Der Angeklagte kurz vor dem Prozessbeginn in Duisburg. © Werner von Braunschweig
Totschlag-Prozess

Vater tötet sein Baby – und erinnert sich am nächsten Tag nicht mehr an die Tat

Ein drei Monate alter Säugling soll brutal misshandelt worden und dann verstorben sein. Jetzt steht der Vater vor Gericht - hat jedoch keine Erinnerung mehr an die Tat.

Die Anklage beschreibt erschütternde Szenen: Im Oktober 2020 soll ein betrunkener Vater (38) in Duisburg seinen drei Monate alten Babyjungen mit brutaler Gewalt attackiert und ihm so lange Mund und Nase zugehalten haben, dass der Säugling später in der Klinik verstarb.

Ohne ein Wort des Vaters hat am Montag vor dem Duisburger Schwurgericht der Totschlag-Prozess begonnen. „Wir werden uns schweigend verteidigen“, sagte sein Verteidiger Christian Lödden beim Prozessauftakt.

Mutter war bei der Geburt verstorben

Grüner Parka, hochgezogene Kapuze und vor das Gesicht einen ausgeklappten Aktenordner gepresst: Es war kurz nach zehn Uhr, als der Logistikarbeiter von zwei Wachtmeistern in den Saal geführt wurde. Zum Schutz vor den Kameras stellte sich sein Verteidiger zunächst demonstrativ und mit verschränkten Armen vor die Anklagebank.

Erst als die Fotografen den Saal verlassen hatten, klappte der Angeklagte seine Kapuze herunter und legte den provisorischen Sichtschutz vor sich ab. Während der Verlesung der Anklage wischte sich der Vater immer über die Augen. Als eine Sachverständige später einmal darauf zu sprechen kommt, dass der kleine Alessio für die Familie „das größte Geschenk“ gewesen ist, nickt der Angeklagte erst zustimmend, schlägt sich dann aber sofort die Hände vor das Gesicht.

Die Mutter des Jungen war bei der Geburt am 9. Juli 2020 gestorben, der Vater kümmerte sich anschließend alleinerziehend um das den Säugling.

Gehirn des Babys massiv unterversorgt

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Baby in der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 2020 in einem Wohnhaus in Duisburg-Beeckerweerth von seinem angetrunkenen Vater unvorstellbar brutal misshandelt worden ist. „Der Angeklagte begab sich zu seinem Sohn und übte erheblichen Druck auf dessen Mund und Nase aus“, heißt es in der Anklageschrift.

Rechtsmediziner hatten später unter anderem einen Bruch des Unterkiefers diagnostiziert. Punktförmige Einblutungen im Gesicht deuten laut Anklage daraufhin, dass das Gehirn des Babys durch die Verhinderung der Luftzufuhr massiv unterversorgt gewesen ist. Der kleine Alessio kam ins Krankenhaus, wo sein Hirntod festgestellt wurde.

Angeklagter spricht von Blackout

Einer psychiatrischen Sachverständigen gegenüber hatte sich der im Prozess schweigende Vater zuvor auf eine Art Blackout berufen. Er will am fraglichen Tag früh morgens betrunken auf dem Küchenboden wachgeworden sein, umherliegende Alkoholflaschen entsorgt und sich dann wieder hingelegt haben. Gegen elf Uhr früh sei er dann wachgeworden, habe sich gewundert, dass er nichts von seinem Kind gehört habe.

Daraufhin sei er zum Bettchen von Alessio gegangen, dort habe der Junge verletzt, mit einer dick geschwollenen Lippe und Abdrücken am Hals gelegen. „Ich habe keine Idee gehabt, woher das alles herkommen soll“, soll der Vater der Gutachterin gesagt haben. Nachdem er seinem Sohn mit einer Spritze Fencheltee in den Mund gespritzt habe, habe er plötzlich Panik bekommen, als der Säugling nur noch mit einem Auge geblinzelt habe. Daraufhin habe er den Familienhelfer alarmiert – und der wiederum den Rettungswagen.

Der Angeklagte sitzt seit dem 15. Oktober 2020 In U-Haft. Im Falle einer Verurteilung wegen Totschlag drohen dem Vater bis zu 15 Jahre Haft. Der Prozess wird fortgesetzt.

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