Christoph Metzelder galt als absolutes Vorbild - nicht nur als Profi auf dem Fußballplatz. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten. © picture-alliance/ dpa
Ein Porträt

Christoph Metzelder oder der tiefe Fall des Heiligen von Haltern

Nicht lange her, da war Christoph Metzelder auf dem Weg zum modernen Heiligen seiner Heimatstadt. Dort ist sein Name für manche mittlerweile eine Provokation. Ein beispielloser Absturz.

Im Schatten der Halterner St.-Sixtus-Kirche liegt das weißgetünchte zweistöckige Pastoratsgebäude. Hier verwaltet die Zentralrendantur das Vermögen der katholischen Pfarreien des Dekanats. Seit Mai 2011 steht auf dem akkurat gestutzten Rasen davor eine wuchtige Skulptur in Kreuzesform namens Gordian IX. Seit dieser Zeit steckte im Rasen vor der Skulptur neun Jahre lang auch ein kleines Schild mit dem Hinweis: „Leihgabe von Christoph Metzelder“. Jetzt ist das Schild verschwunden, gestohlen.

„Da hat sich offenbar jemand so aufgeregt, dass er nicht wollte, dass der Name Christoph Metzelder mit der Kirche in Zusammenhang gebracht wird“, sagt Pfarrer Michael Ostholthoff. Die Kirchengemeinde hat sich entschieden, vorerst kein neues Schild aufzustellen. „Eine neue Plakette hätte man als Provokation auffassen können, und das wollten wir nicht“, sagt der Pfarrer.

2011 überließ Christoph Metzelder diese Skulptur vor dem Pastoratsgebäude in Haltern der katholischen Pfarrgemeinde als Leihgabe. © Ulrich Breulmann © Ulrich Breulmann

Es ist noch nicht lange her, da war Christoph Metzelder auf dem Weg zum modernen Heiligen Halterns. Jetzt ist sein Name für manchen eine Provokation. Denn Metzelder muss sich vor dem Amtsgericht Düsseldorf u.a. wegen Verbreitung kinderpornographischer Schriften verantworten.

Die Skulptur Gordian IX des Künstlers Dietrich Klinge erinnert an den Gordischen Knoten, der zum Synonym für eine unlösbare Aufgabe geworden ist. Das passt zu dem Versuch, eine Geschichte über Christoph Metzelder zu schreiben. Darf man das überhaupt? Oder ist es nicht besser, sich gar nicht mehr mit ihm zu befassen?

Der 3. September 2019

Seit dem 3. September 2019 muss man sich solchen Fragen stellen. Es war der Tag, an dem Ermittler im Auftrag der Staatsanwaltshaft die Wohnung von Christoph Metzelder und die Räume seiner Stiftung durchsuchten. Ihn selbst holten Beamte des Landeskriminalamts in der Sportschule Hennef ab, wo er gerade am Trainerlehrgang des DFB teilnahm, und begleiteten ihn zu einer Vernehmung. Der Vorwurf damals: Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie. Die Bild-Zeitung machte all das öffentlich und von diesem Moment an war der Mythos Metzelder für immer Geschichte.

Ganz gleich, was auch immer die Ermittlungen gegen Christoph Metzelder ergeben würden, war mit der Veröffentlichung der Vorwürfe klar: Sein Ruf ist für immer vernichtet – auch wenn er die Vorwürfe bestreitet, auch wenn er freigesprochen wird. Da hilft weder die Unschuldsvermutung noch der Glaube daran, dass sich alles am Ende schon in einem großen Missverständnis auflösen werde.

Wer einmal öffentlich in den Verdacht geraten ist, irgendetwas mit Kinderpornographie zu tun zu haben, der ist faktisch auf ewig ein Aussätziger, als Geächteter für immer ausgestoßen aus der Gesellschaft der nach eigener Einschätzung „Anständigen“. Vor allem in Zeiten, in denen das Internet nichts vergisst.

Das hängt auch mit einem entscheidenden Punkt zusammen: Kinderpornographie kann es nur geben, weil jedes solcher Bilder einen Kindesmissbrauch voraussetzt und damit großes Leid für die betroffenen Kinder. Wobei man in diesem Zusammenhang ausdrücklich klarstellen muss, dass Christoph Metzelder der Vorwurf des Kindesmissbrauchs gar nicht gemacht wird.

In der Rückschau wie ein Märchen

Die Gesellschaft kann vieles verzeihen. Ein Fußball-Boss kann etwa nach dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung als Präsident zurückkommen an die Spitze eines der größten Vereine Europas. Das geht. Wenn es um Kinderpornographie geht, ist es unmöglich, auch nur als Vorsitzender eines Kleinstadt-Vereins wie dem TuS Haltern weiterzumachen. Der 3. September 2019 beendete daher jäh eine Karriere, die sich in der Rückschau wie ein Märchen anfühlt, das man kleinen Jungen, die vom Leben als Fußballstar träumen, gerne als Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

Haltern, das seit 2001 den Zusatz „am See“ im Namen trägt, ist eine Kleinstadt mit rund 38.000 Einwohnern ziemlich genau da, wo sich Münsterland und Ruhrgebiet einander begegnen. Ein schmucker Ort mit alten Kirchen und vielen aufgehübschten Häusern, Museen, einem Stausee, reichlich Freizeitangeboten und einer ansehnlichen Fußgängerzone.

So liebten ihn die Fans von Borussia Dortmund: einsatzfreudig und durchsetzungsstark, hier im Revierderby gegen den FC Schalke 04 im Mai 2005. © picture-alliance/ dpa/dpaweb © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Christoph Metzelder, der am 5. November 1980 geboren wird, wächst hier mit seinen drei Brüdern auf. Einer von ihnen, Malte, soll später ebenfalls eine Fußball-Laufbahn einschlagen und wie Christoph einen Vertrag bei Borussia Dortmund erhalten, aber das ist eine andere Geschichte.

Starke Bindung zur katholischen Kirche

Seine Familie vermittelt ihm und seinen Brüdern eine enge Bindung zur katholischen Kirche. Christoph wird Messdiener in St. Sixtus. Zu dieser Zeit absolviert Franz-Josef Overbeck, der heutige Bischof von Essen, seine erste Stelle als Kaplan in Haltern. Christoph Metzelder dient nicht nur am Altar, sondern trägt auch Kirchenzeitungen aus, verdient sich so ein paar Mark als Taschengeld dazu. An der Musikschule hat er Klarinettenunterricht, doch seine Leidenschaft hängt schon zu dieser Zeit nicht an Instrumenten, sondern am Sport. Er hat Spaß an der Leichtathletik, mehr aber noch am Fußball.

Er kommt als Knirps zum TuS Haltern, dem traditionsreichen Club von 1882. Dort trifft er auf Martin Stock, einen ehemaligen Bergmann, der heute als Platzwart die blitzsaubere Stauseekampfbahn in Schuss hält. Es ist ein Platz, der noch die Aura des puren, aus der Zeit gefallenen Fußball-Glücks atmet. Eine Tribüne gibt es nicht, dafür entlang der Seitenlinie aufgereiht wie auf einer Perlenkette 33 weiß lackierte Gartenbänke. Überdacht sind nur die beiden Trainerbänke auf der Gegengrade.

Sein Jugendtrainer erinnert sich

„Ich bin sein erster noch lebender Trainer“, sagt Platzwart Martin Stock. Er habe Christoph Metzelder in der F-Jugend trainiert. Seine Augen leuchten auf, als er von dieser Zeit erzählt: „Ich hab‘ damals schon gesagt: Der wird mal Nationalspieler. Er war in der F-Jugend besser als hinterher in der Nationalmannschaft.“

Martin Stock kennt Christoph Metzelder von frühester Kindheit an, war in der F-Jugend sein Trainer. © Ulrich Breulmann © Ulrich Breulmann

Vor allem eines habe ihm imponiert: „Er hat ein Auge für Mitspieler gehabt. Wenn man allein aufs Tor zugeht, dann schießt man eigentlich in der F-Jugend auch aufs Tor, er aber hat immer noch abgespielt“, sagt der Platzwart, der ein Trainer war. Schon als kleiner Junge sei er eben sehr sozial eingestellt gewesen.

Die steile Karriere beginnt

Die Prophezeiung von F-Jugend-Coach Martin Stock bewahrheitet sich. Christoph Metzelder setzt rasch zu einer beeindruckenden Karriere an. Als 14-Jähriger wechselt er in der C-Jugend zu Schalke 04, dann zu Preußen Münster. Trotz des hohen zeitlichen Aufwands für den Fußball legt er ein hervorragendes Abi (Schnitt 1,8) am Städtischen Gymnasium von Haltern, das heute den Namen Joseph-König-Gymnasium trägt, hin.

Bei Preußen Münster schafft er den Sprung in den Regionalligakader und von da zu Borussia Dortmund. Dort ist er eigentlich für die zweite Mannschaft vorgesehen, doch das Verletzungspech im Kader der ersten Mannschaft ist sein Glück. Trainer Matthias Sammer holt ihn in die erste Elf. Am 11. August 2000 absolviert er beim 1:0 des BVB über Hansa Rostock sein erstes Spiel als Fußballprofi.

2002 Vizeweltmeister, 2006 WM-Dritter

Von diesem Moment an geht seine Karriere in den Steilflug über. Schon ein Jahr später wird er Nationalspieler. In den Jahren, die jetzt folgen, füllt sich sein Trophäenschrank. 2002 wird er Vizeweltmeister, 2006 WM-Dritter, 2008 Vize-Euromeister. Mit dem BVB wird er 2002 Deutscher Meister, mit Real Madrid 2008 Spanischer Meister und Supercupsieger. Mit Schalke holt er 2011 den DFB-Pokal und den Supercup. Mit 32 Jahren beendet er 2013 seine Karriere.

Zu dieser Zeit hat Christoph Metzelder längst seine Zeit nach dem Fußball in den Blick genommen. Er steigt als Kommentator bei Sky ein, wird Geschäftsführer einer Sportmarketing-Agentur und gründet 2018 mit einem Freund eine eigene Agentur. Ein Halterner, der ihn sehr gut kennt, aber seinen Namen nicht nennen möchte, sagt: „Christoph ist ein absolut gut strukturierter Mensch in allem, was er tut. Er hat null Allüren, gar nichts.“ Und das eben auch abseits des Spielfelds und nach dem Ende der Fußball-Karriere.

Extrem starkes soziales Engagement

Bis hierhin trifft ein solcher Weg sicher auf manchen Ex-Profi zu. Doch wenn es darum geht, zu verstehen, warum die Geschichte von Christoph Metzelder viele Menschen vor allem in Haltern bis heute fassungslos zurücklässt, reicht das nicht. Das Besondere an ihm, das ihn aus der großen Masse heraushebt, ist sein extrem großes soziales Engagement.

Dafür nur zwei Beispiele: Seit 2001 setzt sich Christoph Metzelder gemeinsam mit Sebastian Kehl für die von dem katholischen Priester Norbert Reidegeld gegründete Stiftung „Roter Keil“ ein, die sich dem Kampf gegen Kinderprostitution verschrieben hat. 2005 empfängt Papst Johannes Paul II. Metzelder und Kehl und würdigt ihren Einsatz.

2006 gründet Metzelder seine eigene Stiftung „Zukunft Jugend“, die sich für benachteiligte Jugendliche stark macht. Christoph Metzelder, der 2006 in die CDU eintritt, nutzt seine Kontakte und holt unter anderem Ursula von der Leyen in das Kuratorium seiner Stiftung.

Starke Bindung an seine Geburtsstadt Haltern

Das sind nur zwei Beispiele. Es gäbe noch mehr zu erzählen, etwa über seinen Einsatz für den Verein Herzenswünsche in Münster oder für die Schuldnerberatung für junge Leute in Dortmund. Alles in allem ein Mensch, der ganz besonders Kinder und Jugendliche fördern und unterstützen will und dafür jede Menge investiert.

Nach dem Ende seiner Profikarriere lebt er zwar in Düsseldorf, hält aber immer engen Kontakt zu seiner Geburtsstadt Haltern. Fast zwangsläufig engagiert sich Christoph Metzelder daher fortan wieder in „seinem“ Verein, dem TuS Haltern. Es dauert nicht lange, da wird er dessen Vorsitzender.

Er besorgt Sponsoren, führt den Kleinstadt-Verein bis in die Regionalliga, wird für kurze Zeit Co-Trainer der 1. Mannschaft und arbeitet dann jahrelang im Trainerstab der A-Jugend mit. „Er hat alles gemacht. Das war mehr als ein Hobby für ihn“, sagt Platzwart Martin Stock. „Ist egal, wer zu ihm hingekommen ist, der hat immer Zeit gehabt. Immer. Er war auch nie abgehoben wie andere Leute. Er ist ganz normal auf dem Boden geblieben, ein ganz feiner Mensch.“

Auch beim samstäglichen Arbeitseinsatz auf dem Platz

Auch für die A-Jugend sei „der Christoph“ immer ein Vorbild gewesen, sagt Martin Stock: In der Woche habe er nicht immer beim Training dabei sein können: „Aber wenn Sonntagsmorgens gespielt wurde, war er da, immer. Da war es egal, ob er samstags in München noch bei Sky war, dann ist er morgens eben in den Flieger und war am Platz bei seiner Mannschaft.“

2011 ehrte die damalige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Christoph Metzelder mit dem Verdienstorden des Landes. © dpa © dpa

Ein anderer Vertrauter Metzelders weiß Ähnliches zu berichten. Er sei immer dabei gewesen, nicht nur beim samstäglichen Arbeitseinsatz auf dem Platz, sondern etwa auch im Trainingslager mit der A-Jugend: „Egal, wie spät es abends geworden war, er war immer der erste beim Frühstück. Er hatte bei allen ein Super-Standing.“

Das Gespräch mit der wütenden Mutter und die Gala

In Haltern erzählt man sich auch diese gut verbürgte Geschichte: Eines Tages ist Christoph Metzelder kurz vor Beginn des A-Jugend-Trainings in der Geschäftsstelle, als eine wütende Mutter hineinstürmt. Ihr Sohn habe am Wochenende in der D3 nur zehn Minuten spielen dürfen. Metzelder habe die Frau gebeten, Platz zu nehmen, und dann lange und ruhig mit ihr gesprochen. Dass er nicht der Trainer sei, der Trainer aber entscheide, und dass es für kleine Jungs auch eine wichtige Erfahrung sei, dass man nicht immer spielen könne und man sich durchkämpfen müsse.

Am Ende, so heißt es, sei die Frau sehr zufrieden wieder gegangen. Christoph Metzelder seinerseits habe danach nur noch kurz beim A-Jugend-Training vorbeischauen können, weil er noch einen Termin hatte. Den Termin sah man dann abends live im ZDF: Die Gala zur Verleihung des Echo-Preises. Mitten drin: Christoph Metzelder neben Frank-Walter Steinmeier und einem Hollywood-Star. Die Mutter des traurigen Jungen aus der D-Jugend war ihm genauso wichtig wie die Prominenten aus dem Fernsehen.

Bundesverdienstkreuz und Landesverdienstorden

Für seinen außergewöhnlichen ehrenamtlichen Einsatz zeichnet ihn Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schon 2011 mit dem Verdienstorden des Landes aus, 2017 verleiht ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz. Christoph Metzelder stehen alle Türen weit offen. Platzwart Martin Stock sagt: „Wenn er gewollt hätte, hätte er Bundeskanzler werden können.“ Wie die Chancen auf das Kanzleramt waren, darüber könnte man streiten. Allerdings ist es noch gar nicht lange her, da brachten ihn verschiedene Seiten als DFB-Präsident ernsthaft ins Gespräch. Doch dann kam der 3. September 2019.

Im November 2017 zeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Christoph Metzelder mit dem Bundesverdienstkreuz aus. © picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa © picture alliance / Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Innerhalb von Sekunden stürzt Christoph Metzelder von Wolke sieben in den tiefsten Abgrund und seine Heimat Haltern in eine Erstarrung ungläubiger Fassungslosigkeit. Er selbst schweigt seither beharrlich, wie er sich auch in der Vergangenheit immer bemüht hat, sein Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Mit einer ehemaligen Freundin hat er eine heute elfjährige Tochter. Das ist eine der ganz wenigen Einblicke in sein Privatleben, die er selbst gewährt hat. Anders als bei vielen anderen Promis war er nie der Liebling der Klatschspalten. Er passte nicht ins Beuteschema der bunten Seiten, was nicht heißt, dass er ein Trauerkloß war. Über fehlende weibliche Sympathien brauchte er sich nie Sorgen zu machen, aber er suchte nicht die Öffentlichkeit. Auch der Versuch, ihn für diesen Text zu erreichen und mit ihm zu sprechen, schlug fehl.

Umstrittene Pressemitteilung des Amtsgerichts Düsseldorf

Zur Kinderpornographie-Affäre hat sich Christoph Metzelder bisher noch kein einziges Mal öffentlich geäußert. Lediglich durch eine Pressemitteilung des Amtsgerichts Düsseldorf wurden im Sommer zahlreiche Details bekannt. Dagegen gingen seine Anwälte gerichtlich vor und bekamen in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht Münster Anfang Februar teilweise Recht. Das Amtsgericht habe zwar unter Namensnennung über die Anklageerhebung und in abstrakter Form und unter Verweis auf die Unschuldsvermutung über den Fall berichten, aber keine weiteren Details nennen dürfen.

Als die Vorwürfe öffentlich wurden, traf das Haltern wie ein Schock. „Die allgemeine Stimmung war in Haltern: Das kann überhaupt nicht sein“, sagt ein Halterner. Niemand, sagt Platzwart Martin Stock, hielt es ansatzweise für möglich, dass er in so einen Verdacht gerät: „Ich hab immer gesagt: Das kann nicht sein, die haben ihn reingelegt. Da glaub ich immer noch dran. Das kann nicht sein, haben alle gesagt.“

Ein anderer Vertrauter sagt: „Ich hätte für ihn meine Hand ins Feuer gelegt. Wir waren uns in Haltern alle einig: Das ist völliger Quatsch“.

Der komplette Rückzug aus der Öffentlichkeit

Sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe zieht sich Christoph Metzelder komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Er scheidet aus der gemeinsamen Agentur mit seinem Freund aus, tritt vom Vorsitz des TuS Haltern zurück, seine Stiftung schaltet ihre Internetseite nach Bekanntwerden der Vorwürfe ab. Im Hintergrund, so ist zu hören, habe er dem TuS Haltern noch eine Zeitlang geholfen. „Zu Ostern habe ich ihn zuletzt hier am Platz gesehen“, sagt Martin Stock.

Haltern hat ihrem gestürzten Heiligen lange die Stange gehalten. Jetzt sei die Stimmung zumindest in Teilen umgekippt, erzählt ein Vertrauter: „Viele halten trotz allem zu ihm. Aber es gibt auch viele, die ihm früher um den Hals gefallen sind, die jetzt die Straßenseite wechseln, wenn sie ihn sehen.“ Die soziale Ächtung grassiere mittlerweile doch stark in Haltern. Obwohl Christoph Metzelder die Vorwürfe bestreitet und die Unschuldsvermutung gilt.

Und auch nach außen verändert sich in aller Stille das Bild: Bis zum Sommer waren die Kabinen in der Stauseekampfbahn nach den größten Fußballern, die je beim TuS Haltern gekickt haben, benannt: Sérgio da Silva Pinto, Benedikt Höwedes und eben Christoph Metzelder. Vor einigen Monaten wurden die Namen allesamt überstrichen.

Zwischen Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit

In der Stadt hat man das Gefühl, dass sich die Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit vom Anfang inzwischen in eine verletzte, traurige Resignation gewandelt haben. Pfarrer Michael Ostholthoff beschreibt das so: „Man tut sich schwer hier in Haltern. Es tut einem tief in der Seele weh.“ Und wie man diese beiden Pole in einem einzigen Menschen zusammenbringen kann – auf der einen Seite den Mann, der sich mit überbordendem Engagement für Kinder einsetzt, und auf der anderen Seite der Mann, der jetzt im Verdacht steht, aber eben bestreitet, ein kinderpornografisches Bild besessen und weitere verbreitet zu haben – das kann zumindest hier in Haltern ohnehin niemand verstehen.

Und selbst die besten Erklärungsversuche ändern nichts daran, dass es sich bei Christoph Metzelder um einen zutiefst tragischen Fall handelt.

Im Mai 2011, als die Skulptur „Gideon IX“ am alten Pastorat von St. Sixtus im Beisein von Christoph Metzelder eingeweiht wurde, hielt sein Onkel Klaus Metzelder eine Rede. Dabei sagte er: Der moderne Mensch maße sich „übermenschliche Macht an. Die Skulptur zeigt, auf welch tönernen Füßen menschliche Macht steht.“ Seinerzeit fügte Christoph Metzelder hinzu: „Die Skulptur soll uns allen eine Mahnung sein.“

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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