Nitrat im Grundwasser – Landwirt aus Erle wehrt sich: „Bei Pferden sagt keiner was“

hzNitrat im Grundwasser

Zu hohe Nitratwerte im Grundwasser sind nicht nur ein Problem der Landwirte, sagt Ludger Honvehlmann aus Erle. Auch Garten- und Pferdebesitzer sollten sich hinterfragen.

Raesfeld

, 05.12.2019, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ludger Honvehlmann (53) ist Landwirt. Sohn Tobias (24) studiert derzeit Agrarwissenschaften in Osnabrück und will den Erler Betrieb mit 120 Milchkühen und 75 Hektar, die hauptsächlich Futter für die Kühe liefern, in Zukunft übernehmen.

„Aufgebracht und ein bisschen traurig“ sei er gewesen, gibt Tobias Honvehlmann zu, als er kürzlich den Bericht über eine Messung des Vereins VSR-Gewässerschutz las, nach der in jedem vierten Brunnen zu hohe Nitratwerte gefunden wurden. Harald Gülzow (VSR-Gewässerschutz) hatte die Landwirtschaft als Hauptverantwortliche ausgemacht. Das Thema sei wesentlich komplexer - da sind sich Vater und Sohn Honvehlmann einig.

Positiv findet Luder Honvehlmann, dass sich Gülzow für die Qualität des Trinkwassers einsetze. „Das ist auch unser Tagesgeschäft. Es ist wichtig für uns, dass wir unsere Ressourcen schützen, damit wir langfristig etwas davon haben“, sagt der Landwirt.

Nitratgehalt am Hausbrunnen gesunken

Einen Anschluss ans öffentliche Trinkwassernetz hat sein Hof nicht. „Wir sind also von guter Trinkwasserqualität abhängig.“ Der vorgeschriebene Grenzwert für den Nitratgehalt liegt bei 50 Milligramm pro Liter, die letzte Messung am Hausbrunnen des Hofs habe 53 mg/l ergeben, sagt Ludger Honvehlmann. Dennoch dürfe er mit Genehmigung das Wasser als Trinkwasser einsetzen. Für ihn ist der Nitratwert des Wassers aus seinem Brunnen ein Erfolg - vor zehn Jahren lag dieser Wert noch 30 mg/l höher.

Wie ist diese Reduzierung gelungen? Der Familienbetrieb habe sich „extrem“ mit dem Thema Düngung beschäftigt, sagt Honvehlmann. Nicht nur auf den Feldern, sondern auch am Haus. Bei der Bewirtschaftung des Gartens gebe es nach Analyse von Bodenproben Stickstoffdünger nur noch während des Rasenwachstums, „nicht auf Vorrat“.

„Bei uns würde die Fläche stillgelegt“

Als Anekdote erzählt der Landwirt, dass er mal eine Bodenprobe aus dem Garten eines Bekannten aus dem Dorf mit eingereicht habe. „Der Phosphorwert war extrem hoch. Bei uns würde die Fläche stillgelegt.“ Der Bekannte habe immer Volldünger auf den Rasen gegeben, ohne den tatsächlichen Bedarf zu kennen. „Da kann sich jeder mal ein Stück weit hinterfragen.“

Die Honvehlmanns plädieren dafür, jeden Hausbrunnen und seine Geschichte einzeln zu betrachten. „Gibt es einen Hühnerauslauf in direktem Umfeld, einen Komposthaufen in der Nähe des Brunnens?“, fragt Ludger Honvehlmann. Das könne den Nitratwert im Wasser nach oben treiben.

Auch seien Messergebnisse nicht immer gleich. Bei zwei Wasserproben auf dem Hof, einmal direkt an der Pumpe und einmal im Obergeschoss des Hauses, habe es einmal 10 Milligramm Unterschied gegeben, sagt Ludger Honvehlmann. Zudem seien bei Temperaturänderungen an der Wasserprobe unterschiedliche Messergebnisse möglich.

16 Prozent der Brunnen in Raesfeld mit zu viel Nitrat

Wer den Hausbrunnen als Trinkwasserspender einsetze, müsse Proben nehmen lassen, sagt Honvehlmann, der auf über 20 Jahre amtlicher Probenergebnisse zurückblicken kann. In Raesfeld seien 2018 bei 518 Hausbrunnen 16 Prozent mit einem Nitratwert über 50 mg/l beprobt worden.

Mit den 35 Hektar des Hofs, die im Wasserschutzgebiet liegen, ist Honvehlmann seit 20 Jahren in der Wasserkooperation mit dem RWW. Die Effizienz der Düngung werde jedes Jahr mit Bodenproben überprüft. Bei Sandböden sei es schwer, „den Stickstoff oben zu halten“.

Auch könne man das Wetter nicht voraussehen. Bei Dürren wie in den vergangenen Jahren konnten Zwischenfrüchte, die untergepflügt wurden und Humus bilden sollten, nicht dann mineralisieren, wenn es für das Wachstum der nachfolgenden Pflanzen gut gewesen wäre. Sondern erst im Herbst, als die Niederschläge einsetzten. „Dumm gelaufen“, sagt Honvehlmann. Beregnung könne in solchen Fällen auch zum Trinkwasserschutz beitragen.

„Mehr Pferde als Kühe“

Hohe Stickstoffeinträge finde man etwa auch im Wald. Und auch die Rolle von Kläranlagen oder Pferden werde beim Thema Nitrat meistens ausgeblendet, sagt Ludger Honvehlmann. „Es gibt im Kreis Recklinghausen mehr Pferde als Kühe.“ Bei Pferden gehe es weniger um Nahrungsmittel, sondern um Sport. „Da wird bei den Emissionen gesellschaftlich dran vorbeigeguckt.“

Laut Düngemittelverordnung dürfen nicht mehr als 170 Kilogramm Stickstoff aus tierischer Erzeugung pro Hektar ausgebracht werden - egal ob Acker oder Grünland. Ludger Honvehlmann sagt, dass aus seiner Sicht auf Grünland 250 bis 300 Kilogramm für vier bis fünf Grasschnitte nötig wären. Um Verluste auszugleichen, müsse man auf Mineraldünger ausweichen.

Weitere Begrenzung wird abgelehnt

Auch da gelte: „Es ist nicht das Ziel, mehr Dünger auf die Fläche zu schmeißen als nötig. Das kostet Geld“, sagt Tobias Honvehlmann. Von aktuellen Plänen, den Düngemitteleinsatz gesetzlich noch einmal um 20 Prozent zu kürzen, halten die Honvehlmans nichts. Das Ergebnis wären mangelernährte Pflanzen. In sensiblen Bereichen könne man darüber nachdenken, aber man solle die „20 Prozent nicht pauschal über alle Köpfe rasieren“, findet Ludger Honvehlmann.

Effizienz in der Landwirtschaft sei auch Klimaschutz, so Honvehlmann. Auch durch Erkenntnisse, die sein Sohn im Studium gewonnen habe, gelinge es etwa, die Kühe besser zu ernähren, sodass sie 11.000 Kilogramm Milch pro Jahr geben könnten, dabei aber gesünder als früher seien. Tobias Honvehlmann vergleicht die Tiere mit Sportlern, die ebenfalls mehr leisten könnten, sich aber gesünder ernährten als der Durchschnitt.

Der Methan-Ausstoß sei allerdings ähnlich hoch, wenn eine Kuh nur die Hälfte der Milch geben würde, sagt Ludger Honvehlmann. Angesichts der Milchpreise, die Landwirte erhalten, habe er für sich als Maßstab gesetzt: „Ein Mann muss eine Million Liter Milch produzieren, um davon leben zu können.“

„Zielkonflikte“

Es gebe „Zielkonflikte“, sagt Honvehlmann. Gesellschaftlich gewünscht seien Tiere auf der grünen Wiese oder im Außenlaufhof. Dann sei aber die Stickstoff-Effizienz die schlechteste: „Wir bringen bei Sonnenschein keine Gülle aus.“ Die Kontrolle über den Stickstoff-Eintrag in den Boden gelinge am besten, wenn die Tiere im Stall stünden.

Dass Bild der Gülle in der öffentlichen Meinung „macht uns betroffen“, sagt Ludger Honvehlmann. „Gülle ist der tollste Dünger.“ Gülle enthalte langsam wirkenden Stickstoff und andere Grundnährstoffe. Und: „Den Dünger haben wir selber“, er müsse also nicht zugekauft werden wie Mineraldünger.

Dass es in manchen Regionen ein Überangebot an Gülle gibt, bestreiten die Honvehlmanns nicht. Zum Teil sei das aber auch ein Ergebnis politischer Regelungen, nach denen das Verhältnis zwischen Tieren und Fläche nicht mehr gepasst habe.

Beim Nitrat im Grundwasser seien die Landwirte besonders in der Verantwortung, weil wir in der Fläche sind“, sagt Honvehlmann. Aber auch: „Das ist nicht allein ein landwirtschaftliches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Wir sitzen alle in einem Boot.“

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