Nach Corona-Ausbrüchen in Klinken, Alten- und Pflegeheimen sind viele tausend Menschen gestorben. © picture alliance/dpa
Wochenbilanz des RKI

Corona-Angst geht auch unter Geimpften um: Fallzahlen explodieren, auch mehr geimpfte Tote

Die neuen Corona-Daten lassen Schlimmes befürchten. Alle relevanten Zahlen steigen rasant: Die Zahl der Fälle, der Intensivpatienten und der Toten. Jetzt geht auch unter Geimpften die Angst um.

Seit Wochen steigen die Corona-Zahlen in Deutschland wieder. Bisher ging es mit ein paar Aufs und Abs eher langsam nach oben. Das ist jetzt vorbei. In den vergangenen sieben Tagen hat sich die Lage drastisch zugespitzt. Die Nervosität auch unter vollständig Geimpften nimmt zu, denn auch die Zahl der Impfdurchbrüche und derjenigen, die trotz vollständiger Impfung an oder mit Corona sterben, steigt weiter.

In den vergangenen Woche vom 18. bis 25. Oktober wurden dem Robert-Koch-Institut (RKI) 94.885 Neuinfektionen gemeldet. Mehr waren es zuletzt in der ersten Maiwoche mit 101.269 Fällen. Vor genau einem Jahr, am Beginn der dritten Welle, die dann um die Jahreswende ihren Höhepunkt erreichte, gab es innerhalb einer Woche 30.000 Fälle weniger, nämlich 71.567.

„Die diesjährigen Fallzahlen sind deutlich höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres“, schreibt das RKI in seinem Wochenbericht. Die daraus abgeleitete Prognose des RKI stimmt daher wenig optimistisch für die nächsten Wochen: „Es ist damit zu rechnen, dass sich im weiteren Verlauf des Herbstes und Winters der Anstieg der Fallzahlen noch beschleunigen wird.“

Inzidenz-Zahlen teilweise regelrecht explodiert

Auch die 7-Tage-Inzidenz ist sprunghaft gestiegen. Vor einer Woche lag sie noch bei 74,4, jetzt ist sie auf 110,1 hochgeschossen. In NRW kletterte die Inzidenz von 48,5 auf 70,1. In Thüringen explodierte die Inzidenz innerhalb von sieben Tagen geradezu: von 138,9 auf 224,3. Nicht auszudenken, wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt.

Weiterhin gibt es die meisten Neuinfektionen in der Altersgruppe der 5- bis 19-Jährigen, genauer gesagt sind die Inzidenzen am höchsten bei den 10- bis 14-Jährigen (182), den 5- bis 9-Jährigen (135) und den 15- bis 19-Jährigen. Erstmals seit Mitte Mai stieg die Inzidenz bei den Menschen, die 90 Jahre und älter sind, wieder auf über 50 (64,0) an.

Zur Situation auf den Intensivstationen schreibt das RKI: „Über die letzten Wochen zeichnet sich ein Plateau beziehungsweise ein sehr leichter Anstieg der Fallzahl von Patientinnen und Patienten mit Covid-19-Diagnose auf den Intensivstationen ab.“

„Leichter Anstieg“ fast Schönfärberei

Doch so langsam könnte man die Einordnung als „leichter Anstieg“ auch in die Kategorie Schönfärberei einordnen, denn: Aktuell werden auf den Intensivstationen in Deutschland 1.665 Covid-19-Kranke betreut, von denen 890 beatmet werden.

Mehr waren es zuletzt in der ersten Juliwoche (1.796, 1.147 beatmet). Vor genau einem Jahr aber, als der zweite Lockdown unmittelbar bevorstand, lagen auf den Intensivstationen lediglich 1.362 Covid-Kranke, von denen 622 beatmet wurden, also deutlich weniger als jetzt. Gut zwei Monate später waren unsere Krankenhäuser mit 5.744 Covid-Intensiv- und 3.211 Beatmungspatienten dann an der Belastungsgrenze.

Schlechte Daten liefert auch der Blick auf die Zahl der Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind. Das waren nämlich in der Woche vom 18. bis 25. Oktober 489. Mehr Corona-Tote wurden zuletzt in der Woche von 14. bis 21. Juni registriert (551). Genau vor einem Jahr waren es in der Woche vom 19. bis 26. Oktober 2020 267 Corona-Tote – zweieinhalb Monate später gab es seinerzeit Anfang Januar mit 6.112 Corona-Toten in einer Woche den bisherigen Höchstwert.

Unruhe lösen auch die immer neuen Nachrichten über Impfdurchbrüche aus. Insgesamt hat das RKI 95.487 wahrscheinliche Impfdurchbrüche registriert – bei inzwischen fast 55 Millionen vollständig Geimpften. Das bewertet das RKI so: „Betrachtet man den Anteil der Impfdurchbrüche an allen Covid-19-Fällen, wird deutlich, dass nur ein geringer Anteil der hospitalisierten, auf Intensivstation betreuten bzw. verstorbenen Covid-19-Fälle als Impfdurchbruch zu bewerten ist.“

Wieso sterben Menschen trotz vollständiger Impfung an Corona?

Trotzdem sagt das RKI auch, dass die Zahl der Coronatoten, die vollständig geimpft waren, auf 943 Betroffene gestiegen ist. Vor zwei Wochen waren es erst 722 Tote. Das bedeutet innerhalb von zwei Wochen einen Anstieg um 221 Tote beziehungsweise 30,6 Prozent.

Wie ist das zu erklären? Dazu sagt Prof. Dr. Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am Leibniz-Institut Dortmund und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, im Gespräch mit unserer Redaktion: Es sei von vornherein klar gewesen, dass auch eine Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion schütze. „Gerade der Schutz vor Infektionen lässt mit der Zeit nach“, sagt Watzl. Nach einem halben Jahr sei der Schutz nur noch halb so groß wie direkt nach der Impfung.

Es gebe, so Watzl, aber ein großes „Aber“, denn: „Der Schutz vor einem schweren Verlauf ist aber immer noch sehr gut und liegt aktuell bei über 90 Prozent.“

Warum sterben dann trotzdem vollständig Geimpfte? „Das sind Leute, die haben Vorerkrankungen, besonders solche, die das Immunsystem betreffen“, erläutert Watzl. Diese Menschen seien zwar geimpft, die Impfung habe aber nie einen wirklichen Schutz aufgebaut. „Wenn sie sich infizieren, haben sie ein sehr hohes Risiko, schwer zu erkranken. Das ist das, was wir gerade auch auf den Intensivstationen sehen“, sagt Watzl.

24.000 Tote nach Corona-Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen

In seinem aktuellen Wochenbericht nennt das Robert-Koch-Institut (RKI) übrigens auch erschreckende Daten zu den Corona-Ausbrüchen in Kliniken sowie in Alten- und Pflegeheimen. Dabei betrachtet das RKI auch diesen Faktor der aktuellen Entwicklung mit Besorgnis: „Die Zahl der übermittelten Ausbrüche in medizinischen Einrichtungen und in Alten- und Pflegeheimen stieg in der Woche vom 11. bis 17. Oktober im Vergleich zur Vorwoche deutlich an.“

Seit Beginn der Pandemie kam es in Kliniken zu 6.488 Ausbrüchen in medizinischen Behandlungseinrichtungen und zu 6.430 Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen. Dabei versteht das RKI unter einem „Ausbruch“ das Auftreten von mindestens zwei Corona-Fällen in einer Einrichtung. In der Regel gab es jedoch jeweils deutlich mehr als nur zwei Betroffene.

Fast jeder 10. stirbt bei einem Ausbruch in einer Klinik

So habe es aufgrund der Ausbrüche bisher 59.434 Covid-19-Fälle in medizinischen Behandlungseinrichtungen – also Kliniken, Reha-Einrichtungen etc. – gegeben, darunter allein 289 in der vergangenen Woche. In der Folge seien bisher 5.900 Menschen gestorben, allein in der Woche vom 11. bis 17. Oktober waren es 19. Das bedeutet: Bei Ausbrüchen in Kliniken sind bisher im Schnitt 9,9 Prozent der Erkrankten gestorben.

Für die Alten- und Pflegeheime sind die Daten noch dramatischer. Dort verzeichnete das RKI nach Corona-Ausbrüchen 158.710 Covid-19-Erkrankte, allein 777 von ihnen datieren aus der vergangenen Woche. Darunter waren 116.933 Menschen 60 Jahre und älter. Von diesen Corona-Kranken in Alten- und Pflegeheimen starben 23.757, allein weitere 60 in der Woche vom 11. bis 17. Oktober. Das bedeutet: 15 Prozent derjenigen, die in einem Alten- und Pflegeheim an Corona erkranken, sterben auch.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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