Christoph Metzelder (M), ehemaliger Fußball-Nationalspieler, ist zu 10 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. © picture alliance/dpa
Kinderpornografie-Prozess

Christoph Metzelder vor Gericht: Beim Geständnis bricht die Hülle aus Eiseskälte

Mit einem Geständnis hat Christoph Metzelder vor Gericht sein langes Schweigen zu den Kinderpornografie-Vorwürfen gebrochen. Das war nicht die einzige überraschende Entwicklung an diesem Tag.

Zehn Minuten vor Beginn der Sitzung betritt Christoph Metzelder an diesem Donnerstag den Saal. Schwarze Hose, über einem weißen T-Shirt ein graues Sakko, schwarze Schuhe mit weißer Sohle. Hinter der schwarzen FFP2-Maske ist ein Dreitagebart zu erkennen. Metzelder schaut angestrengt geradeaus, er wirkt stoisch – soweit das hinter der Maske überhaupt zu beurteilen ist.

Als Fußballstar und Fernsehmoderator hat er sich gerne im Scheinwerferlicht gesonnt. Heute müssen auf ihn die vielen Kameras und Journalisten-Augen und -Ohren wie Folterinstrumente wirken.

Drei Rechtsanwälte begleiten den Angeklagten in den Gerichtssaal. An der Spitze der Kölner Strafrechtsprofessor Ulrich Sommer. Wenig später wird er zu Beginn des Prozesses seinem Unmut über diesen Prozess freien Lauf lassen.

18.761 vergleichbare Fälle habe es 2020 gegeben, doziert er, das Strafrecht schütze Rechtsgüter, nicht Gefühle, sagt der Professor vorwurfsvoll. Was er nicht ausdrücklich sagt, aber offenbar zwischen den Zeilen mitteilen will, ist seine Einschätzung von diesem Verfahren: Würde sich hier nicht ein Prominenter verantworten müssen, wäre es nie zu einer Verhandlung gekommen. Die Richterin lässt das ebenso unkommentiert im Raum stehen wie die Staatsanwältin.

Minutenlanges Blitzgewitter

Dann prasselt ein minutenlanges Blitzlichtgewitter wie ein Hagelschauer auf Christoph Metzelder nieder, als er zu seinem Platz auf den Anklagestühlen geht. Metzelder lässt das unbewegt über sich ergehen. Staatsanwältin Kathrin Radtke rattert die Anklagepunkte herunter. Es geht um 29 Fälle, in denen Metzelder Bilder oder Videodateien mit kinder- und jugendpornografischen Inhalten per WhatsApp an drei verschiedene Frauen verschickt haben soll.

Außerdem soll er 297 kinder- und jugendpornografische Dateien, darunter zwei Videos, auf seinem Handy gespeichert haben. Dort wurden sie zumindest im September 2019 von den Ermittlungsbehörden gefunden. Später an diesem ersten Prozesstag wird die Zahl der Dateien, um die es geht, auf 18 reduziert, da Bilder offenbar doppelt gezählt worden waren.

Verstörendes kinderpornografisches Material

Die Staatsanwältin trägt eine Maske, redet leise und schnell. Sie ist kaum zu verstehen. Aber will man überhaupt all diese unappetitlichen Beschreibungen von dem, was die Bilder zeigen, hören? Was mehr als deutlich wird, ist auch so, dass es sich bei dem, was diese Bilder und Videos zeigen, eindeutig um verstörendes kinder- und jugendpornografisches Material handelt. Kinder und Jugendliche werden bei diversen sexuellen Praktiken abgebildet. Weitere Details sollen hier nicht erwähnt werden.

Christoph Metzelder verfolgt die lange Litanei der Vorwürfe gegen ihn, die die Staatsanwältin vorträgt, aufmerksam und mit geradezu stoischer Ruhe. Ab und an greift er zum vor ihm liegenden Stift und macht sich offenbar Notizen. Was um Himmels Willen schreibt er da auf? Die Anklageschrift mit all ihren widerlichen Einzelheiten kennt er doch längst. Vielleicht notiert er sich auch gar nichts, sondern kritzelt nur herum, um seine Unsicherheit zu überdecken.

Von Nervosität ist wenige Minuten später allerdings wenig zu spüren, als er sich erstmals öffentlich seit jenem 3. September 2019 äußert. Dabei kommt der Medienprofi bei ihm durch. Formvollendet höflich begrüßt er mit fester Stimme Richterin, Staatsanwältin und die Öffentlichkeit. In knappen Worten erzählt er von seiner Familie in Haltern, von seinen Stationen als Fußballprofi beim BVB, bei Schalke, seinem ehrenamtlichen Engagement und der von ihm gegründeten Stiftung unter seinem Namen, die seit Mitte 2020 ihre Arbeit ohne ihn und mit einem neuen Namen fortführt. Der 3. September 2019 habe sein wirtschaftliches, berufliches und privates Leben erschüttert.

Angaben zu seinen Vermögensverhältnissen macht Metzelder übrigens nicht. Die Richterin schätzt seine monatlichen Einnahmen aus seinem Vermögen auf 30.000 Euro. Metzelder widerspricht nicht.

Metzelder gibt Verdienstkreuze zurück

Christoph Metzelder wirkt selbst dann noch seltsam emotionslos, geradezu unterkühlt, als er ankündigt, dass er den ihm verliehenen Landesverdienstorden ebenso zurückgeben werde wie das Bundesverdienstkreuz. Aus Respekt gegenüber den früheren Geehrten, sagt er. Das klingt ehrenwert, zugleich aber auch, als ob er aus großer Distanz nüchtern ein Fußballspiel analysiert.

Diese Hülle aus Eiseskälte, die ihn zu umgeben scheint, schmilzt erst, als Metzelder nach einer langen Sitzungsunterbrechung ein Geständnis ablegt. Ja, sagt er, er habe Screenshots von frei zugänglichen, aber inkriminierten Seiten angefertigt und verschickt. Ihm sei es dabei in den Chats nicht so um die Bilder selbst, sondern um die Faszination einer Grenzüberschreitung gegangen.

„Ich werde damit den Rest meines Lebens leben müssen“

Es habe keine Übergriffe gegeben, beteuert er. Die seien auch nie geplant gewesen, gleichwohl wisse er gerade aus seiner ehrenamtlichen Arbeit um das Leid der Kinder, das sich hinter jedem einzelnen solcher Bilder verberge. Er werde die Strafe, die man ihm auferlegen werde, akzeptieren, sagte er.

Er habe sich in einer digitalen Parallelwelt bewegt. Er bitte daher die Öffentlichkeit um Vergebung und jetzt zittert seine Stimme mit jedem Satz mehr: „Mit dieser Wunde, die möglicherweise nie zu heilen sein wird, damit werde ich den Rest meines Lebens leben müssen“, sagt er und jetzt sind seine Augen feucht. Das klingt nicht mehr distanziert und unterkühlt, sondern aufrichtig, bewegt und reumütig.

Dieses Geständnis, aber mehr noch das große mediale Interesse an diesem Fall und der aus Sicht von Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Richterin vor allem in Boulevardmedien erfolgten eklatanten Verletzung der Persönlichkeitsrechte waren Hauptgründe für das vergleichsweise milde Urteil von 10 Monaten auf Bewährung. Ob es so bestehen bleibt, ist offen. Verteidiger Ulrich Sommer kündigte an, alle Optionen zu prüfen.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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