Wochenlang ging die Zahl der im Zusammenhang mit einer Coronainfektion gestorbenen Menschen zurück. Dieser Trend wurde in den vergangenen Tagen abrupt gestoppt. © picture alliance/dpa
Corona-Wochenbilanz

Die Corona-Todeswelle rollt mit achtwöchiger Verzögerung auf uns zu

Die Entspannung, die vor einer Woche zu beobachten war, war trügerisch. Die Corona-Situation hat sich wieder deutlich verschärft. Besonders schlimm: eine achtwöchige, tödliche Verzögerung.

Vor einer Woche konnten wir ein wenig durchatmen. Die Zahl der neuen Infektionen mit dem Coronavirus und die Zahl der Corona-Toten war gesunken. Doch vor einer Woche war Ostermontag und das Robert-Koch-Institut hatte immer auf Meldeverzögerungen hingewiesen. Jetzt bewahrheitet sich diese düstere Prognose: In den vergangenen sieben Tagen seit Ostern hat sich die Lage wieder deutlich zugespitzt.

Die Zahl der neuen Infektionsfälle kletterte vom 5. bis zum 12. April um 117.630. Das ist der kräftigste Anstieg seit der Woche vom 11. bis 18. Januar, als es 119.635 neue Fälle gab. Nachdem man in der vergangenen Woche hoffen konnte, dass das exponentielle Wachstum gebrochen ist, scheint es sich jetzt wieder deutlich zu beschleunigen.

Das ist keine gute Nachricht, auch wenn wir aktuell noch weit vom bisherigen Höchststand bei den Neuinfektionen entfernt sind. Den gab es zwischen dem 14. und 21. Dezember 2020 mit 173.574 neuen Fällen innerhalb von sieben Tagen. Danach ging die Zahl bis Mitte Februar kontinuierlich zurück. Der bisher geringste Steigerungswert wurde in der Woche vom 8. bis 15. Februar registriert, als es 50.442 neue Fälle gab.

Die Entwicklung schlägt sich natürlich auch in der 7-Tages-Inzidenz nieder. Vor einer Woche lag sie noch bei 128,0 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner, jetzt ist sie wieder auf 136,4 gestiegen. Nur noch in Schleswig-Holstein liegt die Inzidenz derzeit mit 71,1 unter dem magischen Wert von 100. Bemerkenswert: In Bayern, wo sich Ministerpräsident Markus Söder immer wieder als weltbester Krisenmanager inszeniert, liegt die Inzidenz bei 153,3 – höher ist sie nur in Sachsen-Anhalt (173,5), Sachsen (203,6) und Thüringen (228,5). In NRW liegt sie bei 136,4.

Alarmierend ist die Entwicklung bei der Zahl der Menschen, die an oder mit einer Corona-Infektion gestorbenen sind. In der Woche zwischen dem 5. und 12. April zählte das RKI 1.439 Corona-Tote. Das sind 339 Menschen mehr als in der Woche davor. Erstmals seit der Woche zwischen dem 4. und 11. Januar ist damit die Zahl der in einer Woche im Zusammenhang mit einer Coronainfektion gestorbenen Menschen wieder gestiegen.

Das bedeutet: Acht Wochen, nachdem es bei der Zahl der Infektionsfälle eine Wende vom Fallen zum erneuten Anstieg gegeben hat, schlägt sich diese Entwicklung auch bei der Zahl der Todesfälle nieder. Eine achtwöchige, tödliche Verzögerung, die für die nächsten Wochen Schlimmes befürchten lässt.

Wohin die gefährliche Reise geht, lässt sich auch auf den Intensivstationen ablesen. Hier verschärft sich die Lage weiter in rasantem Tempo. Eine Überlastung der Intensivstationen, vor der Experten seit Wochen warnen, rückt deutlich näher. Am 12. April werden in Deutschland auf den Intensivstationen 4.605 Corona-Patienten behandelt. Das sind 492 Patienten mehr als in der Vorwoche, ein Anstieg um rund 12 Prozent.

Auch der Anteil der Patienten, die beatmet werden müssen, steigt weiter. Das sind jetzt 2.613 – 330 mehr als vor einer Woche. Das bedeutet eine Zunahme um 14,5 Prozent. Wenn diese Zahlen in einem solchen Tempo weiter steigen, dürfte es nur eine Frage von Wochen sein, bis die Engpässe dramatisch werden.

Klar ist aber auch: Noch liegen diese Werte unter den Höchstwerten, die Anfang Januar festgestellt wurden. Am 4. Januar, dem bisher schlimmsten Tag in dieser Hinsicht, wurden auf den Intensivstationen 5.744 Corona-Patienten behandelt, von denen 3.211 Menschen beatmet werden mussten.

Ein Vergleich mit dem vergangenen Frühling, als die erste Infektionswelle über unser Land schwappte, macht deutlich, wie ernst die Lage inzwischen wieder geworden ist. Damals gab es innerhalb von sieben Tagen die meisten Neuinfektionen zwischen dem 30. März und 6. April 2020, nämlich 38.093. Jetzt, ein Jahr später, gibt es mehr als drei Mal so viele Fälle und wir würden über die Zahlen von vor einem Jahr jubeln. Bei den Corona-Toten gab es in der ersten Welle die meisten Opfer zwischen dem 13. und 20 April 2020: genau 1.605. Hier liegen wir aktuell zum Glück noch darunter.

Noch ein Blick auf die Impfungen: Zwischen dem 2. April und Freitag (9. April) erhielten 2.623.390 Menschen eine erste Corona-Impfung – rund 1,2 Millionen mehr als in der Woche zuvor. Hier wirkt sich der Einstieg der Hausärzte beim Impfen positiv aus. Inzwischen sind 12.670.288 Menschen geimpft (15,2 %), 4.910.308 (5,9 %) von ihnen haben bereits zwei Impfungen erhalten.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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