Auch die neuen, von Bund und Ländern vereinbarten Maßnahmen werden nicht verhindern, dass bei der aktuell hohen Zahl an neuen Corona-Infektionen, jeden Tag mehrere 100 Menschen sterben. Das ist ebenso unerträglich, wie die Tatsache, dass jetzt Ungeimpfte bestimmen, wie es mit dem Leben aller anderen weitergeht, meint unser Kommentator. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Meinung

„Wir müssen alle mitnehmen!“ Wirklich? Zur Beerdigung des nächsten Corona-Toten?

Bund und Länder haben sich auf neue Corona-Regeln geeinigt. Unser Kommentator meint: Das reicht nicht. Ungeimpfte diktieren, woran sich Geimpfte halten müssen. Die Lage ist außer Kontrolle.

Das Maß ist voll, es reicht. Es reicht, dass vernunftfreie Impfverweigerer unser Land immer tiefer in die Katastrophe treiben. Es reicht, dass diese Leute darüber entscheiden, welches Leben die Menschen in unserem Land und am Ende auch ich selbst führen darf. Es reicht, dass selbst die plausibelsten Horror-Vorhersagen von Top-Pandemie-Experten in den Wind geschlagen werden. Es reicht, dass sich Ärzte und Pflegende bis zur völligen Erschöpfung unter Lebensgefahr um ungeimpfte, sture Besserwisser kümmern müssen.

Es reicht, dass Menschen mit einem Schlaganfall oder Herzinfarkt stundenlang im Rettungswagen durch die Gegend gekarrt werden müssen, weil Intensivbetten von unbelehrbaren Zeitgenossen blockiert werden. Es reicht, dass noch immer einige Lobbyisten von Ärzten und Verbänden ihren Eitelkeiten frönen und sich sträuben, dass auch Apotheker impfen dürfen. Es reicht, dass uns die Bundes- und Länderfürsten den letzten Nerv töten mit ihren Machtspielen voller Widersprüche, Kleinkariertheiten und narzisstischem Überheblichkeitswahn.

„Corona ist die grausame, tödliche Pest des 21. Jahrhunderts“

Corona ist kein Spiel, Corona ist auch keine schlimme Grippewelle, wie wir sie immer schon mal hatten. Corona ist die verheerende, grausame, tödliche Pest des 21. Jahrhunderts. Wer das, wo wir mit Sicherheit in wenigen Tagen den 100.000. Corona-Toten allein in Deutschland zu Grabe tragen werden, noch immer nicht begriffen hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Gestern Abend erzählte mir jemand von einem ungeimpften Bekannten, der schwer an Covid 19 erkrankte. Drei Wochen Beatmung, anschließend eine lange Reha und dann eine ganz langsame Wiedereingliederung. Wenn man ihn jetzt darauf anspreche, laute seine Antwort: „Weiß ich doch nicht, was ich gehabt habe. Corona? Die Ärzte können mir ja viel erzählen!“ Als ich das hörte, war ich zunächst fassungslos, dann unfassbar wütend.

„Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit“

Auch ein guter Teil der verantwortlichen Politikerinnen und Politiker, die es eigentlich wissen sollten, scheinen noch immer unter akuten Wahrnehmungsstörungen zu leiden. Bei jemandem, der in einer außer Kontrolle geratenen Pandemie eben diese pandemische Notlage für beendet erklärt, kommen mir schon gewisse Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit. Das ist das eine. Das andere ist, dass sich die Politiker auch in dieser Notlage noch mehr darum kümmern, wer sich wie in das beste Licht setzen kann, statt endlich anzupacken und die Karre gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen.

Hier werden unfassbar gefährliche Spielchen gespielt. Teils, weil die CDU der neuen Koalition noch vor deren Start mal kurz zeigen will, wo der Hammer hängt. Teils, weil die drei Möchtegern-Koalitionsparteien ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was jetzt zu tun ist, aber niemand die Koalitionsgespräche ernsthaft gefährden will. Teils, weil im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW Hendrik Wüst bald eine Landtagswahl vor der Brust hat und sich als neuer Ministerpräsident erst noch mal profilieren und bekannt machen muss. Mein Verständnis für diese Spielchen ist auf dem Nullpunkt. Wir sind nicht im Sandkasten, wir sind im Krieg gegen eine todbringende Krankheit.

Das verzweifelte Flehen des Lothar Wieler

Man kann über Lothar Wieler, den Chef des Robert-Koch-Instituts, sicherlich vieles sagen, nur eines nicht: Dass er zu starken Emotionen neigt, aber: Was von ihm am Mittwochabend bei einem Video-Chat mit dem sächsischen Ministerpräsidenten zu hören und zu sehen war, hat mich wirklich getroffen. Seine Aufforderung, endlich neben Ärzten auch Apothekerinnen und Apotheker impfen zu lassen, weil man sich in einer absoluten Notlage befinde, war ein geradezu verzweifeltes Flehen. Man müsse, so fuhr er fort, die üblichen Wege verlassen und einfach pragmatisch handeln, um nicht ins Verderben zu laufen.

Und dann legte er eine Rechnung vor, die eigentlich keine Frage mehr offen lassen sollte. Schon jetzt stehe mit absoluter Sicherheit fest, so sagte Wieler, dass von den 52.000 neuen Coronafällen am Mittwoch definitiv 400 Menschen nicht mehr zu retten sind. Sie würden trotz aller Anstrengungen mit Sicherheit sterben. Gestern hatten wir dann schon mehr als 65.000 Neuinfektionen, heute sind es wieder fast 53.000. Wieler rechnet vor: Auch von ihnen werden 0,8 Prozent sterben. Nicht heute, aber innerhalb der nächsten Wochen. Das steht schon jetzt fest, endgültig. Rechnen Sie selbst aus, wie viele Tote das sind.

Zögerliche Politikerinnen und Politiker

Zum Glück haben sich Bund und Länder gestern zumindest auf einige wichtige Beschlüsse geeinigt. Die drei neuen Grenzwerte zur Hospitalisierung sind ein richtiger Schritt. Die damit verbundenen 2G- und 2G-plus-Regeln sind es ebenso. Auch die angestrebte Impfpflicht für Beschäftigte im medizinischen Bereich ist längst überfällig. Hört sich alles richtig an, reicht aber nicht.

Von zögerlichen Politikerinnen und Politiker, die sich gegen allzu harte Maßnahmen gegen freiwillig Ungeimpfte ausgesprochen haben, habe ich in den vergangenen Wochen immer wieder den Spruch gehört „Wir müssen alle mitnehmen“. Ganz ehrlich: „mitnehmen“? Wohin? Zur nächsten Beerdigung?

Es ist an der Zeit, über alle Parteigrenzen hinweg sich einer einzigen Aufgabe zu widmen: dem Sieg gegen die Pandemie. Da darf es dann auch ruhig eine generelle Impfpflicht sein. Da dürfen dann auch gerne Apothekerinnen und Apotheker impfen. Da dürfen wir auch gerne mal unkonventionelle, neue, improvisierte und ganz pragmatische Wege gehen. Hauptsache, sie helfen, uns diese verheerende Seuche endlich vom Hals zu schaffen.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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