Geheimdienst

Verschleiern und drohen: Wie Wladimir Putin als KGB-Spion in Deutschland wirkte

Wladimir Putin hat zwischen 1985 und 1990 in Dresden für den sowjetischen Geheimdienst KGB gearbeitet – und soll während der friedlichen Revolution auch DDR-Demonstranten bedroht haben.
2018 tauchte in den Archiven der Stasi-Unterlagenbehörde in Dresden Putins Ausweis des Ministeriums für Staatssicherheit auf. © BStU/dpa

Krim, Syrien, Nawalny, Verfassung – und jetzt die Ukraine: Wladimir Putins Angriffe werden stets als Spezialoperationen getarnt. Es wird verschleiert und zurechtgebogen, es werden Legenden gebildet. Es ist das Einmaleins von Geheimdienstarbeit. Und die hat Wladimir Putin früh gelernt und ausgeübt. Alleine fünf Jahre in Deutschland. Bevor der heutige Präsident Russlands in die Politik ging, war er KGB-Offizier in Dresden.

Wladimir Putin besaß einen Stasi-Ausweis

Das Wirken und die Operationen des KGB im ostdeutschen Bruderstaat befinden sich bis heute in Moskau unter Verschluss. „Auch daher können wir Putins Arbeit in Dresden nur bruchstückhaft nachvollziehen“, sagt Konrad Felber, viele Jahre Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Dresden. Selbst die akribisch geführten Stasi-Akten geben bislang kaum Aufschluss. Putin taucht hier und da in Dokumenten auf. Eine eigene Stasi-Akte wurde wohl, wenn es sie überhaupt jemals gegeben hat, in den Wendezeiten vernichtet.

Russlands Präsident Wladimir Putin umarmt im Mai 2017 in Moskau Lazar Matwejew, den ehemaligen Chef des KGB in Dresden an dessen 90. Geburtstag. Matwejew war in den 80er Jahren Putins Vorgesetzter beim KGB in Dresden. © picture alliance / Alexei Nikolsky/POOL SPUTNIK KREMLIN/dpa

Der russische Geheimdienst hatte in jeder Bezirksstadt eine Niederlassung und arbeitete mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) eng zusammen. Auch deshalb ist wohl zu erklären, dass Putin einen Ausweis des MfS besaß, der jahrelang unbemerkt in den Archiven der Stasiunterlagenbehörde in Dresden lagerte und erst 2018 entdeckt wurde.

„Wer einen solchen Ausweis besaß, konnte ohne umfangreiche Kontrollen in der Dienststelle der Staatssicherheit ein- und ausgehen“, sagt Konrad Felber. Und: „Der Ausweis dürfte ihm die Arbeit im Inneren der DDR sehr erleichtert haben – besonders im Umgang mit den Bürgern des Landes, wenn er sich als MfS-Mitarbeiter ausgeben konnte.“

Spionage-Abwehr in der Computer-Produktion

Der junge Wladimir Putin avancierte vom Rang eines Hauptmanns zum Major. Nach allem, was bekannt ist, umfasste seine Tätigkeit in der DDR vor allem Personalgewinnung für den KGB. Er soll Agenten für eine Tätigkeit im Westen angeleitet haben. Zeitweise war er für die Überwachung von Besuchergruppen des in Dresden ansässigen VEB Kombinats Robotron, dem größten Computer-Hersteller in der DDR, zuständig. Im Kalten Krieg ein lohnenswertes Ziel für ausländische Spionage-Dienste, das geschützt werden wollte.

Die Stasiunterlagenbehörde in Dresden. Der Stasi-Ausweis von Russlands Präsident und damaligen KGB-Offizier Wladimir Putin wurde 2018 in der Behörde entdeckt. © picture alliance/dpa

Putin lebte mit Frau und zwei Töchtern in einem Plattenbau im Norden Dresdens. Seine Dienststelle in der Angelikastraße 4 lag nicht weit davon entfernt. Deutsche, die privaten Kontakt zur Familie hatten, beschreiben Wladimir Putin in seiner Dresdener Zeit als zurückhaltend und höflich.

Am Wochenende sei er gern mit der Familie in die Sächsische Schweiz zum Wandern gefahren. „Ein unauffälliger Mensch, sehr ruhig, immer gut gekleidet, der hat sich jedes Wort überlegt“, beschreibt ihn der Dresdner Schweißer Bernd Naumann, der Putin damals zufällig kennenlernte, ohne dessen KGB-Funktion erahnt zu haben. Und: „Ich habe ihn nie richtig lachen sehen, nur lächeln.“

Schmaler und blasser Mann

Angeblich hat Putin damals ein Gehalt von 1800 DDR-Mark und 100 Dollar Zulage pro Monat erhalten – für realsozialistische Verhältnisse ein stattliches Auskommen. „Man muss sich natürlich vor Augen halten: Wladimir Putin war zu dieser Zeit völlig unbekannt. Ein schmaler, blasser und unscheinbarer Mensch“, sagt Konrad Felber.

Nach eigenen biografischen Angaben war Putin Augenzeuge, als Demonstranten am 5. Dezember 1989 die MfS-Bezirksverwaltung an der Bautzner Straße besetzten. Als ein Teil der Gruppe zur benachbarten KGB-Filiale in der Villa Angelikastraße 4 weiterzog, hat er demnach die Menschen vor dem Gebäude beruhigt und sich dabei als Dolmetscher statt als KGB-Offizier ausgegeben.

Hat Putin Demonstranten mit der Pistole bedroht?

In seiner Biografie, erschienen im Jahr 2000, schildert Putin zudem, telefonisch Unterstützung von einer sowjetischen Militärbasis angefordert zu haben, die nach Stunden eintraf und die Versammlung auflöste. Es gibt jedoch auch die von Augenzeugen verbreitete Version, Putin habe allein mit einer Pistole bewaffnet den Demonstranten gedroht, er habe Befehl, auf jeden Eindringling zu schießen.

Wladimir Putin 2006 bei einem Staatsbesuch in Dresden. 16 Jahre zuvor wirkte er hier als KGB-Offizier. © picture alliance/dpa

Nach Angaben der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes soll Wladimir Putin 1990 erfolglos versucht haben, ehemalige Stasi-Mitarbeiter für einen Spionagering anzuwerben. Da einer von ihnen zum Verfassungsschutz überlief, sei der Ring aufgeflogen. Anfang 1990 ging Putin schließlich mit seiner Familie zurück in die russische Heimat. Nach der Zeit beim Geheimdienst schlug er eine politische Karriere ein – er brachte es vom Vizebürgermeister in seiner Heimatstadt Sankt Petersburg bis zum Staatspräsidenten.

Wladimir Putin wird am 21. November 1987 mit der Ehrennadel der Gesellschaft für deutsche-sowjetische Freundschaft. Im Hintergrund Generalmajor Horst Böhm, Chef der Dresdner Stasi. © BStU

Vergangenes Jahr hat sich der 69-jährige Wladimir Putin die Option geben lassen, bis 2036 Amt bleiben zu können. Ob das realistisch ist, wird vermutlich der Ausgang des Ukraine-Kriegs zeigen. Klar dürfte sein: So lange Putin an der Macht ist, wird unter seiner Führung verschleiert, abgestritten und zurechtgebogen. Wie er es einst im KGB lernte (mit dpa)

Vorderseite des Stasi-Ausweises von Wladimir Putin. Auf der Rückseite (nicht zu sehen) ist die Unterschrift Putins vermerkt. © BStU

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