisches Betreuungsangebot vorwiegend für Kinder unter drei Jahren. Sie findet in einem familiären Umfeld statt, bei Bedarf auch ergänzend zur Betreuung in einer Kindertageseinrichtung.“

Der Ansatz von Sabine Schäfer ist - anders als bei Anja Wichmann - eine „Vollbetreuung“ der Kinder. „Die Eltern müssen bei mir mindestens 35 Wochenstunden buchen.“ Sie räumt ein, dass diese Vorgabe finanzielle Gründe hat. Sabine Schäfer kümmert sie hauptberuflich um die Kinder. „Pro Stunde Betreuung bekomme ich vom Jugendamt 5 Euro. Pro Kind.“ Dazu kommt ein Elternbeitrag für das Essen. Selbst wenn alle fünf Plätze belegt sind, bedeutet das eine Einnahme von 25 Euro in der Kernzeit. Brutto versteht sich. Und das bei recht langen Arbeitstagen. Dazu kommen jährliche Fortbildungen. An 30 Tagen im Jahr bleibt die Zwergenwiese geschlossen. An den anderen Tagen haben die Tagesmütter reichlich zu tun.

Anja Wichmann berichtet beispielsweise, dass um 7 Uhr die ersten Kinder kommen. Bevor sie sich auf den Weg zur Schule machen, gibt es Frühstück. Um 12 Uhr kommt das erste Kind zurück. „Essen, Hausaufgaben, einfach zuhören“ sind angesagt. Danach vergeht die Zeit schnell - aber mit viel Spaß. „Es ist 18 Uhr und wir hatten eine schöne Zeit“, schreibt Anja Wichmann in ihrem Tagesbericht. Das letzte Kind wird übrigens um 19.45 Uhr abgeholt. Die Tagesmutter sagt dazu: „Nicht jeder Tag ist gleich. Dann fällt der Unterricht aus, wohin mit den Kindern? Die Schule/Kita rufen an, weil das Kind krank ist und abgeholt werden muss, was jetzt? Das sind Momente, die Tagesmütter und -väter flexibel leisten. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, denn die Arbeit mit Kindern ist nicht planbar.“ Für Anja Wichmann steht fest, dass bei der Kinderbetreuung trotz aller Initiativen noch „einiges zu tun ist“.

Lesen Sie jetzt