Medikamentenmissbrauch an Kurkindern NRW gibt Studie in Auftrag und sucht Betroffene

Ein Teddy mit Spritze und Verbandszeug.
Viele Kinder sind in Kurheimen offenbar zu Medikamenten-Tests missbraucht worden. © Pixabay
Lesezeit

8 bis 12 Millionen Kinder in Deutschland wurden bis Anfang der 90er Jahre in Kinderkureinrichtungen verschickt. Sechs Wochen Heimweh, Demütigung, physische, psychische – in manchen Fällen gar sexuelle Gewalt – mussten viele Kurkinder ertragen. Immer stärker wird bekannt, dass es in vielen Einrichtungen zusätzlich zu missbräuchlichem Medikamenteneinsatz und –versuchen an Kindern gekommen ist. Jetzt will das Land NRW die Geschehnisse mit einer Studie aufarbeiten. Dazu soll es eine Bürgerbeteiligung geben.

Die Studie wurde vom NRW-Gesundheitsministerium in Auftrag gegeben. Medikamentenmissbrauch in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Behindertenhilfe, der Psychiatrie und der Kinderverschickungen sollen untersucht werden.

Beauftragt wurden Forscher verschiedener Hochschulen unter der Leitung von Prof. Dr. Heiner Fangerau vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Auch ein Bürgerforschungsprojekt zum Thema Kinderverschickungen in NRW (CSP-KV-NRW) ist beteiligt. Diese Bürgerforschungsgruppe beschäftigt sich mit der Aufarbeitung und Dokumentation der Kinderverschickungen. Die Ergebnisse der Studie sollen in rund zwei Jahren vorliegen.

Verschickungskinder werden aufgerufen, sich zu beteiligen

Betroffene, die nach NRW verschickt waren, werden aufgerufen, sich als Bürgerforscher an der Recherche zu beteiligen. Mit Hilfe der Pharmazie-Historikern Dr. Sylvia Wagner soll so wichtiges Datenmaterial aus den Jahren 1946 – 1980 zusammengetragen werden, Zeitzeugen werden interviewt.

Bisherige Erfahrungsberichte weisen darauf hin, dass es sowohl zu Medikamentenmissbrauch mit Zielen wie Sedierung, Disziplinierung oder Appetitsteigerung als auch zu gezielten Medikamentenversuchen gekommen ist. Ein Beispiel dazu ist die Kinder-Lungenheilstätte Maria Grönewald in Wittlich, wo nachweislich Contergan an Kindern getestet wurde. Dr. Sylvia Wagner endeckte eine Studie von 1960, die belegt, dass bereits 2-Jährige drei Mal täglich die doppelte Menge der Erwachsenendosis über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr bekamen.

Studie zu Medikamenten-Missbrauch: Hier können sich Betroffene melden

Interessenten können sich direkt an den nordrheinwestfälischen Verein der Verschickungskinder wenden oder direkt an:
Bastian Tebarth, Projektleitung CSP-KV-NRW, Citizen Science Projekt Kinderverschickungen-NRW Bastian.Tebarth@akv-nrw.de

Dr. Sylvia Wagner, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Sylvia.wagner@uni-duesseldorf.de

blu