Zahnarzt Robert Wellings will impfen, darf aber nicht.
Coronavirus

Zahnarzt Robert Wellings darf nicht impfen – „Es ist ein Witz“

Robert Wellings ist Arzt, darf aber nicht gegen Corona impfen. Er ist Zahnarzt. Wäre er Augenarzt oder Gynäkologe – kein Problem. „Es ist ein Witz“, sagt der Dortmunder. Lustig ist es nicht.

Hausärzte sind überlaufen, impfen sogar an den Adventssamstagen. Booster-Termine gibt es oft nur noch im nächsten Jahr. Städte in ganz NRW errichten Impfstellen, reaktivieren wie Bochum ganze Impfzentren. Es mutet einfach absurd an: Da wird jede Hand benötigt, um Menschen gegen Corona zu impfen, doch die 97.372 Zahnärzte und Zahnärztinnen in Deutschland dürfen es nicht.

„Es ist ein Witz“, sagt der Dortmunder Robert Wellings (61). Er ist Zahnarzt, seit 25 Jahren in seiner Praxis in Wuppertal tätig. Anfang letzten Jahres, als die Impfzentren in Deutschland errichtet wurden, wollte der 61-Jährige dort helfen. Ehrenamtlich. Und bekam eine Absage. Denn: Zahnärzte in Deutschland dürfen nicht impfen – im Gegensatz zu anderen fachlich spezialisierten Ärzten wie Gynäkologen oder Augenärzten. So steht es im Infektionsschutzgesetz.

Darin finden sich allerdings in Paragraph 20, Absatz 4 diese beiden Sätze: „Zur Durchführung von Schutzimpfungen ist jeder Arzt berechtigt. Fachärzte dürfen Schutzimpfungen unabhängig von den Grenzen der Ausübung ihrer fachärztlichen Tätigkeit durchführen.“ Ist aber nicht auch ein Zahnarzt ein Facharzt?

Auf unsere Anfrage hin antwortet das NRW-Gesundheitsministerium mit „Nein“. Bei Hautärzten, Gynäkologen, Urologen und anderen handle es sich um „fachärztliche Weiterbildungsbezeichnungen, diese dürfen als approbierte Ärztinnen und Ärzte ebenfalls Schutzimpfungen durchführen.“ Zahnärzte nicht. Obwohl sie auch ein Staatsexamen besitzen.

„Zahnärzte studieren die gleichen Fächer“

Für Robert Wellings ist das nicht nachvollziehbar. „Zahnärzte studieren bis zum Physikum genau die gleichen Fächer wie Humanmediziner“, erklärt der Zahnarzt. Auch später belegten sie etwa mit Innerer Medizin oder Dermatologie die gleichen Fächer, absolvieren das Staatsexamen in Biochemie, Pharmakologie und Mikro-Biologie – „bei den gleichen Professoren wie die anderen Mediziner“, sagt Wellings. „Im Alltag setze ich Spritzen in sensiblen Bereichen, bis zu 20 am Tag, darf Medikamente jeglicher Art verschreiben und erhebe für jeden Patienten umfangreiche Anamnesen.“ Komplizierteste Kieferoperationen, die Behandlung multimorbider Patienten – alles ist erlaubt. Impfen aber darf er nicht.

Angesichts des steigenden Impfdrucks stößt dies vielerorts auf Unverständnis – nicht nur bei den Zahnärzten selbst. Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat bereits mehrfach – und erst am Dienstag wieder – gefordert, dass Zahnärzte in NRW am Impfgeschehen beteiligt werden sollten. Und auch Apotheker. NRW-Familienminister Joachim Stamp brachte am Mittwoch (24.11.) sogar Hebammen und Tierärzte ins Gespräch, die ebenfalls impfen sollten.

Christel Bienstein, die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, hatte Ende vergangener Woche angeregt, auch Pflegekräfte impfen zu lassen. Vor allem im ambulanten Bereich könne das etwa bei den Booster-Impfungen für eine enorme Entlastung sorgen, aber auch in den Alten- und Pflegeheimen, so Bienstein.

Zahnärztekammer bietet Unterstützung an

Absurd wird das Ganze vor allem am Beispiel der Zahnärzte. Welche Argumente gibt es dagegen? Diese Frage haben wir nicht nur dem NRW-Gesundheitsministerium gestellt, sondern auch den Kassenärztlichen Vereinigungen Westfalen Lippe und Nordrhein. Eine konkrete Antwort gab es nicht. „Bei den Zahnärzten ist die KVWL nicht der richtige Ansprechpartner“, hieß es lediglich aus Westfalen-Lippe.

Dagegen erklärt die Zahnärztekammer Westfalen-Lippe: „Dass Zahnärzte derzeit keine Corona-Impfungen durchführen dürfen, hat rechtliche Gründe.“ Bereits zum Start der Impfkampagne im vergangenen Jahr hätten jedoch beide Zahnärztekammern (Westfalen-Lippe und Nordrhein) die Unterstützung der Zahnärzteschaft gegenüber der Politik deutlich gemacht.

Auch die Bundeszahnärztekammer wiederholt regelmäßig und erst vor wenigen Tagen wieder die Bereitschaft zur Unterstützung: „Die Kolleginnen und Kollegen haben große medizinische Expertise, setzen jeden Tag in ihren Praxen Spritzen und genießen das Vertrauen ihrer Patientinnen und Patienten.“

Wieler: Jeder Mann, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen

Lothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, hatte in den vergangenen Tagen eindringlich dazu gemahnt, in der aktuellen Situation pragmatisch und auch mal unkonventionell zu handeln, da man sich in einer akuten Notlage befinde. Wieler: „Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.“

Geht es bloß ums Geld?

Warum kann angesichts einer solchen Pandemie die rechtliche Grundlage nicht verändert werden, um Zahnärzten Corona-Impfungen zu ermöglichen? „Es geht wahrscheinlich um Eitelkeiten – und ums Geld“, sagt der Dortmunder Robert Wellings. An Kompetenz mangele es ihm und seinen Kollegen jedenfalls nicht. Und sicher auch nicht an Engagement. „Ich würde auch weiterhin auf ein Honorar verzichten, um im Kampf gegen die Pandemie zu helfen“, sagt der 61-jährige Zahnarzt.

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Wiebke Karla
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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