Großer Förderer der Schalker Esports-Abteilung: Alexander Jobst kaufte die Lizenz für acht Millionen Euro, die heute 30 Millionen Euro wert sein soll. Ende Juni hört Jobst beim FC Schalke 04 auf. © dpa

Das Millionen-Spiel: Vom „Stiefkind“ zum Schalker Rettungsanker

Ein mit Skepsis beäugtes Mitglied der Schalker Vereinsfamilie wird wichtig und wertvoll: Die Esports-Lizenz kann das Geld in die Kasse spülen, das bei Transfers wohl nicht zu verdienen ist.

Der Boss spürte, dass die bis dahin gute Stimmung zu kippen drohte. Als sich der Beifall über einen zu ehrenden Schalker Esports-Spieler bei der Mitgliederversammlung in Grenzen hielt, griff Clemens Tönnies zum Mikrofon: „Freunde, ich konnte ja lange auch nichts damit anfangen – bis mir der Alex gesagt hat, dass man damit richtig Geld verdienen kann.“

Jobst als großer Förderer

„Der Alex“ heißt mit vollem Namen Alexander Jobst, ist Marketing-Vorstand beim FC Schalke 04 und integrierte in dieser Eigenschaft ein Mitglied in die Schalker Vereinsfamilie, das von Beginn an kritisch beäugt wurde, weil es nicht nur für Traditionalisten so irgendwie gar nicht zum Kumpel- und Malocher-Klub passt: Esports. Vereinfacht und zusammengefasst: Computer-Spiele – allerdings auf ganz hohem internationalen Niveau.

Ausgerechnet das emotionale „Stiefkind“ des Vereins könnte nun zum finanziellen Rettungsanker der Königsblauen mutieren: Was sowohl Jobst als auch die neue Finanzchefin Christina Rühl-Hamers bereits angekündigt hatten, steht offenbar vor der Realisierung: Schalke plant den Verkauf der Esports-Lizenz, die Jobst vor Jahren für acht Millionen Euro erworben hatte. Ein Investor sei bereit, dafür 30 Millionen Euro an Schalke zu zahlen.

Wert kann noch steigen

Klingt wie ein gutes Geschäft, aber wie beinahe alles im Leben hat auch diese Medaille zwei Seiten: Denn Esports ist ein absoluter Wachstumsmarkt, das Ende der Fahnenstange scheint noch längst nicht erreicht. Der Wert der Schalker Lizenz könnte also noch deutlich steigen – ein Verkauf wäre daher so, als würde man sich von einer Aktie trennen, die nach Einschätzung von Branchen-Experten gerade erst zum Höhenflug angesetzt hat.

Schalke hat bei dem Millionen-Spiel aber möglicherweise gar keine andere Wahl: Am Montag in einer Woche ist Trainingsauftakt, und Stand heute wird Trainer Dimitrios Grammozis dabei auch zahlreiche Spieler begrüßen können, die der künftige Zweitligist ganz gerne von der Gehaltsliste gestrichen hätte – auch Sebastian Rudy, zuletzt ausgeliehen an die TSG 1899 Hoffenheim, hat pflichtgemäß eine Einladung zum Training bekommen. Er wird auf der Matte stehen wie andere „Promis“ auch, von denen nahezu ausgeschlossen ist, dass sie in der Zweiten Liga für Schalke am Ball sein werden.

Gerüchte um Amine Harit

Zwar gibt es mittlerweile erste Gerüchte um an Schalker Spielern interessierte Klubs: Matija Nastasic soll auf dem Einkaufszettel des FC Valencia stehen, und um Amine Harit sollen mit dem AC Mailand, SSC Neapel und dem FC Villarreal gleich drei Vereine buhlen. Ob das große Geld auf dem Transfermarkt aber noch so locker sitzt wie vor Corona, wird in der Branche zumindest stark bezweifelt.

Zumal die Schalker Druck-Situation, dass Spieler verkauft werden müssen, nicht unbedingt für eine komfortable Ausgangsposition bei möglichen Verhandlungen sorgt. Schalke muss von den hohen Kosten runter – da ist im Zweifel der Spatz in der Hand wertvoller als die Taube auf dem Dach. Soll heißen: Der Traum von einer stattlichen Ablöse steht erst einmal an zweiter Stelle.

Zeitspiel bis Ende Juni

Wichtiger könnte sein, dass der Spieler finanziell nicht mehr zur Belastung wird – so kommt es zu der realistischen Vermutung, Schalke würde Mark Uth ohne Ablösesumme zum 1. FC Köln ziehen lassen.

Der Verkauf der Esports-Lizenz wird auch zum Zeitspiel. Die Entscheidung, so Schalkes Chief Gaming Officer Tim Reichert zur Deutschen Presse-Agentur (dpa), soll in den nächsten zwei Wochen fallen. Bis Ende Juni also – dann hört Alexander Jobst beim FC Schalke 04 auf. Die Esports-Abteilung verliert dann auch ihren größten Förderer.

Über den Autor
freier Mitarbeiter