Der Angeklagte kurz vor der Urteilsverkündung neben seinem Verteidiger Jörn Reinhardt. © Jörn Hartwich
Landgericht Essen

Mann ersticht „als Avatar“ seine Nachbarin im Schlaf – Polizist bricht in Tränen aus

Ein 21-jähriger hat in Marl seine junge Nachbarin in ihrem eigenen Bett erstochen. Auch den Sohn (4) verletzte er schwer. Die Tat war grausam und brutal. Jetzt fällte das Gericht ein Urteil.

Diese Tat war der reinste Horror: Vor rund einem halben Jahr ist ein junger Mann aus Marl bei seiner bereits schlafenden Nachbarin eingebrochen und hat sie erstochen. Auch ihr vierjähriger Sohn wurde mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Am Montag ist der 21-Jährige verurteilt worden.

Die Richter am Essener Landgericht haben neun Jahre Jugendhaft verhängt – wegen Mordes und Mordversuchs. Gleichzeitig ist die unbefristete Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie angeordnet worden. Wann der Angeklagte wieder freikommt, ist damit völlig ungewiss.

Es ist nicht ganz klar, ob der 21-Jährige überhaupt verstanden hat, was er getan hat. Noch während des Plädoyers der Staatsanwältin winkte er seinen Eltern zu, die im Zuschauerbereich Platz genommen hatten. „Ihr habt keinen Fehler gemacht“, sagte er kurz vor der Urteilsverkündung in ihre Richtung. „Ich bin stolz auf Euch.“

Fürchterliche Bilder

Es war die Nacht auf den 10. November 2020, als er einen Blumenkübel unter das Badezimmerfenster seiner Nachbarin schob, ein Fliegengitter entfernte und in die Erdgeschosswohnung kletterte. Er nahm sich zwei Messer, ging ins Schlafzimmer und stach immer wieder auf die im Bett liegende Frau ein. Die Ärzte hatten später über 40 Stich- und Schnittverletzungen gezählt. Anschließend wurde auch der vierjährige Sohn niedergestochen. Dass der Junge überlebt hat, war reines Glück.

„Wie fürchterlich das alles gewesen ist, können wir uns nur vorstellen“, sagte Richter Sebastian Jordan bei der Urteilsbegründung. Tiefen Eindruck habe jedoch die Zeugenvernehmung eines gestandenen und „kraftstrotzenden“ Polizeibeamten hinterlassen, der immer weiter in sich hineingesackt sei. „Er ist letztlich in Tränen ausgebrochen, weil er bis heute nicht richtig verarbeiten konnte, was er da gesehen hat“, so Jordan. „So grausam müssen die Bilder gewesen sein.“

Vierjährigen in den Hals geschnitten

Dem Vierjährigen sei sogar einmal um den Hals geschnitten worden. „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Angeklagte versucht hat, den Jungen zu enthaupten.“

Der 21-Jährige hatte die Tat im Prozess gestanden, dabei aber behauptet, dass er sich wie ferngesteuert vorgekommen sei. Wie ein Avatar aus einem Computerspiel. Oder wie in einem Film. Er habe Stimmen gehört, die ihm befohlen hätten, etwas Böses zu tun – und zwar in der realen Welt.

Das haben die Richter ihm jedoch nicht geglaubt. „Sie haben einem Menschen das Leben genommen“, hieß es im Urteil. Das sei nicht wie in einer Fernsehserie. „Da stehen die Menschen später wieder auf.“

Mögliche sexuelle Motive?

Der Auslöser der Albraumtat ist unklar. Es gibt eine psychische Erkrankung, die den jungen Mann aus Marl schon seit der Kindheit belastet. Ein Psychiater hatte im Prozess außerdem mögliche sexuelle Motive ins Spiel gebracht und von Hypersexualität gesprochen.

Der Angeklagte selbst hatte das bestritten. Er habe seine Nachbarin zwar hübsch gefunden, aber keinerlei Interesse an ihr gehabt.

Der vierjährige Sohn lebt heute bei seinem Vater. „Er wird sein Leben lang an die Tat erinnert werden – wegen der Narben an seinem Hals“, so Richter Jordan. „Irgendwann werden die Fragen kommen: Was ist da passiert? Wo ist meine Mutter? Wieso habe ich diese Narben?“

Verteidiger Jörn Reinhardt sprach im Prozess von einem „unaussprechlichen Leid“ für Opfer und Angehörige.

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