Gedenken mal anders: „Zweitzeugen“ sprechen über Zeitzeugen

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Die Wolfhelm-Gesamtschule hat sich im Rahmen des Holocaust-Gedenkens an einem besonderen Projekt beteiligt: Schüler werden zu Lehrern und bewahren die Erinnerungen noch lebender Zeitzeugen.

Olfen

, 30.01.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Die Geschichte von Hannah Pick-Goslar fand ich sehr spannend, und auch traurig“, erzählt der dreizehnjährige Paul. Er und sein Freund Felix besuchen die siebte Klasse der Wolfhelm-Gesamtschule. Und sie nehmen gerade an einem besonderen Projekt teil: Dem Projekt „Zweitzeugen“.

Das “w“ in dem Wort ist kein Verschreiber. Bei dem Projekt sind 22 Schülerinnen und Schüler zu „Zweitzeugen“ ausgebildet worden – von Mitarbeitern des Vereins Heimatsucher. Die Jugendlichen hatten sich in mehreren Gesprächen vertieft mit den Biografien von Holocaust-Überlebenden auseinandergesetzt.

So auch Isabelle Deicke, Dana Stüer, Jannick Mandry und Thomas Limberg. Sie sind alle 18 Jahre alt, und an diesem Tag reden sie gerade mit einer Gruppe von Siebtklässlern über das Leben von Hannah Pick-Goslar. Die mittlerweile 90-Jährige lebt in Israel und hat den Holocaust überlebt – unter anderem hatte sie eine zweiwöchige Fahrt im sogenannten „Verlorenen Zug“ überstanden, der 1945 von russischen Soldaten entdeckt wurde.

„Die noch lebenden Zeitzeugen sind alle schon alt“

Die Jugendlichen sind sehr beeindruckt von dem, was sie über „ihre“ Zeitzeugin Hannah Pick-Goslar herausgefunden haben. „Man erfährt so viel über die persönliche Sicht des betroffenen Menschen, über die Schicksale“, sagt Isabelle. Und Jannick betont: „Die noch lebenden Zeitzeugen sind alle schon alt und werden irgendwann sterben. Wir sind verpflichtet, deren Erinnerung weiterzutragen.“ Dana hat es gut gefallen, sich zusammen mit den anderen Schülern auf diesen Tag vorzubereiten.

Die jüngeren Schüler sind am Projekttag aufgeteilt: Fünf Gruppen des siebten Jahrgangs besuchen abwechselnd die Klassenräume. Jeder Schüler hat die Gelegenheit, etwas über zwei von insgesamt fünf Zeitzeugen zu erfahren.

Fußabdrücke mit persönlichen Gedanken

So ist es auch in der Gruppe von Isabelle, Dana, Jannick und Thomas: Zunächst hören sich die Siebtklässler in einem großen Stuhlkreis etwas über den Lebenslauf von Hannah Pick-Goslar an.

Felix (l.) und Paul vor der Biografie von Hannah Pick-Goslar. Sie fanden das, was sie gehört haben, „schrecklich, aber vieles aus ihrem Leben war auch spannend.“

Felix (l.) und Paul vor der Biografie von Hannah Pick-Goslar. Sie fanden das, was sie gehört haben, „schrecklich, aber vieles aus ihrem Leben war auch spannend.“ © Martina Niehaus

Anschließend erstellen alle gemeinsam einen Zeitstrahl mit wichtigen Momenten aus deren Leben. Jeder Schüler notiert auf einem ausgeschnittenen Fußabdruck, was ihn am meisten beeindruckt hat. Paul und Felix sind nach der ersten Gesprächsrunde besonders erschüttert von der Fahrt im „Verlorenen Zug“. „Die Leute haben in diesem Zug zwei Wochen ohne Essen überleben müssen, und ab und zu haben sie Wasser aus Pfützen getrunken. Das muss so schrecklich gewesen sein“, sagt Paul. Und Felix sagt: „Ich fand es sehr schlimm, dass so viele ihrer Familienmitglieder gestorben sind, und dass die Familien getrennt wurden.“

Jugendliche zeigen beeindruckende Ernsthaftigkeit

Die beiden Projektkoordinatoren Tobias Horstmann und Ricarda Bildheim freuen sich sehr über ihre engagierten Schüler. „Die Schüler aus dem 12. Jahrgang übernehmen hier eine Lehrerrolle. Das ist für sie eine ganz neue Situation“, sagt Tobias Horstmann. Und Schulleiter Dr. Jerome Biehle ergänzt: „Es ist wichtig, dass die Schüler diese Vermittlerfunktion übernehmen. Das hilft, Hemmungen abzubauen. Unseren Siebtklässlern wird so ein ganz anderer Zugang zu dem Thema ermöglicht.“ Das Projekt helfe dabei, auch über den Unterricht hinaus über das Thema zu reden – „im Sinne der Demokratieerziehung ist uns das an unserer Schule sehr wichtig“, sagt Biehle.

Auch Lisa und Kim sind bei dem Projekt zu „Zweitzeugen“ ausgebildet worden. Schüler werden so zu Lehrern.

Auch Lisa und Kim sind bei dem Projekt zu „Zweitzeugen“ ausgebildet worden. Schüler werden so zu Lehrern. © Martina Niehaus

Auch Michael Gerken von der Sparkasse in Olfen ist an diesem Tag dabei: Die Sparkasse hatte das Projekt der Schule mit 1000 Euro finanziert. „Die Ernsthaftigkeit der Jugendlichen hat mich sehr beeindruckt“, sagt Gerken. „Und wir glauben, dass das sehr gut investiertes Geld ist. Denn das Thema ist sehr aktuell, auch heute werden Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens ausgegrenzt oder gemobbt.“ Deshalb sei die Sparkasse auch gerne bereit, im nächsten Jahr das Projekt erneut zu unterstützen.

Briefe der Schüler werden an die Zeitzeugen geschickt

Mit dem Ende der Projekttage ist das Thema für die Schüler noch nicht abgeschlossen. Die Eindrücke und Erfahrungen werden die Jungen und Mädchen aufarbeiten, indem sie kurze Briefe verfassen. Diese werden dann über den Verein an die noch lebenden Zeitzeugen weitervermittelt. Über diese Form der Aufarbeitung freut sich Jerome Biehle: „So stirbt Geschichte nicht, so geht sie weiter.“

Zur Person

Hannah Pick-Goslar

  • Die Jüdin Hannah Pick-Goslar wird 1928 in Berlin geboren; im Jahr 1933 verlässt die Familie Deutschland und flieht nach Amsterdam. Als Nachbarin der Familie Frank ist Hannah eng mit Anne Frank befreundet.
  • 1942 stirbt Hannahs Mutter an den Folgen einer schweren Geburt. Ein Jahr später werden Hannah, ihr Vater und ihre Schwester festgenommen und ins Konzentrationslager Westerbork gebracht.
  • 1944 kommt die Familie ins KZ Bergen-Belsen. Dort sieht Hannah noch einige Male Anne Frank – von weitem, durch Zäune voneinander getrennt. Hannahs Vater stirbt in dieser Zeit.
  • 1945 werden die Insassen kurz vor der Befreiung in Viehwaggons gesperrt und weggefahren. Der Zug wird später als „Zug der Verlorenen“ oder der „verlorene Zug“ bekannt. Nach einer zweiwöchigen Irrfahrt befreit die russische Armee die Insassen in dem Ort Tröbitz. Hannah und ihre Schwester überleben die Fahrt. Später erfahren sie von Anne Franks Vater, dass ihre Freundin in Bergen-Belsen gestorben ist.
  • Seit 1947 lebt Hannah Pick-Goslar in Jerusalem. Auch ihre Schwester lebt noch. Mittlerweile leben die beiden Frauen zusammen. Im Infoheft des Vereins „Heimatsucher“ sagt sie: „Ab 1987 habe ich angefangen zu erzählen. Vorher wollte mich keiner hören.“
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