Es wäre zu schön um wahr zu sein: Zuhause einen Corona-Selbsttest machen und dann online ein Zertifikat erhalten. Es gibt diverse Online-Anbieter für solche Tests. Wir haben an einem Beispiel gecheckt, was von ihnen zu halten ist. © picture alliance/dpa/dpa-tmn
Coronavirus

Corona-Zertifikate für Selbstests kostenlos online erhältlich – doch Ministerien warnen

Es klingt wie ein Märchen. In Minuten kann man online kostenlos einen Testnachweis für einen selbstgemachten Schnelltest erhalten. Doch das Angebot hat einen großen Haken.

Ohne einen täglich frischen negativen Corona-Test ist die Fahrt in Bussen und Bahnen verboten, darf man nicht einmal mehr an seinen Arbeitsplatz. Doch stundenlanges Anstehen an einem Testzentrum ist auch keine attraktive Lösung. Da klingt das Angebot im Internet verlockend: „Kostenlose Covid-19 Arzt-Atteste für selbst-Getestete (3G) &/oder Genesene (2G+/2G) als PDF fertig in 5 Minuten.“

Angeboten wird diese famos klingende Leistung inzwischen auf etlichen Seiten im Internet, unter anderem von der „Dr. Ansay AU-Schein GmbH“ mit Sitz in Hamburg. Ich habe das Angebot angenommen und bin genau nach Anleitung vorgegangen.

Ein Kreuzchen im Kästchen des Minifragebogens genügt

Zunächst habe ich einen unbenutzten Selbsttest mit dem aktuellen Datum und meinen Initialen versehen und abfotografiert. Dann musste ich den Abstrich durchführen und den Test ein zweites Mal abfotografieren, diesmal mit dem Test-Ergebnis.

Anschließend galt es, einen Minifragebogen auszufüllen: Name, Adresse, Geburtsdatum und – das ist ja der entscheidende Punkt – das Ergebnis-Kästchen für „negativ“ ankreuzen. Dieser ausgefüllte Fragebogen ging dann online direkt auf die Reise zur „Dr. Ansay AU-Schein GmbH“.

Die Fotos musste ich nicht mitschicken, auch gab es keine Online-Video-Überwachung, als ich den Test absolviert habe. Theoretisch hätte ich also auch einen Abstrich von einem Mitbewohner oder vielleicht sogar von meinem Dackel, den ich nicht habe, nehmen können.

Das Ergebnis kommt innerhalb weniger Minuten

Das Ergebnis aber war phänomenal. Es dauerte – ganz wie versprochen – nur wenige Minuten, da bekam ich das Test-Zertifikat zum Ausdrucken als PDF zugemailt. Darin bescheinigt mir Dr. med. Eva-Maria Ansay, dass sie bei mir einen Test durchgeführt hat und der negativ ausgefallen ist.

Kann es wirklich so einfach sein, ein gültiges Testzertifikat zu bekommen?

Darüber wollte ich gerne mit Dr. Eva-Maria Ansay reden. Als Absender gibt sie im Testzertifikat ihre Arztpraxis am Kemperplatz 1 in Berlin an. Unter dieser Adresse firmiert eine Co-Working-Firma, die Büros vermietet.

Die Frage, ob es sich womöglich bei dieser Adresse um eine reine Briefkastenfirma handelt, beantwortet Dr. jur. Can Ansay, Gründer und Geschäftsführer der „Dr. Ansay AU-Schein GmbH“, so: „Nein, unter der Adresse in Berlin ist eine Arztpraxis eingerichtet nach Vorgaben der Berufsordnung.“ In der Datenbank der Berliner Ärzte findet sich allerdings keine Ärztin und kein Arzt mit dem Nachnamen „Ansay“ und schon gar nicht mit der Adresse „Kemperplatz 1“.

Antworten auf Fragen kommen per E-Mail aus Frankreich

Der Versuch, Dr. Eva-Maria Ansay am Kemperplatz oder andernorts telefonisch zu erreichen und sie zu fragen, wie sie denn bei mir einen Test habe durchführen können, ohne dass ich das gemerkt habe, schlägt fehl. Dafür meldete sich Dr. Can Ansay per E-Mail. Er schreibt aus Frankreich, wo er sich gerade aufhält. Die Frage, ob er dort Urlaub mache, beantwortete er nicht. Wann er nach Deutschland zurückkomme, sei noch offen.

Jeden Zweifel an der Gültigkeit des Zertifikats weist Can Ansay weit von sich. So antwortet er etwa auf die Frage, wie die Ärztin ein Testergebnis bescheinigen könne, ohne auch nur die Fotos zu sehen oder per Video die Durchführung des Tests zu verfolgen: „Wir verlagern die Kontrolltätigkeit gemäß Hinweis auf dem Zertifikat smart auf den Kontrolleur, wo sie hingehört. Er prüft also die Fotos und den Test. Ein Arzt muss gemäß Berufsordnung auf ein Vertrauensverhältnis hinwirken. Da passt eine misstrauische Kontrolle eh nicht.“ Konkret: Man soll also etwa beim Zugang in die Bahn nicht nur das Test-Zertifikat, sondern auch die beiden selbst gemachten Fotos vorzeigen. Ob das hilft?

Can Ansay, der sich selbst als „Selfmade-Multimillionär“ und als „Anführer der eHealth Revolution“ bezeichnet, ist jedenfalls von der Rechtmäßigkeit seines Online-Bürgertests restlos überzeugt: „Alle Bürger können unsere 3G Selbsttest-Zertifikate in jedem Fall problemlos überall für freien Zugang nutzen ohne die Gefahr von Bußgeld.“

Die Einschätzungen der Gesundheitsministerien von Bund und Land

Mit dieser Einschätzung dürfte Dr. Ansay allerdings ziemlich falsch liegen. Auf unsere Nachfrage hin teilt das Landes-Gesundheitsministerium mit: „Nur Tests, die vor Ort durch Dritte durchgeführt oder überwacht worden sind, dürfen mit einem 3G-fähigen Testzertifikat bestätigt werden. Die Verwendung solcher Online-Testnachweise im Rechtsverkehr (also zum Beispiel bei Zugangskontrollen nach der Coronaschutzverordnung) stellt sogar eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einem Bußgeld geahndet werden kann.“ Die aktuelle Bußgeldverordnung sieht für ein solches Vergehen ein Bußgeld von 1.000 Euro vor.

Auch die Nachfrage beim Bundes-Gesundheitsministerium in Berlin erbringt kein anderes Ergebnis. Selbst wenn die Durchführung eines Antigen-Schnelltests zu Hause per Video überwacht werde, dürfe dafür kein Testnachweis ausgestellt werden. Und diese Regelung gelte bundesweit, so die klare Feststellung.

Firmen-Gründer: „Rechtslage nicht so wichtig“

Can Ansay, der die Verantwortlichen in Bund und Land wenig schmeichelhaft als „Staats-Versager“ tituliert, zeigt sich von solchen Aussagen unbeeindruckt: „Die aktuelle Rechtslage ist nicht so wichtig, da sie jederzeit geändert werden kann“, schreibt er und geht noch einen Schritt weiter: „Jedenfalls sind wohl alle Corona-Landesverordnungen ungültig, denn sie sind selbst für Experten kaum verständlich und verstoßen somit gegen das vom Bundesverfassungsgericht (…) definierte Klarheitsgebot.“

Für ihn steht fest: „Unsere einzigartige Lösung ist nicht gut, sie ist genial und sollte daher sogar gefördert werden.“ Aber er sei es schon „gewohnt, dass das Establishment meine revolutionären Lösungen zuerst reflexartig ablehnt“, schreibt Ansay. Klar ist nach unserer Recherche: Noch ist die Zeit nicht gekommen für die „revolutionären“ Ideen des Dr. Ansay. Um ein rechtsgültiges Test-Zertifikat zu erlangen, muss man sich wohl oder übel auch weiterhin von seinem Computer losreißen zu einem anerkannten Testzentrum auf den Weg machen.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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