Über riesige Erfahrung verfügt Notfallsanitäter Martin Hegemann, der bereits seit 1992 im Rettungsdienst tätig ist. Zusammen mit seinen Kolleginnen - hier Paula Menninghaus - und Kollegen muss er im Notfall viele Entscheidungen treffen. © Thomas Aschwer
Neues Gesetz

Weg ist frei: Notfallsanitäter dürfen bei Notfällen intensiver helfen

Vielen Notfallsanitätern ist ein Stein vom Herzen gefallen. Sie haben künftig bei ihren oft belastenden Einsätzen jetzt wenigstens mehr Rechtssicherheit. Der Weg war beschwerlich.

Martin Hegemann (54) ist bereits seit 1992 im Rettungsdienst tätig. Unzählige Einsätze hat er seitdem in Olfen, Nordkirchen oder anderen Orten im Bereich der Rettungswache Lüdinghausen absolviert. Bei manchem Einsatz kam neben all den anderen fordernden Aspekten auch die Frage auf, welche juristische Folgen sein Handeln haben könnte. Wörtlich spricht Hegemann von einem „dünnen Brett“, das mit Entscheidungen von Bundestag und -rat deutlich dicker geworden ist.

Notfallsanitäter und -sanitäterinnen dürfen künftig – so die gesetzliche Änderung – auch schon vor dem Eintreffen eines Notarztes oder einer Notärztin am Unfallort eigenverantwortlich bestimmte Eingriffe an Patienten vornehmen, wenn für diese Lebensgefahr besteht oder wesentliche Folgeschäden drohen. „Sie müssen sich nicht mehr auf den sich auf den sogenannten rechtfertigenden Notstand berufen“, sagt DRK-Vorstand Christoph Schlütermann.

Lange hat Schlüterman, zugleich Vorsitzender des Arbeitskreises Rettungsdienst des Landesverbandes Westfalen-Lippe, mit anderen Vertretern des Rettungswesens für diese Änderung kämpfen müssen. Ende 2019 kam es dann zu einem ersten Gespräch mit Gesundheitsminister Jens Spahn. Nach Beratungen in den verschiedenen Gremien hatte Anfang des Jahres der Bundestag den Weg für die Gesetzesänderung freigemacht. Am 12. Februar hat dann auch der Bundesrat zugestimmt.

In mehr als 70 Prozent der Fälle ist Team vor Notarzt am Ort

Aus Sicht von Martin Hegemann hat diese Änderung zwei wichtige Aspekte. „Es ist eine größere Wertschätzung unseres Berufes. Wir sind doch nicht nur die Krankenwagenfahrer.“ Oftmals seien sie die ersten an der Unfallstelle. Um schnell und kompetent handeln zu können, hat Martin Hegemann auf seine ursprüngliche Ausbildung noch die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter drauf gesetzt, die er 2015 mit Erfolg abgeschlossen.

Doch auch danach musste sich der umfassend ausgebildete Sanitäter sich bei jedem Einsatz die Gewissensfrage stellen. Hier der verletzte Mensch, der dringend Hilfe benötigt, dort die Sorge vor möglicherweise juristischen Konsequenzen. „Dabei geht es um so gravierende Fragen wie den Einsatz von Mitteln, um extreme Schmerzen eines Unfallopfers auf ein ertragbares Maß zu senken“, sagt Hegemann. Ähnlich sei die Situation bei extrem hohen Blutdruck mit Werten von über 200.

„Mit der Verabschiedung des MTA-Gesetzes haben wir jetzt mehr Rechtsicherheit“, sagt Hegemann. Es erlaubt ausdrücklich Notfallsanitätern, bis zum Eintreffen des Arztes, Heilkunde auch invasiver Art auszuüben, „wenn sie dies in der Ausbildung erlernt haben und es erforderlich ist, um eine Lebensgefahr oder wesentliche Folgeschäden von dem Patienten abzuwenden.“ Wie wichtig diese Entscheidung war, zeigt ein Blick in den Alltag. „In mehr als 70 Prozent der Notfälle sind wir vor dem Notarzt am Ort“, sagt der Notfallsanitäter.

Notfallsanitäter wollen kein Ersatz für Ärzte sein

Ihm ist es wie auch Christoph Schlütermann wichtig, dass die Notfallsanitäter kein Ersatz für Ärzte sein wollen. Aber sie wollen natürlich alles tun, um Menschenleben zu retten und Schmerzen so gut es geht lindern. Dabei sind die Aufgaben und Kompetenzen klar festgelegt. Hinzu kommt, dass sich die Notfallsanitäter ständig weiterbilden müssen. „Und jährlich überprüft werden“, ergänzt der DRK-Kreisvorstand Schlütermann.

Er sieht in der großen Fachkompetenz und dem jetzt auch rechtlich abgesicherten Handeln einen großen Vorteil für Unfallopfer. Es gehe darum, gemeinsam mit dem Arzt alles dafür zu tun, dass bereits auf der Fahrt zum Krankenhaus die Heilbehandlung beginne. Ein Ansatz, der auch junge Menschen begeistert. „Meine Tochter ist im 1. Ausbildungsjahr als Sanitäterin“, sagt Hegemann. Sein Sohn ist Krankenpfleger. Mehr Einsatz für die Gesundheit der Menschen geht kaum.

Über den Autor
Redaktion Selm
Journalist aus Leidenschaft, Familienmensch aus Überzeugung, Fan der Region. Als Schüler 1976 den ersten Text für die Ruhr Nachrichten geschrieben. Später als Redakteur Pendler zwischen Münsterland und Ruhrgebiet. Ohne das Ziel der Arbeit zu verändern: Die Menschen durch den Tag begleiten - aktuell und hintergründig, informativ und überraschend. Online und in der Zeitung.
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