Kandidat für Schalker Aufsichtsrat: „Machen, nicht nur meckern“

Viele Schalke-Fans verdrückten eine Träne, als der Abstieg feststand. Wirtschaftsprüfer Holger Brauner aus Marl war schon vorher zum Weinen zumute - als er den Geschäftsbericht las.
Kandidiert am 13. Juni 2021 für den Schalker Aufsichtsrat: Wirtschaftsprüfer Holger Brauner, seit knapp 20 Jahren Mitglied im Marler S04-Fan-Club "Der Mythos lebt". © Jochen Sänger

Sportlich ist Schalkes Schicksal besiegelt. Umso mehr fiebern die Fans der Mitgliederversammlung des Traditionsvereins am 13. Juni entgegen, bei der fünf neue Aufsichtsräte gewählt werden. Mit dabei ist Holger Brauner. Der 49-jährige Kandidat, der als Wirtschaftsprüfer im Großkundengeschäft tätig ist, gehört seit fast zwei Jahrzehnten dem Polsumer Schalke-Fan-Club „Der Mythos lebt“ an. Wir haben mit ihm gesprochen.

Schalke bricht in dieser Saison alle Negativrekorde. Trotzdem kandidieren Sie für den Aufsichtsrat. Warum tun Sie sich das an?

Brauner: Nicht trotz, sondern wegen der prekären Situation. Meiner Einschätzung nach neigt ein Großteil der Menschen dazu, nur noch zu „meckern“, aber nichts zu machen. Die wenigsten sind bereit, sich zu engagieren, Zeit zu investieren und Verantwortung zu übernehmen. Der FC Schalke 04 liegt uns allen am Herzen und ist enorm wichtig für unsere Region und meine Heimatstadt.

Das Gremium ist in den vergangenen Monaten aus unterschiedlichen Gründen in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Trauen Sie sich von außen eine Bewertung der Arbeit des amtierenden Aufsichtsrates zu?

Das ist nur bedingt möglich. Wenn ich seriös und fair urteilen möchte, dann muss ich die Unternehmensprozesse und Steuerungsmechanismen kennen, die einer Entscheidung vorausgegangen sind.

Viele fragen sich, wie schlimm es in wirtschaftlicher Hinsicht um Schalke steht. Wie ist Ihr Eindruck?

Von meinen Kumpeln habe viele eine Träne verdrückt, als mit der Niederlage in Bielefeld der Abstieg endgültig feststand. Mir war zum Weinen zumute, als ich den Geschäftsbericht gelesen habe, der im April veröffentlicht wurde. Der Verein muss laut Testat unter anderem dringend signifikante Transfererlöse, eine deutliche Senkung der Ausgaben für den Lizenzspielerbereich und den Abschluss neuer Marketingverträge realisieren, um bestandsgefährdende Risiken zu vermeiden.

Im Zusammenhang mit der finanziellen Situation wird mehr oder weniger offen über eine mögliche Ausgliederung der Profiabteilung gestritten. Welchen Standpunkt vertreten Sie?

Eine Diskussion über einen Rechtsformwechsel ist erst dann sinnvoll, wenn wir wissen, welche Optionen wir haben, sei es gesellschaftsrechtlich oder auch finanziell. Bei einem möglichen Rechtsformwechsel kommt es auch auf den richtigen Zeitpunkt an. Das Schlechteste wäre ein Notverkauf unter den aktuellen Rahmenbedingungen. Der e.V. muss dabei auch kein vermeintlicher Wettbewerbsnachteil sein. Schalke kann auch als e.V. weiterhin eine sehr attraktive „Marke“ und ein verlässlicher Partner für Sponsoren und Geschäftspartner sein.

Welche Schwerpunkte werden Sie für den Fall Ihrer Wahl setzen?

Nach meiner Einschätzung existieren derzeit verschiedene Baustellen: Ich frage mich, ob die Vereinsstrukturen in der aktuellen Konstellation geeignet sind, wirtschaftlich und effektiv zu arbeiten. Die Stimmung rund um die Geschäftsstelle muss dringend besser werden, dabei müssen wir alle Mitarbeiter mitnehmen, vielleicht mit Hilfe einer anonymen Befragung. Wir müssen noch mehr in die Knappenschmiede investieren und ein Ausbildungsverein werden. Wir brauchen in sportlicher Hinsicht ein System, an dem sich zum Beispiel wie in anderen Klubs mittelfristig die Transferpolitik ausrichtet. Vor allem muss die Außendarstellung besser werden. Die Leute sollen wieder stolz auf Schalke sein können.

2012 sind Sie schon einmal angetreten und vom Wahlausschuss zugelassen worden. Wieso hat es damals nicht geklappt?

Ich wusste schon beim Verlassen des Rednerpults, dass es nicht reichen würde. Ich habe versucht, mich über meine Kompetenz als Wirtschaftsprüfer zu profilieren. Das war in dem Kontext zu nüchtern, zu wenig emotional.

Wissen Sie schon, unter welchen Bedingungen Sie sich den Mitgliedern bei der Online-Versammlung am 13. Juni vorstellen dürfen?

Einzelheiten sind mir bisher nicht bekannt. Klar ist bisher nur, dass es eine rein virtuelle Veranstaltung wird. Zur Umsetzung habe ich einige Fragen, zum Beispiel im Hinblick auf die Technik und das Wahlverfahren. Aber ich frage mich auch, wie das zeitlich geht. Wenn bei einer normalen Mitgliederversammlung sich schon 30 Leute bei der Aussprache zu Wort melden, dürften es online deutlich mehr sein.

Angenommen, es geht wieder schief: Werden Sie noch ein drittes Mal zur Wahl antreten?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich kandidiere nicht für mich selbst. Wenn Schalke den richtigen Weg einschlägt und wir wieder alle gern ins Stadion gehen, dann bin ich glücklich, auch wenn ich nicht gewählt werden sollte.