Gesellschaft

Unikliniken: Direktor befürchtet Kampf um Pflegekräfte

Beim Jubel um den ausgehandelten Tarifvertrag Entlastung an den sechs Unikliniken herrscht Einigkeit. Doch beim Kampf ums Pflegepersonal könnte es auch Verlierer geben.
Pflegekräfte betreuen im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums einen Covid-Patienten.
Pflegekräfte betreuen im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums einen Covid-Patienten (Archivbild). © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Nach dem mühsam ausgehandelten Entlastungstarifvertrag für sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen erwartet der Essener Uniklinik-Direktor einen erheblich verschärften Kampf um die raren Pflegekräfte. Professor Jochen Werner lobte die am vergangenen Dienstag erzielte Einigung mit der Gewerkschaft Verdi, die Vereinbarung könne «Vorbildcharakter für Krankenhäuser in ganz Deutschland» besitzen. Allerdings befürchtet er als Konsequenz für die nun notwendige weitere Personalaufstockung an den Unikliniken einen «Verdrängungswettbewerb» mit Folgen für das gesamte deutsche Gesundheitswesen, wie Werner der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Unikliniken seien schon jetzt personell vergleichsweise gut aufgestellt. «Die Personalschlüssel werden nun noch besser werden. Allerdings wird der Sog dann noch stärker in die Unikliniken gehen», betonte der Vorstandsvorsitzende der Essener Universitätsmedizin. «Die Verlierer sind alle anderen Krankenhäuser in den Ebenen darunter.» Am Ende, so Werner, würden die Pflegekräfte nicht mehr an Unikliniken fehlen, «sondern in den kleineren Krankenhäusern, in der ambulanten Pflege oder der Altenpflege».

Einigung nach langem Arbeitskampf

Essens Pflegedirektorin Andrea Schmidt-Rumposch kündigte in der «WAZ» schon an: «Wir werden aktiv und auf allen Kanälen um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werben, um Personal aufzubauen. Durch die Vereinbarung werden wir als Arbeitgeber noch attraktiver.» Professor Edgar Schömig, Chef der Kölner Klinik und Verhandlungsführer der NRW-Unikliniken, lobt die «Vorreiterrolle bei den Arbeitsbedingungen in der Patientenversorgung»: «Wer in einer Uniklinik arbeitet, kann sich künftig sicher sein, dass es zumindest national keine besseren Rahmenbedingungen in anderen Krankenhäusern gibt.»

An der Seite der Beschäftigten hatte Verdi sich mit den Unikliniken Bonn, Aachen, Köln, Düsseldorf, Essen und Münster nach massivem Arbeitskampf und elfwöchigen Streiks auf Eckpunkte des sogenannten Tarifvertrags Entlastung (TV-E) geeinigt. Darin werden ab 1. Januar 2023 Entlastungsmodelle für die Beschäftigten geregelt. Für die Pflege, teilweise auch für andere Klinikbereiche werden schichtgenaue Verhältnisse von Beschäftigten und Patientinnen und Patienten festgelegt. Wird die Personalquote dann unterschritten, erhalten die Beschäftigten Belastungspunkte. Bei einer bestimmten Zahl werden diese Punkte in freie Tage umgewandelt. Für Service-, IT- und Technikbereiche sowie Ambulanzen wurde die Schaffung von pauschal jeweils 30 zusätzlichen Vollzeitstellen pro Uniklinik vereinbart. Hinzu kommen Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungsqualität.

Katharina Wesenick, Verdi-Fachbereichsleiterin Gesundheit in NRW, spricht von einem «großen Etappensieg». Auch die Politik und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund NRW/Rheinland-Pfalz äußerten sich zufrieden über die erzielte Lösung. Der Vorsitzende des Marburger Bundes NRW/RLP, Hans-Albert Gehle, mahnte gleichzeitig tarifliche Verbesserungen für seine Klientel an. Die Politik dürfe nicht vergessen, «dass auch die seit Jahren chronisch überlasteten Ärztinnen und Ärzte dringend Verbesserungen bei ihren gesamten Arbeitsbedingungen benötigen». Auch im ärztlichen Bereich seien seit Jahren viele Stellen nicht besetzbar. «Der Ärztemangel belastet die Kolleginnen und Kollegen zusätzlich.»

Wie positionieren sich andere Krankenhäuser?

Spannend wird sein, wie sich andere Krankenhäuser, darunter etliche Unikliniken in kirchlicher Trägerschaft, nun positionieren. Dirk Albrecht, Geschäftsführer des katholischen Krankenhausträgers Contilia, der im Ruhrgebiet sieben Krankenhäuser betreibt, verwies auf das eigenständige Tarifsystem, den sogenannten «dritten Weg». Und der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Ingo Morell, schlug vor, dass die vom Land NRW für die Unikliniken zugesagte Refinanzierung bestimmter Bereiche nun für «alle Krankenhäuser» gelten müsse.

So oder so werde der Tarifvertrag Entlastung allein die Pflegemisere in Deutschland nicht lösen, betonte Werner. Dazu müssten tiefgreifende und längst überfällige Reformen im Gesundheitswesen endlich angepackt werden, und zwar bundesweit. «Weil es auch ein bundesweites Problem ist», erklärte Werner. «Weil dieser Fachkräftemangel – nicht nur in der Pflege, auch in anderen Bereichen – maßgeblich zusammenhängt mit den unverändert zu vielen Krankenhäusern in Deutschland. Da haben wir den Kern des Problems.»

Im Vergleich zu anderen Ländern leiste man sich hierzulande «durchschnittlich deutlich mehr Krankenhausbetten auf die Bevölkerung gerechnet, bei vergleichbaren Pflegepersonalzahlen, aber verteilt auf deutlich mehr Krankenhäuser». Hinzu komme die «desolate Digitalisierungssituation seit über 30 Jahren». Werner: «Wenn wir jetzt nicht anfangen, geplant – und nicht durch die Hintertür, weil immer mehr Krankenhäuser in wirtschaftliche Not kommen – eine bundesweite Strategie zu entwickeln, werden wir nicht weiterkommen.»

dpa

urn:newsml:dpa.com:20090101:220723-99-127744/2

Der neue Lokalsport-Newsletter für Haltern

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Halterner Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.