Schalkes Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann: Gegen Köln drohte Sprachlosigkeit. © imago
Schalke 04

Ein Jahr im Geister-Modus: Wenn einem Sprecher Sprachlosigkeit droht

Am 7. März 2020 spielte Schalke 04 letztmals vor vollem Haus (1:1 gegen Hoffenheim). Ohne Publikum folgte der Absturz. Interview mit Kult-Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann.

Ein Jahr lang kein Publikum auf Schalke – Ihre 04 Eindrücke?Dirk Oberschulte-Beckmann: „Beschissene Atmosphäre. Unwirklich. Beängstigend. Keine Interaktion mit den Fans.“

Obwohl keine Zuschauer im Stadion sind, wird das Programm zum Teil konsequent durchgezogen. Ist das eine Entscheidung des Vereins oder verlangt die DFL da eine Einheitlichkeit?

„Nicht dass ich wüsste. Wir haben uns gemeinsam mit der Stadionregie am Anfang natürlich schon gefragt, ob das alles überhaupt Sinn macht. Ich war da erst sehr skeptisch. Aber es war auch Wunsch der Sportlichen Leitung, dass zum Beispiel die Spieler eine Atmosphäre vorfinden sollen wie bei einem Spiel mit Zuschauern. Dazu gehört, dass wir das Vereinslied und das Steigerlied spielen und die Schalker Mannschaftsaufstellung im Prinzip genau so vorlesen, als seien Zuschauer da.“

Sie sind als Arena-Sprecher eine Institution, gleichzeitig sind Sie auch Schalke-Fan. Im Prinzip der einzige, der im Stadion live dabei ist. Müssen Sie sich da nicht manchmal auf die Zunge beißen angesichts der tristen Leistungen der Mannschaft?

„Also Spaß macht das derzeit wirklich nicht. Denn zu der beklemmenden Atmosphäre kommen ja auch die sportlichen Leistungen. Aber meine privaten Befindlichkeiten dürfen da keine Rolle spielen. Ich muss dann halt funktionieren. Auch bei Tiefschlägen wie gegen Köln, als am Ende die Sprachlosigkeit drohte. Denn es sind zwar keine Zuschauer im Stadion – bis auf die 300, die gegen Union Berlin da waren – aber durch die Live-Übertragungen ins Fernsehen wird das, was ich sage, ja auch in die Wohnzimmer übertragen. Das habe ich anfangs sicherlich unterschätzt. Nach den Spielen, das muss ich zugeben, schlägt mir die aktuelle Situation schon sehr aufs Gemüt. So ein Spiel wie in Stuttgart stecke ich nicht so einfach weg, da bin ich im Prinzip zwei Tage krank.“

Haben Sie schon mal die Augen geschlossen und sich vorgestellt, wie Sie die Fans am Tag X bei ihrer Rückkehr ins Stadion begrüßen?

„Nein, weil wir ganz einfach noch nicht soweit sind. Wir müssen jetzt schauen, wie sich die Saison entwickelt – ich freue mich aber in jedem Szenario darauf, endlich wieder live zu den Fans sprechen zu dürfen.“

Kaum jemand war in den letzten 26 Jahren – so lange sind Sie Stadionsprecher auf Schalke – im wahrsten Sinne des Wortes näher dran in der Rolle zwischen Fans und Mannschaft: Wäre Schalke auch mit Fans im Stadion so abgestürzt?

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mannschaft dann deutlich besser gespielt hätte. Am Anfang der Geisterspiele dachte ich: Naja, es trifft ja alle gleich, es sind abgesehen von zwischenzeitlichen Ausnahmen ja nirgendwo Zuschauer zugelassen. Aber das war ein Irrtum. Es soll überhaupt nicht despektierlich gegenüber den Bayern-Fans klingen und ist auch nicht so gemeint: Aber ich glaube, die Bayern kommen ohne Fans besser klar als Schalke. Hier fehlt einfach was. Ich würde das Publikum mal als Motor beschreiben, der dafür sorgt, dass die Bude überhaupt rockt. Oder dass der Kessel dampft. Eine volle Arena war auf Schalke doch fast schon eine Selbstverständlichkeit. Jetzt, wo die Tribünen und Fan-Kurven leer sind, weiß man das vielleicht erst wieder einmal richtig zu schätzen. Aber das gilt ja für alle Bereiche des Lebens, die durch Corona eingeschränkt sind.“

Der 4:0-Sieg gegen Hoffenheim bleibt aus Schalker Sicht als einziger positiver Höhepunkt des Geister-Jahres hängen. Wer hatte die Idee, nach dem „Dreierpack“ des Kaliforniers Matthew Hoppe das Lied „California Dreaming“ zu spielen?

„Die Idee kam von mir, ich war ja früher mal DJ. Entschieden haben wir es mit der Stadionregie gemeinsam. Eine schöne Geschichte. Matthew hat’s auch gefallen. Und wir kamen damit sogar ins amerikanische Fernsehen. Es war also nicht alles schlecht…“

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