Darum verlässt mit Bert Baesgen ein kritischer Geist die Gesamtschule Olfen

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Wenn am Donnerstag, 31. Januar, Bert Baesgen die Wolfhelm-Gesamtschule nach dem Unterricht verlässt, ist es für den dienstältesten Lehrer ein Abschied für immer. Fast jedenfalls.

Olfen, Vinnum

, 27.01.2019, 12:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bert Baesgen hat den Raum für das Gespräch bewusst gewählt. Hier im eher nüchternen Raum der Schülervertretung (SV) fühlt sich der 63-Jährige dennoch gut aufgehoben. An den Wänden hängen Transparente, die die Wolfhelmschule klar positionieren: „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“. Das passt zum zugezogenen Olfener. Ob in oder außerhalb der Schule. Baesgen, der sich selbst als kritischen Geist bezeichnet, wollte nie Mitläufer sein. Wenn er von einer Idee wie dem Konzept der Gesamtschule überzeugt war, hat er sich intensiv eingebracht. Das galt umgekehrt für Dinge, die er für falsch oder überflüssig hielt und hält - wie die B474n. Freunde hat er sich mit der klaren Kante nicht immer gemacht.

Baesgen warb in der Region für die Gründung der Schule

Als Bert Baesgen als junger Lehrer der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Dortmund-Brackel aus den Ruhr Nachrichten erfuhr, dass auch Olfen eine eigene Gesamtschule gründen will, ging Baesgen mit voran. Zusammen mit den Initiatoren nahm er an Informationsveranstaltungen auch in den Nachbarorten teil, um die seinerzeit noch weit verbreiteten Vorurteile gegenüber Gesamtschulen zu entkräften und Vorteile dieser im „schwarzen Münsterland“ kaum bekannten Schulform herauszustellen. „Ich fühle mich insofern ein Stück weit auch als ein Geburtshelfer der Gesamtschule Olfen“, sagt Baesgen.

Zwei jahrgangs- und kursübergreifende Fahrten nach Taizé sowie eine einwöchige Kanuwanderfahrt in Schweden hat Baesgen in seiner Zeit als Lehrer an der Gesamtschule organisiert. Das Foto entstand im Jahr 2005.

Zwei jahrgangs- und kursübergreifende Fahrten nach Taizé sowie eine einwöchige Kanuwanderfahrt in Schweden hat Baesgen in seiner Zeit als Lehrer an der Gesamtschule organisiert. Das Foto entstand im Jahr 2005. © Baesgen/Wolfhelmschule

Beim Startschuss der Wolfhelm-Gesamtschule im Sommer 1991 war Baesgen als Lehrer allerdings nicht mit dabei. Der Lehrer für katholische Religion, Gesellschaftslehre und Sport musste einen Sport-Leistungskurs in Dortmund noch zum Abitur führen. Ein Jahr später folgte der Wechsel. „Hehre Dinge“ hätte das Olfener Gründungs-Kollegium geplant und ausprobiert. „Im Alltag war die Umsetzung aber nur begrenzt möglich.“ Mit seiner damals bereits zehnjährigen Erfahrung beim Aufbau einer Gesamtschule wurde Bert Baesgen ein Stück weit zum Korrektiv nicht umsetzbarer „Träume“.

Zwei Sponsorenläufe hat Bert Baesgen für die Initiative „Roter Keil“ geplant. Zu einer Feierstunde in der Stadthalle im Schuljahr 2012/13 kam BVB-Profi Sebastian Kehl (l.). Darüber freute sich auch Schülersprecherin Lisa Bergmann.

Zwei Sponsorenläufe hat Bert Baesgen für die Initiative „Roter Keil“ geplant. Zu einer Feierstunde in der Stadthalle im Schuljahr 2012/13 kam BVB-Profi Sebastian Kehl (l.). Darüber freute sich auch Schülersprecherin Lisa Bergmann. © Baesgen/Wolfhelmschule


Baesgen ist Schweden- und BVB-Fan

Mindestens 27 Geschichten aus 27 Berufsjahren an der Wolfhelm-Gesamtschule könnte Bert Baesgen noch erzählen - von der Gründung der Kanu-Arbeitsgemeinschaft, über die Spendenläufe für die Aktion „Roter Keil“ bis zum Dualen Praktikum. Er könnte berichten über die verschiedensten Aufgaben, die er an der Gesamtschule übernommen hat. Vielleicht erinnert der neue Schulleiter Dr. Jerome Biehle bei einer internen offiziellen Verabschiedung am 8. Februar an die Arbeit in den Schulgremien. Wahrscheinlich wird er auf zwei besondere Interessen von Bert Baesgen zu sprechen kommen, Borussia Dortmund und Schweden. Der hohe Norden ist längst zu einer Art zweiten Heimat geworden. Sein Insider-Wissen gibt Baesgen seit Jahren in einem alternativen Reiseführer weiter. „Bald erscheint die 18. Auflage.“

Wassersport hat Bert Baesgen vielen Schülern nahegebracht. Von 1993 bis 2003 hat er eine Kanu-Arbeitsgemeinschaft an der Schule angeboten. Dabei lernten die Schüler im Hallenbad Eskimorollen. Zudem organisierte Baesgen regelmäßig Kanufahrten auf der Lippe. Im Jahr 2017 stiegen Schüler in ein Drachenboot. Unterstützung bekam Baesgen auch von der Kanu-Weltmeisterin Jule Hake, einer ehemaligen Schülerin.

Wassersport hat Bert Baesgen vielen Schülern nahegebracht. Von 1993 bis 2003 hat er eine Kanu-Arbeitsgemeinschaft an der Schule angeboten. Dabei lernten die Schüler im Hallenbad Eskimorollen. Zudem organisierte Baesgen regelmäßig Kanufahrten auf der Lippe. Im Jahr 2017 stiegen Schüler in ein Drachenboot. Unterstützung bekam Baesgen auch von der Kanu-Weltmeisterin Jule Hake, einer ehemaligen Schülerin. © Baesgen/Wolfhelm-Gesamtschule

Die Liebe zum BVB weckte bereits 1966 ein Stadionbesuch - und zwar in der Roten Erde. Später stand Baesgen auf der Südtribüne. Seit mittlerweile 35 Jahren ist er stolzer Inhaber einer Dauerkarte. Sofern es mit der Schule vereinbar war, hat er die Mannschaft auch bei Auswärtsspielen begleitet. Diese Fahrten will Baesgen als Ruheständler intensivieren, will die Spiele in den europäischen Metropolen dazu nutzen, „Land und Leute intensiver kennenzulernen“. Und was steht sonst an? „Ich bin demütig“, sagt Baesgen ungewohnt einsilbig und liefert gleich die Erklärung. Er kenne viele, die sich „megamäßig auf die Rente gefreut haben und dann Hiobsbotschaften im familiären Umfeld erleben mussten oder selbst unerwartet gesundheitliche Probleme bekommen haben.“

Lob für engagierte Schüler

Der letzte Blick richtet sich in diesem Gespräch deshalb auf die Jugend. Baesgen lobt ihr Engagement und ihre klare Position etwa beim Thema Rassismus. „Sehr erfreulich“ findet Baesgen, dass „immer weniger Jugendliche rauchen“. Aber der scheidende Lehrer ist nicht mit allen Entwicklungen glücklich. „Viele Jugendliche meinen, sich in sozialen Netzwerken präsentieren zu müssen.“ Oft bleibe es aber an der Oberfläche. Durchaus kritisch sieht er eine andere gesamtgesellschaftliche Entwicklung - das Konsumverhalten. Was er konkret meint? Ein Flug über das Wochenende zum Oktoberfest - was heute für manche Schüler nichts Besonderes sei, „war in meiner Zeit als Schüler undenkbar.“

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