Das Foto zeigt den Angeklagten neben seinem Verteidiger Burkhard Benecken. © Jörn Hartwich
Prozess

Absichtlich zwei Männer angefahren: Angeklagter spricht von „unfassbarem Wahnsinn“

Vor knapp Monaten hat ein junger Mann aus Marl absichtlich zwei Männer angefahren, einer wurde schwer verletzt. Vor Gericht hat er ein Geständnis abgelegt - töten wollte er sie aber nicht.

Die Entscheidung fiel innerhalb von Sekunden: Vor knapp acht Monaten hat ein junger Mann aus Marl absichtlich zwei Männer angefahren. Sie waren zu Fuß unterwegs, ahnten nichts Böses. Einer erlitt schwerste Verletzungen, verlor Jahre seiner Erinnerung. Am Montag hat der 20-Jährige am Essener Landgericht ein Geständnis abgelegt, eine Tötungsabsicht aber vehement bestritten.

„Ich bin tief betroffen und kann nicht fassen, dass ich das Ganze angerichtet habe“, hieß es in einer von Verteidiger Burkhard Benecken verlesenen Erklärung. Das ganze Ausmaß sei ihm erst bewusst geworden, als er die verletzten Personen und das Blut gesehen habe. „Ich fing dann an zu weinen wie ein kleines Kind. Da wurde mir erst einmal klar, welch einen unfassbaren Wahnsinn ich mir dort geleistet habe.“

Streit im Kleindealer-Milieu

Es waren Drogengeschäfte, mit denen alles begann. Der Angeklagte hatte Marihuana verkauft, um seinen eigenen Konsum finanzieren zu können. So war er auch an eines der späteren Opfer gekommen. Anfangs verstand man sich offenbar auch noch ganz gut. Doch das sollte sich ändern. Am Tag vor der Albtraumtat will der Angeklagte von seinem Kunden ausgeraubt und geschlagen worden sein. Und genau das wollte er nicht auf sich sitzen lassen.

Es war der 26. August 2020, als er sich rächen wollte. Mit dabei waren auch noch drei Freunde. Zwei saßen mit im Auto des Angeklagten, der dritte fuhr Roller. „Unsere Vorstellung war dabei: Wir hauen dem eins auf die Fresse.“ Doch die Aktion lief schief. Weil noch ein weiter Mann erschienen war, machten die Begleiter des Angeklagten offenbar einen Rückzieher. Er selbst will erneut bedroht worden sein.

Angeklagter vor Gericht: „Innerlich gezittert“

„Ich war aufgewühlt und ängstlich“, so die Erklärung des 20-Jährigen vor Gericht. „Ich zitterte innerlich.“ Auf der Rückfahrt habe man die beiden anderen Männer dann noch einmal gesehen. Sie liefen auf dem Bürgersteig. Im Auto soll dann auch noch dieser Satz gefallen sein: „Stell dir mal vor, irgendein Kranker würde die jetzt anfahren.“

Danach ging dann alles ganz schnell. Der Angeklagte beschleunigte seinen Wagen, lenkte ihn in Richtung der späteren Opfer und erwischte sie. „Das Ganze kam mir vor wie ein Film. Als wenn ich oben aus der Vogelperspektive zugucken würde.“ Es müsse ein spontaner Entschluss gewesen sein, der ihm in Sekundenschnelle durch den Kopf geschossen sei. Schuld sei das ganze Adrenalin. „Ich würde sonst nie im Leben jemandem etwas antun.“

Teile der Erinnerung sind weg

Überfahren wollte er die Männer nach eigenen Angaben nicht. Nur anfahren. Einer der beiden, der mit den Drogengeschäften überhaupt nichts zu tun hatte und einfach nur dabei war, erlitt schwerste Verletzungen.

Der 20-Jährige kam auch am zweiten Prozesstag auf Krücken ins Gericht. „Er hat weite Teile seines Gedächtnisses verloren“, so sein Anwalt Christian Simonis. „Die Erinnerung endet im jungen Erwachsenenalter und setzt deutlich nach der Tat wieder ein.“ Die Anklage lautet auf Mordversuch. Der Prozess wird fortgesetzt.

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