Die Gesundheitsämter übermitteln rund um Wochenenden, Feiertage und in Ferienzeiten deutlich unzuverlässlicher aktuelle Coronazahlen als in der Woche. Unser Autor hält das für skandalös © picture alliance/dpa
Meinung

Schule wieder nur daheim: Wer rüttelt Gesundheitsämter aus Feiertags- und Wochenendschlaf?

Jetzt werden auch noch die Schulen in NRW fast komplett geschlossen, weil die Datenlage über die Corona-Lage zu unsicher ist. Unser Autor hält das für ein Desaster und hat einen Vorschlag.

Genug ist genug. Die Entscheidung des nordrhein-westfälischen Schulministeriums, nach den Osterferien zumindest für eine Woche wieder den Distanzunterricht anzuordnen, bringt das Fass endgültig zum Überlaufen. Nicht die Entscheidung selbst ist skandalös, sondern einer der für diesen Beschluss genannten Hauptgründe: das „schwer zu bewertende Infektionsgeschehen“. Heißt konkret: Wir können den Zahlen zur Ausbreitung des Coronavirus, die uns zur Einschätzung zur Verfügung stehen, einfach nicht trauen.

Warum ist das so? Weil es – wie es das Robert-Koch-Institut, das die Zahlen zur Verfügung stellen muss, seit mehr als einem Jahr gebetsmühlenartig wiederholt –an Wochenenden, an Feiertagen und in Ferienzeiten zu „Meldeverzögerungen“ und „weniger Testungen“ komme. Und woran liegt das nun wieder? Ganz offensichtlich, weil an Wochenenden und Feiertagen in den für die Übermittlung zuständigen Gesundheitsämtern wenig oder gar nicht gearbeitet wird.

Wohlgemerkt: Diese Daten sind nicht etwas Banales, Nebensächliches oder gar verzichtbares statistisches Gemüse für Freaks. Die Zahlen über die Zu- und Abnahme von Infektionsfällen entscheiden, ob unsere Freiheits- und Grundrechte eingeschränkt werden oder nicht. Sie sind der Maßstab, an dem sich alles politisches Handeln ausrichtet. Wenn in dieser Krise irgendetwas verlässlich sein muss, dann sind es diese Daten. Das aber sind sie nicht. Die aktuell rund um Wochenenden, Feiertage und Schulferien gelieferten Zahlen sind etwa so hilfreich wie eine Packung Heftpflaster bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn.

Diese Daten entscheiden praktisch allein darüber, ob der Motor unserer Gesellschaft gestoppt wird oder wieder anlaufen darf, ob der Händler seine Schuhe und Hosen verkaufen darf oder nicht, ob das Hotel einen Gast aufnehmen darf oder nicht, ob ein Gastwirt Gästen ein Bier ausschenken und ein Schnitzel servieren darf oder nicht. Und – und das ist der Punkt, der all das noch toppt – diese Daten entscheiden eben auch darüber, ob Kinder in die Schule gehen dürfen oder nicht.

Verschwendet eigentlich irgendjemand in diesen Gesundheits-Amtsstuben auch nur einen Gedanken daran, was solche eine am Donnerstagabend verkündete Entscheidung nicht nur für die Lehrerinnen und Lehrer bedeutet? Was ist eigentlich mit den Eltern? Schon wieder müssen sie – zumindest für die jüngeren Jahrgänge – eine Betreuung für ihre Kinder organisieren und dem Chef zum x-ten Mal schonend beibringen, dass sie mal wieder nicht zur Arbeit kommen können. Sie tun mir wirklich von Herzen leid.

In den ersten Monaten waren „Meldeverzögerungen“ für mich noch nachvollziehbar. So schnell macht man aus einem Ackergaul kein Rennpferd, aber inzwischen ist mein Verständnis deutlich unter dem Gefrierpunkt angelangt.

Warum hört man eigentlich weder vom Bund noch von den Ländern energische Ansagen, die die Landräte in den Kreisen und die Oberbürgermeister in den kreisfreien Städten aus ihrem Corona-Schlaf wecken: „Hallo, ihr Menschen in den Gesundheitsämtern, ihr müsst bitte auch an Wochenenden, Feiertagen und in Ferienzeiten sicherstellen, dass sämtliche Daten vollständig geliefert werden! Und zwar ab sofort und ohne Widerrede!“

Ärzte, Pflegende, Feuerwehrleute, Polizisten und viele andere Berufe müssen ebenfalls an Wochenenden genauso zuverlässig zur Stelle sein wie von montags bis freitags. Viele Gesundheitsämter scheinen das auch begriffen zu haben, aber eben nicht alle. Und das ist das Problem. Und wenn es die Labore sind, die an Sonn- und Feiertagen ihre Daten nicht melden, dann muss man die Verträge mit ihnen ändern oder kündigen.

Mit einer 5-Tage-Woche werden wir den Kampf gegen das Coronavirus nicht gewinnen – und wenn doch, dann wird es viel länger dauern als notwendig. Und die Zeche dafür, die zahlen wir alle. Dies entsetzliche Lücke in der Pandemiebekämpfung muss endlich geschlossen werden. Das hat höchste Priorität und folgt gleich nach der Frage, warum den Verantwortlichen schon wieder mal nichts Besseres einfällt, als Schulen zu schließen. Das aber ist ein anderes Thema.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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