Wenn der Begriff „Loverboys“ fällt, werden Pädagogen hellhörig. Doch auch Eltern müssten aufmerksam sein. Experten wollen verhindern, dass junge Männer minderjährige Mädchen manipulieren.

Olfen, Nordkirchen

, 03.11.2019, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hinter der sogenannten „Loverboy-Methode“ steckt in erster Linie ein krimineller Mann, der eine Liebesbeziehung zu einem meist minderjährigen Mädchen (ab circa 11 Jahre) vortäuscht: Er manipuliert sie emotional, isoliert sie sozial und zwingt sie in die Prostitution, um sie systematisch sexuell zu missbrauchen. „Loverboys“ suchen sich ihre Opfer vor Schulen, in der Nähe von Jugendtreffs oder im Web. Es gibt dringenden Handlungs- und Präventionsbedarf für Schule, Familie und Öffentlichkeit.

Durch die Aktualität von Straftaten, ausgeübt durch die sogenannten „Loverboys“, auch im Kreis Coesfeld, sieht der Arbeitskreis Prävention, der dem Runden Tisch gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Kreis Coesfeld angehört, eben jenen Bedarf und handelt.

Präventionsveranstaltung

Die zweitägige Präventionsveranstaltung „Die Loverboy-Methode entlarven – Selbstbewusstsein stärken“ findet vom 11. bis 12. November im Rathaus Senden, Münsterstraße 30, statt und lädt vor allem Schulsozialarbeiter, Lehrer, Pädagogen und Mitarbeiter der offenen Jugendarbeit dazu ein.

Loverboys: Wenn junge Mädchen Opfer falsch verstandener Liebe werden

Barbara Borchard (l.) und Walburga Niemann vom Runden Tisch gegen Gewalt an Frauen und Kindern im Kreis Coesfeld wollen mit der Tagung dazu beitragen, dass Loverboys keine Chance haben. © Runder Tisch gegen Gewalt

Den Auftakt bildet eine offene Informationsveranstaltung am Montag, 11. November, um 18 Uhr im Rathaus in Senden zum Thema „Die Loverboy-Methode“. Eingeladen sind dazu nicht nur die genannten Zielgruppen, sondern auch Eltern und andere Interessierte. Es werden grundlegende Informationen über die Täterstrategie der „Loverboys“ gegeben, sowie verschiedene Hilfs- und Präventionsmöglichkeiten vorgestellt. Die Teilnahme am Infoabend ist kostenfrei.

Kontakt Die Präventionsveranstaltung wird unterstützt vom Netzwerk – Hoffnung für missbrauchte Kinder „roterkeil Senden e.V.“ Die Teilnahmekosten für die eintägige Schulung können dadurch gering gehalten werden und betragen 40 Euro pro Person. Infos unter der Nummer des Runden Tisches (02541) 189202 oder unter der Nummer von frauen e.V., Tel. (02541) 970620.

Die anschließende Tagesfortbildung am Dienstag, 12. November, ebenfalls im Rathaus Senden, ist für sozialpädagogisches Fachpersonal bestimmt und soll alle Teilnehmenden dazu befähigen, selber einen ansprechenden und wirkungsvollen Workshop mit Jugendlichen durchführen zu können, erklärt Barbara Borchard für die Veranstalter.

Mädchen und Jungen sensibilisieren

Die Ziele seien, Mädchen und Jungen über die „Loverboy“-Methode aufzuklären und sie für ihr eigenes Grenz- und Selbstwertgefühl sowie ihr persönliches Verständnis von Beziehung zu sensibilisieren. Die Zielgruppe sind Mädchen und Jungen ab 11 Jahren bzw. Schüler der 7., 8., 9. und 10. Klasse.

Wie virulent ist die Loverboy-Methode eigentlich in Olfen und Nordkirchen? Wir haben die Pressestelle der Kreispolizeibehörde Coesfeld dazu befragt. Die Antworten hat uns Rolf Werenbeck-Ueding, Polizeihauptkommissar und Pressesprecher, gegeben.

? Wie virulent ist das Thema Loverboy-Methode im Kreis Coesfeld? Gibt es Fallzahlen, eventuell sogar Fallzahlen für Olfen und Nordkirchen?

Werenbeck-Ueding dazu: „Das Thema ,Loverboy‘ ist für unsere tägliche Arbeit eher am Rande präsent. Wir hatten in der Kreispolizeibehörde Coesfeld im Jahr 2017 einen Fall mit zwei jungen Frauen, den wir aber aus Opferschutzgründen nicht weiter veröffentlicht haben. Weder Olfen noch Nordkirchen waren seinerzeit betroffen.

? Welche Handhabe hat die Polizei, um gegen diese Loverboys vorzugehen?

„Als ,Werkzeuge‘ hat uns der Gesetzgeber die Strafprozessordnung und das Polizeigesetz an die Hand gegeben“, so der Pressesprecher. Sobald ein strafrechtlicher Anfangsverdacht bestehe (zum Beispiel der Zuhälterei), werde ein Strafverfahren eingeleitet, ausermittelt und an die Staatsanwaltschaft zur weiteren Entscheidung übergeben. „Ergeben sich Hinweise auf eine Gefährdungslage, wird auf Basis des Polizeigesetzes NRW alles unternommen, um die Gefahr auszuräumen.“

? Die Täter suchen ihre Opfer vor Schulen, in der Nähe von Jugendtreffs oder im Internet. Hat sich die Polizei auf dieses Thema spezialisiert? Kontrolliert die Polizei womöglich an Schulen und Jugendtreffs und durchforstet sie das Internet?

Das erklärt der Polizeihauptkommissar: „Zur Bearbeitung von Sittendelikten haben wir ein zentrales Fachkommissariat. Im Rahmen der regelmäßigen ,Rotlichtkontrollen‘ von Bordellbetrieben wird natürlich auch auf das Alter der Prostituierten und die Freiwilligkeit ihrer Berufsausübung geachtet.“ Einschlägige Internetportale werden mit Fokus auf Angebote aus dem Kreis Coesfeld beäugt. Hier lassen sich Anfangsverdachte gewinnen, wo die Polizei dann mit weiteren Maßnahmen ansetze. „Eine Anbahnung an Schulen oder Jugendtreffs haben wir bislang nicht beobachtet.“

? Wird die Polizei präventiv tätig? Wenn ja, wie?

„Natürlich setzen wir auch im Rahmen unserer Präventionsarbeit den Fokus in die Themenrichtung ,Loverboy‘“, so der Polizeisprecher. So gebe es Beratungen zum Thema Internetsicherheit/ -nutzung in Schulen für Eltern, Lehrkräfte aber auch Schülerinnen und Schüler. Hierbei werde auch das Thema „Loverboy“ gestreift.

? Für wie wichtig hält die Polizei in diesem Zusammenhang die Tagung für Eltern und für Fachpersonal, die auch der Prävention dienen soll?

Rolf Werenbeck-Uedings Antwort liest sich so: „Präventionsarbeit ist sehr wichtig. Wir stellen im Rahmen von Netzwerkarbeit Informationen für Pädagogen bereit, die dann die Jugendlichen sensibilisieren. Nur so sind dann auch Lehrerinnen und Lehrer oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Lage, einen entsprechenden Anfangsverdacht zu gewinnen und uns zu informieren, damit wir mit strafverfolgenden Maßnahmen eingreifen.“ Im besten Fall führe die Präventionsarbeit dazu, dass Mädchen oder jungen Frauen selbstbewusst dem „Loverboy“ widerstehen.

Klara Döbbelin-Südfeld, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Nordkirchen, ist das Thema Loverboy-Methode in Nordkirchen bisher nicht begegnet. „Das muss natürlich nicht heißen, dass es hier nicht vorkommt.“ Denn: „Erfahrungsgemäß ist bei solchen Themen die Dunkelziffer sehr hoch.“ Falls ihr ein solcher Fall bekannt werden würde, würde sie an die entsprechenden Beratungsstellen, zum Beispiel den Frauen e.V. in Coesfeld, und an die Polizei vermitteln.“ Weiterbildungen und Informationen zu solchen Themen wie durch die Tagung in Senden seien natürlich immer wichtig und hilfreich.

Auch laut Gabriele Bäcker, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Olfen, ist die Loverboy-Methode in Olfen noch nicht bekannt. Allerdings: „Ich kann mir vorstellen, dass die Loverboy-Methode mit einer großen Dunkelziffer behaftet ist.

Hier findet zunächst Gewalt auf der emotionalen Ebene statt, daher unsichtbar für alle Mitmenschen.“ Wichtig sei zudem, das Thema möglichst breit zu kommunizieren: „Das Jugendamt, Ärzte, Schulen, Jugendeinrichtungen, Wohngruppen, Mädchengruppen: Überall dort, wo junge Mädchen Kontakte habe, sollten Mitarbeiter der jeweiligen Einrichtungen, zu diesem Thema sensibilisiert werden.“

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