Deutsche Bischöfe aufmüpfig und reformbereit Katholische Kirche dennoch auf dem Sterbebett

Bischöfe gehen nach einer Messe in die Sakristei der Erzbasilika San Giovanni in Laterano
In Rom feierten die deutsche Bischöfe nicht nur in kostbaren Gewändern Gottesdienste, sondern verteidigten auch ihre Reformideen. In Deutschland planen sie ein neues Arbeitsrecht. Nett, aber es ändert nichts: Die Kirche stirbt. Ein Kommentar. © picture alliance/dpa
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Wir erleben gerade den verzweifelten Überlebenskampf einer mehr als 1.500 Jahre alten Institution in Deutschland, der Katholischen Kirche. Dabei geschehen plötzlich Dinge, die noch vor Jahren undenkbar waren. Die am Dienstag (22.11.) öffentlich gemachte geplante Änderung des kirchlichen Arbeitsrechts ist eine solche Revolution.

Wie jemand sein privates, intimes Leben führt, ob er in einer homosexuellen Partnerschaft lebt oder geschieden und wiederverheiratet ist, all das soll künftig keine Rolle mehr spielen. Bisher musste man in solchen Fällen mit einer Kündigung rechnen.

Natürlich waren solche Regeln – aus der Position eines neutralen Beobachters betrachtet – ein unerträglicher Anachronismus, der wie ein Relikt aus dem Mittelalter daherkam. Ihre Aufhebung ist daher eigentlich nicht mehr als eine längst überfällige Selbstverständlichkeit, trotzdem: Im katholischen Milieu ist dieser Schritt schon revolutionär.

Eine weihrauchgeschwängerte, brutale Abfuhr

Und auch die aufmüpfige Forderung nach Reformen, mit der die deutschen Bischöfe vor wenigen Tagen bei ihrem alle fünf Jahre vorgeschriebenen persönlichen Rapport im Vatikan aufgetreten sind, ist bemerkenswert. Es war zwar zu befürchten, ist allerdings dennoch frustrierend, dass sie sich mit ihrem Drängen auf Veränderungen etwa bei der Frage der Weiheämter für Frauen, beim Zölibat, bei der Bewertung der Homosexualität und der Stellung der Laien in der Kirche blutige Nasen geholt haben.

In ebenso weihrauchgeschwängerten, salbungsvollen wie zugleich inhaltlich brutal kompromisslosen Worten ist ihnen klargemacht worden, was man im Vatikan von den Deutschen, von ihrem Synodalen Weg und ihren Reformideen hält: nichts, aber auch gar nichts.

Verheerende Zahlen sind nicht einmal das Schlimmste

Derweil liegt die Katholische Kirche in Deutschland auf der Intensivstation, wenn nicht bereits auf dem Sterbebett. 2021 haben 359.338 Katholiken in Deutschland ihren Austritt aus der Kirche erklärt.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt ebenso dramatisch wie deren Durchschnittsalter steigt. Für die Priester gilt dasselbe. 2021 waren es gerade noch 12.280, ein Drittel weniger als vor 25 Jahren. Mehr als die Hälfte von ihnen ist 75 Jahre und älter. Nachwuchs gibt es kaum. Ganze 48 Männer wurden 2021 bundesweit zum Priester geweiht.

Was aber noch schlimmer ist als diese für einen Kirchen-Sympathisanten deprimierenden Zahlen, ist etwas ganz anderes. Die Kirche hat ihre bis vor wenigen Jahren unumstrittene gesellschaftliche Akzeptanz als eine der zentralen Stimmen in unserem Land, die man nicht nur in sozialen und ethischen Fragen hören muss, verloren.

Der Missbrauchsskandal, bei dem nach wie vor der Eindruck vorherrscht, dass es der Kirche noch immer weniger um Aufarbeitung und Hilfe für die Opfer als um die Vertuschung und Wahrung einer heiligen Fassade geht, ist dabei ein entscheidender, wenn auch nicht der einzige Punkt.

Ex-Papst Benedikt XVI. engagiert Kanzlei aus London und Washington

Symptomatisch ist beispielsweise auch der Umgang mit Geld, wenn es um die Selbstverteidigung des Klerus geht. So lässt sich der frühere Papst Benedikt XVI. jetzt in einem Verfahren, in dem es um eine ihm vorgeworfene Mitschuld an der Missbrauchstat eines Priesters in seiner Zeit als Erzbischof von München geht, offenbar von der Kanzlei Hogan Lovells vertreten.

Diese Kanzlei, die ihre beiden Hauptsitze in Washington und London hat, zählt nach eigenen Angaben mit 2.600 Anwälten zu den „zehn führenden wirtschaftsberatenden Rechtsanwaltssozietäten“ der Welt. Wahrscheinlich auch zu den teuersten, aber für so etwas hat die Kirche ja Geld. Das Geld der Gläubigen. Viel weiter weg von den Alltagssorgen der Menschen an der Basis kann ein Kirchen-Fürst kaum noch sein.

Wie wäre es mit einem Wort von Erich Fried?

Noch sind die Beharrer in Rom ganz offensichtlich der Überzeugung, dass sie die zerbröselnde Kirche retten können, indem sie sich an die Trümmer klammern. Wenn sie sich da mal nicht täuschen. Vielleicht sollten sie sich lieber des Wortes erinnern, das der österreichische Lyriker Erich Fried geprägt hat: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt“.

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