Der Angeklagte steht neben seinem Verteidiger Markus Kluck. Er hat sich erstmals zu den Vorwürfen geäußert – ein Jahr nach Prozessauftakt. © Jörn Hartwich
Landgericht Bochum

„Fall Marvin“ – Angeklagter äußert sich erstmals: „Ich habe gemacht, was Marvin gesagt hat“

Zweieinhalb Jahre hat ein Mann den anfangs 13-jährigen Marvin in seiner Wohnung versteckt und missbraucht. Jetzt hat er sich erstmals zu den Vorwürfen geäußert - ein Jahr nach Prozessauftakt.

Dieser Tag war mit Spannung erwartet worden: Im Prozess um den zweieinhalb Jahre lang vermissten Marvin hat sich der Angeklagte am Dienstag erstmals zu den Vorwürfen geäußert. Was dann jedoch folgte, war kein reumütiges Geständnis, sondern ein Statement voller Selbstmitleid und eine Abrechnung mit einem anfangs erst 13-Jährigen Jungen, der den 46-jährigen Recklinghäuser manipuliert und kontrolliert haben soll.

„Ich habe gemacht, was Marvin gesagt hat“, hieß es in einer von seinem Verteidiger Markus Kluck verlesenen Erklärung. „Alles, was passiert ist, war Marvins Idee – nicht meine.“

Über eine WhatsApp-Gruppe kennengelernt

Der Angeklagte will den Jugendlichen, der damals in einer Einrichtung lebte, über eine WhatsApp-Gruppe kennengelernt und sich sofort mit ihm getroffen haben. Er habe ihm aber nur Geld und Zigaretten geben wollen. Von Sex sei anfangs keine Rede gewesen. Und das habe er auch nicht gewollt.

„Ich war überfordert“

Nur wenige Tage später sei der Junge dann mit in seine Recklinghäuser Wohnung gekommen. „Ich bin am Anfang davon ausgegangen, dass er nur ein Wochenende bleibt.“ Doch dann sei die Zeit immer länger geworden. „Am Anfang hat er mich sogar Papa genannt.“

Irgendwann habe ihn Marvin dann gefragt, ob er auch fünf Jahre bleiben könne – bis er 18 sei. Auch da habe er schließlich zugestimmt. „Ich konnte mich nicht mehr gegen ihn durchsetzen. Ich war überfordert.“

Sämtliche Missbrauchshandlungen seien nach Angaben des Angeklagten immer von Marvin ausgegangen. Dabei sei es auch nie um ihn gegangen. Er habe vorher sogar eine Freundin gehabt, die ein Kind von ihm wollte.

„Marvin hat mich kontrolliert“

„Ich habe ihn öfter aufgefordert, wieder nach Hause zu gehen“, so die Erklärung des Recklinghäusers. Er habe ihm eindeutig zu verstehen gegeben, dass er nicht traurig sei, wenn Marvin wieder gehe. Doch das habe der Junge nicht gewollt. Je länger Marvin bei ihm gewesen sei, desto unmöglicher sei es gewesen, die Situation zu beenden. Er habe eigentlich nur noch seine Ruhe gewollt. „Heute weiß ich, dass mich Marvin kontrolliert hat.“

Am Ende habe er sich nicht einmal mehr um den Haushalt gekümmert. „Ich habe mich aufgegeben.“ Marvin habe ihn sogar gegen seinen Vater aufgehetzt, der ebenfalls in der Wohnung gelebt habe. „Ich habe oft geweint, weil ich verzweifelt war.“

Er habe irgendwann keinen Ausweg mehr gesehen. Der Junge habe ihm sogar leidgetan, weil er nicht zur Schule gegangen sei.

Die Situation habe ihn schließlich derart belastet, dass er immer mehr Alkohol getrunken habe. Zuletzt eine Flasche Weinbrand-Cola – jeden Abend. „Ohne Alkohol konnte ich gar nicht mehr einschlafen.“

Angeklager bezichtigt den heute 16-Jährigen der Lüge

Dass Marvin traumatisiert sein könnte, könne er sich nicht vorstellen. „Ich habe ihm alle Wünsche erfüllt.“ Er habe sogar ein Handy bekommen.

Indirekt bezichtigte er den heute 16-Jährigen sogar der Lüge. „In der Verhandlung ist mir aufgefallen, dass er wieder gestottert hat“, ließ er die Richter am Bochumer Landgericht wissen. Das habe er bei ihm auch gemacht. „Insbesondere, wenn er gelogen hat oder nicht mehr wusste, was er sagen soll.“

Erst ganz am Ende kam dann doch noch eine Art Selbstkritik. Die Erklärung des 46-Jährige endete mit den Worten: „Ich weiß, dass es nicht richtig war, dass ich Marvin bei mir aufgenommen habe. Das tut mir heute auch alles sehr leid.“

Im Schlafzimmerschrank entdeckt

Die Einlassung erfolgte am 42. Verhandlungstag – mehr als ein Jahr nach Prozessauftakt. Dem Recklinghäuser wird vorgeworfen, Marvin zweieinhalb Jahre lang in seiner Wohnung versteckt und über 470 Mal sexuell missbraucht zu haben. Der Junge war bei einer Durchsuchung wegen eines Kinderporno-Verdachts im Dezember 2019 von einer Polizistin im Schlafzimmerschrank des Angeklagten entdeckt worden. Der Prozess wird fortgesetzt.

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Gerichtsreporter

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