Sie sind gesund, sie sind lecker, und sie sind blau: Auf dem Hof Schulze Kökelsum kann man Heidelbeeren selbst ernten. Für eine gute Ernte hat sich der Landwirt tierische Hilfe geholt.

Olfen

, 30.05.2019, 03:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mehrere Besuche auf dem Hof Schulze Kökelsum haben gezeigt: Wer regionale Produkte anbietet, muss viel Arbeit hineinstecken. Jan Schulze Kökelsum hat dabei nicht nur menschliche Mitarbeiter - auch Insekten helfen ihm.

Heidelbeeren gelten als Superfood, mit viel Ballaststoffen und wenig Zucker

Der 34-jährige Landwirt, der gemeinsam mit seiner Frau Jennifer und seinen Eltern Georg und Maria den Hof in Olfen bewirtschaftet, hatte im letzten Jahr eine Idee, die in der Region noch ziemlich neu ist: „Ich wollte gerne Heidelbeeren anbauen.“ Die blauen Beeren gelten bei Experten als Superfood: Sie sind vitaminreich, haben verhältnismäßig wenig Zucker, dafür aber viele Ballaststoffe. Zudem enthalten sie entzündungshemmende Anthocyane, die angeblich Alterungsprozesse der Haut aufhalten können. „Es gibt sogar Studien, die besagen, dass Heidelbeeren Krebs vorbeugen können“, sagt Jan Schulze Kökelsum.

Jan Schulze Kökelsum baut Heidelbeeren gemeinsam mit tierischen Helfern an

Wenn sie reif sind, sind Heidelbeeren besonders wegen ihrer Farbe ein Hingucker. © dpa

Vor allem jedoch schmecken Heidelbeeren richtig lecker, und der Landwirt möchte seinen Kunden die Möglichkeit bieten, die blauen Beeren im Folientunnel selbst zu pflücken. In der Region werden Heidelbeeren eher selten angebaut. „Ich glaube, in Hullern gibt es außer mir noch einen Landwirt, der sie anbietet“, sagt Schulze Kökelsum.

175 Töpfe mit Heidelbeeren stehen im Folientunnel

Der Start bei Heidelbeeren ist üblicherweise sehr langwierig: „Wenn man die Pflanzen kauft, sie sind dann ein Jahr alt, braucht es drei bis vier Jahre, bis Beeren wachsen.“

Das Problem löst sich, als Schulze Kökelsum die Gelegenheit bekommt, bereits vierjährige Pflanzen von einem anderen Betrieb zu einem günstigen Preis zu kaufen. „Ich habe das Angebot im Internet entdeckt und zugeschlagen“, erzählt er. Beim ersten Besuch im März stehen 157 Töpfe mit knapp zwei Meter hohen Sträuchern im Folientunnel, neben den Gewächshäusern für Erdbeeren und Himbeeren.

Hummeln reisen mit einem speziellen Kurierdienst

Im März sind die Blütenknospen der Heidelbeerpflanzen gerade entwickelt. Trotzdem hört man rings herum bereits ein lautes Summen. Und hier kommen die tierischen Helfer ins Spiel. „Das sind unsere Hummeln. Die habe ich bestellt, damit sie die Blüten bestäuben“, erklärt Schulze Kökelsum. Denn nur aus bestäubten Blüten entwickeln sich später Beeren. In der Mitte des Tunnels, unauffällig zwischen die Pflanzen geschoben, sieht man einen kleinen Karton stehen. Dort gehen die Hummeln ein und aus.

Jan Schulze Kökelsum baut Heidelbeeren gemeinsam mit tierischen Helfern an

Ein kleine Hummelhaus steht im Heidelbeeren-Gewächshaus. © Martina Niehaus

Bestellt hat Schulze Kökelsum die Tiere bei Sven Behr. Behr ist Bestäubungsimker mit Sitz in Welle in der Lüneburger Heide. Deutschlandweit und bis nach Österreich liefert er seine fliegenden Bestäuber und Nützlinge aus. „Das sind zigtausende Hummelboxen im Jahr, die wir an Landwirte liefern“, erzählt der 46-Jährige. Transportiert werden die Hummelkartons von einem speziellen Kurierdienst, der für den Transport von Tieren zertifiziert sein muss. „Die Fahrer dieses Unternehmens wissen, wie sie mit den Tieren umgehen müssen, damit sie mit möglichst wenig Stress von A nach B kommen“, erklärt Sven Behr.

Schlupfwespen schützen die Pflanzen vor Blattläusen

Anfang Mai, beim zweiten Besuch auf dem Olfener Hof, zeigt sich: Das Bestäubungsverfahren mit Hilfe der Hummeln hat geklappt. Die Heidelbeerblütenknospen haben sich zu kleinen Beeren entwickelt.

Jan Schulze Kökelsum baut Heidelbeeren gemeinsam mit tierischen Helfern an

Eine Hummel im Landeanflug auf eine Heidelbeerpflanze © Martina Niehaus

Die meisten sind noch grün, an einigen Beeren erkennt man aber bereits erste bläuliche Einfärbungen. „Im Prinzip essen wir mit der Beere den Blütenboden der Frucht“, erklärt Jan Schulze Kökelsum.

Auch im Mai stehen noch die Hummelkartons zwischen den Pflanzentöpfen. Jetzt hängen zwischen den Sträuchern allerdings noch andere Gegenstände, die auf den ersten Blick ein wenig an Gewürzstreuer erinnern. „Berry protect“ steht darauf. „Das sind Schlupfwespen“, erklärt Jan Schulze Kökelsum. Wieder tierische Helfer. Die diesmal dazu beitragen sollen, dass die Heidelbeeren nicht von Läusen befallen werden. „Wenn man hier Läuse an den Pflanzen hätte, würde das einen hohen wirtschaftlichen Schaden bedeuten, ganz klar“, sagt der Landwirt.

Gruselige Vorstellung, aber auf die Wirkung kommt es an

Auch die Schlupfwespen hat Schulze Kökelsum bei Sven Behr bestellt. „Wir nennen das biologische Insektenbekämpfung. Die Wespen parasitieren die Laus. Das heißt, sie fliegen auf die Pflanze und legen ein Ei in die Blattlaus. Wenn sich die Larve entwickelt, platzt die Laus und eine neue Wespe schlüpft. Das dauert ungefähr eine Woche“, erklärt Behr.

Jan Schulze Kökelsum baut Heidelbeeren gemeinsam mit tierischen Helfern an

Aus diesem kleinen "Gewürzstreuer" kommt kein Pfeffer, sondern Schlupfwespen. © Martina Niehaus

Platzende Blattläuse - eine zugegebenermaßen ziemlich gruselige Vorstellung. Doch der Schutz der Pflanzen kann auf diese Weise ohne chemische Pflanzenschutzmittel erfolgen. „Viele Mittel wirken nicht mehr, weil die Tiere Resistenzen dagegen entwickeln“, erklärt der Bestäubungsimker Behr. „Aber eine Schlupfwespe wird nie sagen: Heute habe ich keinen Hunger. Manchmal muss man sich einfach mal was von der Natur abgucken“, sagt er und lacht.“

Für Jan Schulze Kökelsum ist es außerdem wichtig, chemische Insektenschutzmittel zu vermeiden. „Wenn man die Pflanzen später essen möchte, ist es mit der natürlichen Methode viel besser.“

Heidelbeerkompott mit Waffeln

Jetzt hofft er darauf, dass mit Hilfe der krabbelnden Helfer die erste große Ernte bald reif ist. „Wenn es auch in den nächsten Wochen etwas kühler wird: Ich hoffe, dass wir von Ende Mai bis Mitte Juni ernten können.“

Und dann wird Ehefrau Jennifer Schulze Kökelsum im Hofladen und im Café auch zum ersten Mal Heidelbeerkompott anbieten. „Das schmeckt besonders gut auf Waffeln und Pfannkuchen“, sagt Jan Schulze Kökelsum.

Tierische Hummel-Helfer
  • Hummeln besuchen Blüten, um Pollen und Nektar zu sammeln. Sie sind sehr effiziente Bestäuber im Obstbau und in der Landwirtschaft. „Durch die Größe der Hummeln und bedingt durch ihren haarigen Körper werden große Mengen von Pollen transportiert“, heißt es auf der Homepage von Sven Behr. Ein Karton mit lebenden Hummeln kostet ungefähr 70 Euro.
  • Hummeln übertragen pro Ausflug mehr Pollen auf den Stempel der Blüte als Honigbienen. Sie wechseln darüber hinaus viel häufiger den Baum oder Strauch, wodurch sich die Fremdbestäubung erhöht.
  • Im Gegensatz zu Honigbienen lassen Hummeln Blüten vibrieren, was bei mehreren Arten (wie zum Beispiel der Heidelbeere) zum Lösen des Pollens erforderlich ist. Hierdurch können die Erträge zusätzlich gesteigert werden.
  • Im Gegensatz zu Honigbienen arbeiten Hummeln auf überdachtem oder halbüberdachtem Gelände effizienter, da sie sich besser unter diesen Anbauformen orientieren können.
  • Hummeln bedeuten für die Mitarbeiter der Landwirte auch mehr Sicherheit. Sie haben generell ein ruhiges Wesen und stechen nur, wenn sie gereizt werden. „Trotzdem würde ich raten, nicht zu nahe an die Kartons heranzugehen“, sagt Jan Schulze Kökelsum.
  • Am Ende ihres Hummellebens, sobald neue Königinnen geboren sind, wird die Hummelkönigin von den eigenen Arbeiterinnen „erstochen“, wie Sven Behr erklärt. Die neuen Königinnen fliegen aus und überwintern.
  • www.bestaeubungsimker.de
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