Eigentlich wollten die Olfener nur ein Naturbad. Dann entdeckten Archäologen, dass sich genau am auserwählten Ort, 11.000 Jahre Menschheitsgeschichte verbarg - und ein Haufen Knochen.

Olfen

, 02.05.2020, 10:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Welche Namen die beiden Frauen einmal gehabt haben, ist völlig unklar. Über sie gibt es keine Aufzeichnungen, niemand hat sie gemalt und, dass sie aus dieser Welt geschieden sind, ist viel zu lange her, als dass sich jemand an sie erinnern könnte.

Nur Reste ihrer Knochen, die gibt es noch. Sie gehören zu den Fundstücken, die Archäologen bei ihren Ausgrabungen zwischen April 2008 und April 2009 unter dem heutigen Olfener Naturbad fanden. Auf einer Fläche von insgesamt 16.000 Quadratmetern förderten die Archäologen 1028 Befunde und Einzelfunde zu Tage. Ein Fund bezeichnet in der Archäologie ein Fundstück, ein Befund ist hingegen das Ergebnis einer Untersuchung, das mehr über den Kontext von Funden aussagt.

Die Funde reichen von Speeren, und Armreifen, über Rückstände von Häusern und erstrecken sich auf 11.000 Jahre Menschheitsgeschichte. Die ältesten Funde reichen bis zur Mittelsteinzeit (also 9000 Jahre vor Christus) zurück. Die Ruhr Nachrichten begleiteten die Arbeiten dabei regelmäßig. Ein Highlight aus unserem Archiv war diese Überschrift: „Grabung nach dem Olfen-Ötzi“ vom 15. Februar 2008. Und auch die Schwimmeister des heutigen Bades wissen, dass sich unter ihrer Kabine einst ein Knochenlager befand, wie Aufzeichnungen des LWL zeigen.

Nummern statt Namen

Die beiden Frauen - oder besser gesagt ihre Knochen, die die Wissenschaftler fanden - stammen aus der frühen Bronzezeit (etwa 1600 bis 2200 vor Christus). Die Namen, die sie einmal gehabt haben mögen, sind Nummern gewichen. Archäologen nennen sie „Urnenbestattung F599“ und „Knochenlager F717“. Das F steht für Fundstück. Die Nummer ist wichtig für die spätere Arbeit der Archäologen. Sie fasst mehrere zusammenhängende Fundstücke zu einem zusammen und sortiert sie.

Überall Sand: Hier fanden die Archäologen Gräber aus der Bronzezeit.

Überall Sand: Hier fanden die Archäologen Gräber aus der Bronzezeit. © Dr. Jürgen Gaffrey

“Diese eindeutige Zuordnung aller Funde ist eine grundlegende Voraussetzung für jede archäologische Auswertung, da die Funde wie zum Beispiel Keramik oder Gegenstände aus Metall oder Glas oft die einzige Möglichkeit darstellen, den entsprechenden Befund zeitlich einzuordnen“, schreibt der Grabungsleiter Michael Esmyol in der Schrift „Unter dem Freizeitbad - Archäologische Entdeckungen in Olfen-Kökelsum“ über seine Arbeit.

Zudem wird die Nummer auch in eine Computerdatenbank eingetragen. So haben die Wissenschaftler später alle Details auf einen Blick. Das ist wichtig für die weitere Bearbeitung und mögliche spätere Ausstellungen.

Geschichte des Naturbads in Olfen:
  • Von den 1930ern bis 1950er Jahre hinein gab es in Olfen ein Freibad direkt an der Stever in der Nähe der Dreibogenbrücke
  • Um die Jahrtausendwende gab es erstmals Pläne, ein Freibad zu errichten, doch diese verliefen im Sande. „Franziska von Almsick kommt heute zur Grundsteinlegung für das Steverbad“, lautete ein April-Scherz aus den Ruhr Nachrichten Anfang 2000.
  • Ende 2007 gab es dann tatsächlich einen Bebauungsplan für das Bad.
    Start der Grabungen war im 14. April 2008 nach kurzer Vorbereitungsphase. Die Arbeiten dauerten bis Ende April 2009 an.
  • Insgesamt wurden 1028 archäologische Befunde und Einzelfunde entdeckt.
    Ein Highlight aus unserem Archiv war diese Überschrift: „Grabung nach dem Olfen-Ötzi“ vom 15. Februar 2008.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

F599 unf F717 weisen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Zunächst einmal sind beide sehr wahrscheinlich Frauen. Kleine Fingerknochen und zierliche Rippen legen diese Vermutung unter anderem nahe. Die Knochen zeigen auch: Beide haben hart gearbeitet. 717 noch mehr als 599.

Aber 717 ist auch älter. Sie war etwa 40 bis 50 Jahre alt, als sie starb, zeigten die Untersuchungen. 599 war zwischen 30 bis 40 Jahren alt. Wie sie gestorben sind, ist unklar. Körperliche Auffälligkeiten wiesen die beiden jedenfalls nicht auf.

Archäologin Sabine Kiltz und Grabungstechniker Michael Esmyol zeigen einige ihrer Fundstücke

Archäologin Sabine Kiltz und Grabungstechniker Michael Esmyol zeigen einige ihrer Fundstücke © Foto: Brüning

Dennoch sind die beiden etwas Besonderes. Bei beiden fand man eine Fibel - eine Anstecknadel. Etwas, was zuvor nur sechsmal bei Ausgrabungen in Westfalen gefunden worden war. Möglicherweise hatten sie die Nadel erhalten, um damit ein Tuch, das um Urne oder Knochen gewickelt worden war, zu befestigen. Möglicherweise war die Fibel aber mehr. Eine Beigabe. „In jedem Fall hätte die Fibel einen Funktionswandel durchgemacht“, so Dorothee Ackermann-Grünewald, in der zusammenfassenden Schrift des LWL. „Für die ehemalige Trägerin war sie ein funktionales Schmuckstück, für die Nachkommen fand sie als Verschluss und Beigabe nach dem Tode der Verstorbenen Verwendung. Hieraus können wir aber auch schließen, dass es sich um einen sehr persönlichen Gegenstand gehandelt haben muss, den die Nachfahren nicht ‚erben‘ wollten.“

Auf den Spuren der Menschheitsgeschichte:

Der damalige Bürgermeister Josef Himmelmann bezeichnete die Grabungen - auch, wenn sie den Bau des Naturbades beträchtlich nach hinten verzögerten, als Glücksfall: „Das Interesse aus der Bevölkerung und das Bewusstsein für die eigene Geschichte wuchsen mit jedem neuen Fund“, sagte er rückblickend.

Die Forscher zogen mit ihren Texten über die Grabungen am Naturbad allerdings nicht nur ein Resümee und blickten in die Vergangenheit. Wie für Forscher üblich, gab es auch einen Blick in die Zukunft:

Denn graben durften die Forscher nur dort, wo auch gebaut wurde. „Mag dies für die aktuelle Forschung etwas schmerzlich sein, bietet es doch eine große Chance für die Zukunft: Die stetige Entwicklung (natur-) wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden lässt darauf hoffen, dass eine in 50 oder 100 Jahren durchgeführte Grabung wesentlich mehr Erkenntnisse ermöglicht als eine Ausgrabung heutigen Standards“, resümiert der Archäologe Jürgen Gaffey. Wahrscheinlich gibt es also noch einiges in Olfen zu finden.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt