Polizeikollegen bei Schießerei alleingelassen: Urteil für zwei NRW-Polizistinnen

Gerichtsreporter
Die Angeklagten Polizistinnen im Gerichtssaal des Amtsgerichts vor Richterin Anna Walther.
Die beiden Polizistinnen griffen nicht ein, als ein Polizeikollege bei einer Verkehrskontrolle angeschossen wurde. © picture alliance/dpa
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Vorsichtiges Aufatmen bei zwei Polizistinnen aus dem EN-Kreis: Das Landgericht Hagen hat die beiden Beamtinnen am Mittwoch deutlich milder bestraft als in erster Instanz das Amtsgericht Schwelm. Damit ist der drohende sofortige Verlust des Arbeitsplatzes erst einmal vom Tisch.

Was war passiert? Im Mai 2020 hatten zwei Polizisten in Gevelsberg einen verdächtigen Autofahrer gestoppt und anschließend die Personalien des Mannes zu kontrollieren. Dabei hatte sich herausgestellt, dass der Autofahrer per Haftbefehl gesucht wurde.

Polizistinnen fuhren zufällig vorbei

Die beiden jetzt verurteilten Polizistinnen waren damals zufällig mit ihrem Streifenwagen an der Kontrollstelle vorbeigefahren. Als ihnen einer der Kollegen ein Handzeichen gab, hatten sie ihr Fahrzeug gestoppt und waren ausgestiegen.

In diesem Moment überschlugen sich die Ereignisse: Der Autofahrer sprang plötzlich in sein Fahrzeug und eröffnete aus dem Seitenfenster das Feuer auf die Polizisten. Einer der Beamten wurde im Bauchbereich getroffen und überlebte nur deshalb, weil er eine schusssichere Weste trug.

21 Schüsse in 20 Sekunden

Während in den folgenden nicht einmal 20 Sekunden insgesamt 21 Schüsse fielen, entschieden sich die angeklagten Polizistinnen zur Flucht. Anstatt selbst Warnschüsse abzugeben oder Verstärkung anzufordern, drehten sie um, liefen davon und ließen sich anschließend von einer Autofahrerin mitnehmen.

„Ich hatte Todesangst. Ich hatte so etwas noch nie erlebt und auch noch nie geübt“, sagte eine der Polizistinnen in ihrem letzten Wort vor der Urteilsberatung. Ihre mitangeklagte Kollegin erklärte: „Ich hätte diesen einen Schuss niemals verhindern können.“

Gericht: Polizistinnen hätten Deckung suchen können

Wie das Amtsgericht Schwelm wertete aber auch das Hagener Landgericht die Flucht vom Tatort als versuchte gefährliche Körperverletzung im Amt durch Unterlassen. „Die Angeklagten hätten in dieser Situation durchaus Deckung suchen und sich einen Überblick verschaffen können“, sagte die Vorsitzende Richterin im Urteil.

Anders als das Amtsgericht wollte die Berufungskammer die dienstrechtlichen Konsequenzen für die Betroffenen aber nicht gleich mitentscheiden. Die in erster Instanz verhängten jeweils zwölf Monate Haft auf Bewährung hätten zwingend bedeutet, dass die Beamtinnen nie wieder bei der Polizei hätten arbeiten dürfen. Die jetzigen Strafen von vier Monaten Haft auf Bewährung ermöglichen es den Polizistinnen, im Rahmen eines Disziplinarverfahrens um ihre berufliche Zukunft zu kämpfen.

Erst einmal können sie aber auch gegen diese Entscheidung noch Revision einlegen.

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