Warum es am 30. April 2019 auf der Lützowstraße zu einem schweren Unfall mit zwei Toten kam, wird im Detail wohl nie geklärt. Fest steht aber wie das Amtsgericht Münster den Fall wertet.

Olfen, Selm

, 11.02.2020, 18:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

Marathonsitzung beim Schöffengericht in Münster: Sieben Stunden lang hat das Gericht am Dienstag den mutmaßliche Unfallfahrer (39) befragt, hat mehrere Gutachter und Zeugen gehört, um den Unfall vom 30. April 2019 juristisch aufzuarbeiten.

Während die Staatsanwaltschaft in ihrem abschließenden Plädoyer eine Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten sowie eine lebenslange Sperre zur Erteilung einer Fahrerlaubnis forderte, hielt die Verteidigerin des Selmer Angeklagten eine Strafe von 1 Jahr und 2 Monaten für angemessen.

Gericht geht von einem „von Alkohol bedingten Fahrfehler“ aus

Die Vorsitzende Richterin Richard sagte bei der Urteilsverkündung, dass von einem „von Alkohol bedingten Fahrfehler auszugehen“ sei. Das Gericht habe deshalb auf fahrlässige Tötung entschieden. Eine dreijährige Haftstrafe „ist angemessen - aber auch ausreichend“, sagte die Richterin.

Auch beim Fahrverbot blieb das Gericht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Es nahm Abstand von der lebenslangen Sperre und entschied sich für eine fünfjährige Sperre. Gleichzeitig setzte das Amtsgericht Münster den Haftbefehl mit sofortiger Wirkung außer Vollzug.

Damit kam der Selmer, der in Untersuchungshaft saß, auf freien Fuß. Seine Haftstrafe muss er erst antreten, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Allerdings hat er - entsprechend einer Forderung der Staatsanwaltschaft - Ladungen Folge zu leisten. Eine Fluchtgefahr besteht nach Einschätzung des Gerichtes nicht.

Geständnis wirkt sich positiv auf das Strafmaß aus

Beim Strafmaß hat das Gericht berücksichtigt, dass der Angeklagte geständig war. „Aber die Schuld, ihren ältesten Freund verloren zu haben, werden Sie ein Leben lang mit sich tragen müssen“, erklärte die Vorsitzende Richterin.

In die Urteilsfindung flossen auch die rund 20 Vorstrafen des Selmers ein. Dazu das konsequente Bewährungsversagen. „Alle fünf Bewährungschancen haben Sie nicht genutzt“, hatte zuvor schon der Staatsanwalt in seinem Plädoyer betont.

Er hatte eindringlich darauf hingewiesen, dass der Selmer niemals das Auto hätte fahren dürfen. „Besoffen, bekifft und dann noch ohne Führerschein“, brachte es der Staatsanwalt auf den Punkt. Dafür sei der Angeklagte zu bestrafen.

Staatsanwaltschaft sieht beim Angeklagten keine Bereitschaft sich zu ändern

Erschwerend wirke sich aus Sicht der Staatsanwaltschaft aus, dass der Selmer „nicht bereit sei, sich zu ändern“. Ein Aspekt, den später auch die Richterin in ihrer Urteilsbegründung aufgriff. Sie sprach von einem „notorisch unbelehrbaren Verhalten“. Immer wieder sei der Selmer, der niemals einen Führerschein besessen hatte, beim Fahren verschiedenster Fahrzeuge erwischt worden.

1996 wurde er deshalb erstmalig verurteilt. Dazu kommen verschiedenste Einbrüche. Aus Sicht der Verteidigerin sei das als Beschaffungskriminalität zu bewerten. Bereits im Alter von 16 Jahren hatte der Selmer illegale Drogen konsumiert. Meist ging es um Heroin. Dazu kamen auch andere Substanzen wie Cannabis. Aber auch Alkohol spielte eine große Rolle.

Selmer hatte schon vor dem Fahrantritt in Dortmund Bier getrunken

So auch an diesem 30. April. Am Vorabend zum 1. Mai war der Selmer mit dem Zug nach Dortmund gefahren. Hatte sich mit den späteren Unfalltoten getroffen. Schon vor Fahrtantritt hatte der Selmer Alkohol getrunken. Und auch Rauschgift war später noch nachweisbar.

Bei der Verhandlung am Amtsgericht schilderte der Angeklagte am Dienstag, dass er zunächst hinten in dem Auto gesessen habe. Doch auf dem Weg von Dortmund nach Selm hätten sich der Fahrer und der Beifahrer gestritten.

Irgendwann sei die Situation so eskaliert, dass der Fahrer gestoppt habe. Dann sei ihm der Autoschlüssel in die Hand gedrückt worden.

Angeklagte räumte am Amtsgericht ein, das Auto gefahren zu sein

Der Selmer räumte in der Verhandlung am Münsteraner Amtsgericht ein, dass er sich hinter das Steuer gesetzt habe. Das deckt sich auch mit einer DNA-Untersuchung. Auf dem Airbag an der Fahrerseite konnte DNA-Material des Selmers gesichert werden.

Schon lange vor dem Unfall ist der Wagen einem Zeugen aufgefallen. Der Mann berichtete am Dienstag, dass das Auto in hohem Tempo an ihm vorbei gefahren sei. Trotz einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 70 km/h. Wer zu diesem Zeitpunkt hinter dem Steuer saß, konnte er nicht sagen.

Fahrer war kurz vor dem Unfall deutlich zu schnell

Weitere Zeugen berichteten auch von einer deutlich überhöhten Geschwindigkeit auf der Lützowstraße. In Höhe der Unfallstelle gilt ebenfalls eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h. Ein hinzu gezogener KFZ-Sachveständiger geht jedoch davon aus, dass die Männer mit mindestens 90 km/h unterwegs waren.

Am Ende einer Kurve ist dann der Wagen auf den Seitenstreifen geraten. Wie mehrere Zeugen berichteten, hob das Auto dann ab, flog knapp 30 Meter weit und überschlug sich mehrfach. Die Aufschläge waren dabei so heftig, dass der Kleinwagen völlig zerstört wurde.

Beide Mitfahrer verstarben noch an der Unfallstelle

Obwohl schnell Hilfe vor Ort war, blieb die Reanimation bei den beiden Mitfahrern, einem 38-Jährigen aus Dortmund und einem 48-Jährigen Selmer, am Ende erfolglos. Beide Männer verstarben noch an der Unfallstelle. Der Fahrer überlebte schwer verletzt. In den nächsten Tagen muss sich zeigen, ob das Urteil rechtskräftig wird oder eine Seite Berufung einlegt.

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