Die Olfenerin Carina Lücke mit ihrem Sohn am sehr langen "Hausstrand" in Muizenberg, einem gut 36.000 Einwohner zählenden Vorort Kapstadts. © Lücke
Interview

Olfenerin in Südafrika: Ein Leben mit Mutation und vielen Lockerungen

Groß ist der Respekt vielleicht sogar die Angst vor der südafrikanischen Corona-Mutation. Wie lebt die Olfenerin Carina Lücke in ihre Wahlheimat damit? Ein aufschlussreiches Gespräch.

Hallo Frau Lücke, wie geht es Ihnen gerade persönlich in Südafrika, haben Sie sich wieder gut eingelebt?

Danke der Nachfrage. Mir und meiner Familie hier geht es zurzeit sehr gut. Wir sind – ohne schmerzhafte Verluste – „gut“ durch die 2. Welle gekommen. Hier scheint auch gerade die Sonne und es ist seit unserer Rückkehr Sommer. Das hat das Wiedereinleben erleichtert.

Wie empfinden Sie die Stimmung in der Bevölkerung, eher ängstlich oder hoffnungsvoll?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir sind gerade angesichts der zurückgehenden Infektionszahlen eher hoffnungsvoll.

Fühlen Sie sich aktuell in Südafrika wohl – oder wären sie aktuell doch lieber in Olfen?

Aktuell genieße ich den Spätsommer, das Baden im Meer, meine Arbeit, Grillen mit Freunden, Restaurantbesuche, den wieder erhältlichen, sehr guten südafrikanischen Wein, die stark sinkenden Infektionszahlen und das damit einhergehende abnehmende Ansteckungsrisiko hier sehr.

In Deutschland wird gerade intensiv über Virus-Mutationen und dabei besonders über die südafrikanische Mutation gesprochen – welche Rolle spielt das Thema in Südafrika selbst?

Im alltäglichen Leben – gar keine. Viele Leute bangen hier seit Jahren um ihre Existenz und kämpfen jeden Tag aufs neue ums Überleben. Südafrika hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Welt. Die Pandemie hat es weitaus schlimmer gemacht.

Zurzeit sind wir hier eher über die Stigmatisierung und die „Panikberichterstattung“, die mit der Benennung der Südafrika-„Mutante“ einhergeht, verärgert. Dies wird noch langzeitige ökonomische Folgen für das Land haben, das sehr vom Tourismus abhängt. Südafrikas Wissenschaftler haben schon früh – vor vielen westlichen Ländern – Proben regelmäßig sequenziert, waren sehr ehrlich in Bezug auf die Erkenntnisse, die mit der Variante 501.Y.V2 einhergehen. Patient 0 wurde übrigens noch nicht gefunden, es kann also auch sein, dass die Variante gar nicht aus Südafrika stammt. Unsere Grenzen sind seit Oktober wieder geöffnet und die Variante hat sich hier seit November verbreitet.Gefehlt haben mir in der Berichterstattung auch die guten Nachrichten, wie zum Beispiel dass trotz neuer Variante unsere Zahlen seit 6 Wochen drastisch sinken und dieses trotz eines vergleichsweise „leichten“ Lockdowns (unsere Restaurants, Geschäfte, Friseure und Fitnessstudios blieben zu Peak oder Plateau-Zeiten während der 2. Welle geöffnet).

Wie ist die aktuelle Situation vor Ort, gibt es einen Lockdown oder andere Einschränkungen?

Die Situation hier ist gerade entspannt. Angesichts eines drastischen Rückgangs bei den Corona-Neuinfektionen und der Auslastung des Gesundheitssystems, wurden hier sehr umfangreiche Lockerungen durchgeführt. Wir können uns mit bis zu 100 Leuten drinnen und 250 Leuten draußen versammeln/ treffen. Wir hatten, bedingt durch die Virus-Variante, eine sehr heftige, aber dafür auch sehr kurze 2. Welle im Sommer (Dezember bis Januar 2021). Nach Berechnungen von Statistikern geht man davon aus, dass bereits über 50 Prozent der Südafrikaner eine Covid-19-Erkrankung hinter sich haben. Dieses erklärt auch den massiven Rückgang der Infektionszahlen: Die Infektionszahlen sind von einem Tageshöchstwert von 22.000 im Januar auf durchschnittlich 900 pro Tag zurückgegangen. Die Testpositivrate ist von 50 Prozent auf zuletzt 2,7 Prozent gesunken. Einen heftigen Lockdown im Zuge der 2. Welle über Weihnachten wie zu Beginn der Pandemie, konnte sich Südafrika sozial- und ökonomisch nicht leisten. Wir kämpfen hier immer noch mit den Folgen des ersten strengen Lockdowns von März bis Juni 2020, wo Millionen Südafrikanerinnen und Südafrikaner aufgrund von Jobverlusten an die Hunger-/ Armutsgrenze gerutscht sind. Unser Premier spricht hier oft von der 2. Pandemie, die Jobverlusts-Pandemie.

Wie sieht bei Ihnen die Impfstrategie im Land aus – welche Impfstoffe werden verimpft, welche Gruppen haben Vorrang?

Sarkastisch gesprochen, ähnlich wie in Deutschland, möglichst schnell „durchimpfen“. Das „schnell“ ist jedoch Interpretationssache und hängt maßgeblich von der Verfügbarkeit der Impfstoffe ab. Von Astra Zeneca haben wir vom Serum Institut aus Indien 1 Million Dosen erhalten, diese Impfungen wurden aber gestoppt, da man sich nicht sicher ist, ob es gegen die hiesige Variante wirkt.Es wäre schön, wenn weltweit mehr Impfsolidarität herrschen würde. Hier wurden sehr viele Impfstoffe während der ersten Welle getestet. Bisher sind allerdings wenige Impfstoffe, die sich gegen die Virusvariante als „halbwegs“ wirksam erwiesen haben, angekommen.

Wollen Sie sich selbst impfen – und haben Sie bereits einen Impf-Termin für Sie selbst und Ihre Familie?

Ich bin mal gespannt, wer schneller mit einem Impfangebot an mich ist – Deutschland oder Südafrika. So wie es aussieht, hatte ich im Januar auch die Variante. Ende Dezember/Anfang Januar war etwa die Hälfte meiner Freunde/ Nachbarn an Covid-19 erkrankt. Ich bin sehr dankbar, dass es alle aus meinem engeren Kreis „gut“ überstanden haben und bedaure und trauere um die zahlreichen Todesfälle weltweit.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie für Ihre Familie in den Bereichen Kinderbetreuung und Beruf?

Zur 2. Welle hatten wir hier Sommerferien und die Schulen waren zwei Wochen länger also sonst geschlossen. Seit 15.2. sind alle Schulen für alle Jahrgangsstufen wieder geöffnet – teilweise mit Wechselmodellen und natürlich auch mit Maskenpflicht. Für Homeschooling fehlt hier in der breiten Bevölkerung der „kostenlose“ Zugang zum Internet (Datenpakete kosten hier eine Menge Geld) sowie die Hardware. Auch spielen die Schulen hier bei der Nahrungsmittelversorgung der Kinder eine immens wichtige Rolle. Kindergärten hatten keine längeren Schließzeiten. Mein Sohn ist seit unserer Rückkehr im November regelmäßig morgens in der Kita und nachmittags habe ich eine Babysitterin/Nanny, was ein riesen Glück und Privileg ist.

In Deutschland macht sich gerade eine große Pandemiemüdigkeit breit, weil viele Geschäfte, alle Restaurants und viele Einrichtungen geschlossen haben. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Hier sind die Restriktionen vergleichsweise milde. Mir fehlen schon die Umarmungen ohne Angst vor Infektion, und meine Familie und Freunde in Deutschland. Müde bin ich von dem Virus, den damit einhergehenden sozioökonomischen Langzeitfolgen sowie den Grundrechtseinschränkungen. Mich ärgert auch, dass die globalen und lokalen Ungleichheiten durch den Virus weiter zunehmen werden, Kleinst- und Familienbetriebe Pleite gehen, Kunst- und Kulturwirtschaft weiter leiden wird und Großunternehmen wie zum Beispiel Amazon ihren Profit ins Maßlose erhöhen können. Da müssten mal einige Reformen her, auch Investitionen ins Gesundheits- und Pflegewesen. Lavendel und Klatschen reicht da nicht.

Wo sehen Sie ihre mittelfristige Zukunft?

Wenn mich Afrika und diese Pandemie eines gelehrt hat, ist es mehr im Moment zu leben. Ich möchte allerdings schon gerne auch viel Zeit mit meinem Sohn in Deutschland verbringen. Mir fehlen meine Liebsten in Deutschland und natürlich auch die alte „Heimat“. Ich hoffe, dass wir im Mai oder Juni ohne große Restriktionen wieder einreisen und das Sommerwetter mitbringen dürfen. Keine Angst: Virusvarianten kommen nicht in den Koffer.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mehr weltweiten Austausch zu guten Konzepten (es gibt auch noch andere wirksame Wege als Grenzschließungen oder einen Lockdown), weniger Nationalismus, mehr globale Solidarität und ein kein Totsparen zu Lasten des Gesundheitswesens.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
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