Abmarsch: Christian Gross blieb nur 63 Tage Trainer des FC Schalke 04. © dpa
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Schalke 04 und das große Beben: Fünf auf einen Streich

Schalke 04 entlässt nach der 1:5-Pleite in Stuttgart die sportliche Führung und rundet ein Wochenende zum Fremdschämen ab. Peter Knäbel ist vorerst der Schneider-Nachfolger.

Es muss irgendwann in den leeren Stunden zwischen Sportschau und Sportstudio gewesen sein, als ein Schalke-Fan seinen Gefühlen am Samstagabend via Twitter freien Lauf ließ: „Das Schlimmste ist, dass man sich das ganze Elend wegen Corona derzeit nicht mal mit seinen Kumpels in der Stammkneipe schönsaufen kann.“

Nun ist die Art und Weise der königsblauen Krisenbewältigung jedem Schalker selbst überlassen, am Wochenende dürfte der eine oder andere damit überfordert gewesen sein. Denn rund ums Spiel in Stuttgart präsentierte sich der Verein zum Fremdschämen – und die 1:5 (1:3)-Niederlage beim VfB Stuttgart war dabei nicht mal das Schlimmste.

Halbherziges Dementi

In der Nacht von Freitag auf Samstag läuteten „Sky“ und „Sport1“ das desaströse S04-Wochenende mit Meldungen von einer Spieler-Revolte ein. Schalker Führungsspieler hätten Sportvorstand Jochen Schneider um die sofortige Ablösung von Christian Gross gebeten. Der Trainer würde ständig Spielernamen vertauschen und habe erhebliche taktische Mängel. Schneider, der Gross erst Ende 2020 als vierten S04-Trainer in dieser Saison verpflichtet hatte, habe abgelehnt.

Das Thema verbreitete sich in Windeseile in ganz Fußball-Deutschland. Mit Shkodran Mustafi, Klaas-Jan Huntelaar und Sead Kolasinac waren in der Zwischenzeit auch die Namen der drei vermeintlichen „Rebellen“ auf dem Markt.

Schalkes Reaktion auf diese Pulverfass-Geschichte war ein recht halbherziges Dementi und ein TV-Interview von Sascha Riether – dabei wäre das Kommentieren einer Geschichte mit einer solchen Sprengkraft Chefsache gewesen – also die von Schneider. Aber er sah Teammanager Riether in Stuttgart von der Tribüne aus zu.

Christian Gross biss sich derweil tapfer auf die Zunge, um bloß keinen Spieler öffentlich ans Messer zu liefern. Die Enttäuschung war dem stets um Optimismus bemühten Gross allerdings anzusehen. Wenn ein Spieler einen Kritikpunkt hätte, könne er doch mit ihm darüber reden. Aber auf ihn sei niemand zugekommen.

„Situation ist eindeutig“

Das 1:5 passte dann ins Bild dieser Saison: Drei Gegentore nach Eckbällen (zweimal direkt, einmal im Anschluss), ein fast schon fahrlässig verschossener Elfmeter durch Nabil Bentaleb beim Stand von 3:1, dann noch etwas Gegenwehr und schließlich der Total-Einbruch. In zehn Liga-Spielen mit Schalke hat Gross fünf Punkte geholt – da war es auch losgelöst von irgendwelchen Revolten klar, dass nun auch sein Stuhl wackeln würde.

Am Sonntag war dann auch Gross Geschichte auf Schalke. In einer nächtlichen Telefonkonferenz hatte Schalkes Aufsichtsrat Tabula rasa gemacht. Fünf auf einen Streich – vom großen Beben sind Jochen Schneider, Christian Gross, Sascha Riether, Fitness-Trainer Werner Leuthard und Co-Trainer Rainer Widmayer betroffen. Die komplette sportliche Führung wurde also mit einem Schlag entlassen – das hat auch für Schalke eine selten große Dimension.

Büskens zurückhaltend

„Wir brauchen nicht Drumherum zu reden: Die sportliche Situation ist eindeutig, deshalb müssen wir bei jeder noch zu treffenden Personalentscheidung auch über die Saison hinausdenken“, begründet Aufsichtsratschef Dr. Jens Buchta den Kahlschlag. Nachfolger Schneiders als Sportchef ist vorerst Knappenschmieden-Leiter Peter Knäbel, Gerald Asamoah ist nun Team-Manager. Wunschlösung als Interimstrainer bis zum Saisonende ist wohl Mike Büskens, aber er soll diesem Plan noch sehr zurückhaltend gegenüber stehen.

Wer will es ihm verdenken? Es fehlt derzeit schließlich an Gelegenheiten, dem bunten Treiben auf Schalke irgendetwas Positives abzugewinnen. Wie und wo auch immer.

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