Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis: Die Saison in Würde zu Ende bringen - in Freiburg war davon nichts zu sehen. © dpa
Schalke 04

Tränen in Grenzen: Wenn der Abstieg zu einer Frage der Würde wird

Verliert Schalke am Dienstag in Bielefeld, ist der Abstieg auch rechnerisch besiegelt. Es wäre die Konsequenz einer „Selbst-Demontage auf Raten“ - eine Stimme aus der Basis.

Tote Hose im „Fliegenpils“. Die Gastronomie ist fest im Würgegriff von Corona, also bleiben die großen Bildschirme in der Sportsbar mitten in Gelsenkirchen-Buer auch heute Abend dunkel. Eigentlich würden S04-Fans hier mitzittern, mitfiebern, jubeln, trauern, schimpfen, was auch immer gerade angebracht wäre. Gastwirt Peter Wendt zeigt im Normalfall alle Spiele live, und natürlich wäre er auch am Dienstag auf Sendung, wo sich doch das entscheiden kann, was sich seit längerem andeutet: Verliert Schalke 04 das Spiel bei Arminia Bielefeld (Anstoß 20.30 Uhr/Sky), sind die Königsblauen abgestiegen. Bei einem Unentschieden würde die theoretische, aber eher aussichtslose Hoffnung auch über den kommenden Spieltag hinausgehen – die Partie gegen Hertha BSC wurde wegen der Corona-Fälle der Berliner verlegt.

Wann auch immer: Es wäre Schalkes vierter Abstieg der Vereinsgeschichte. Das ist normalerweise der Stoff, aus dem die Tränen sind. Aber gilt das überhaupt noch in der Form, wie es Fußball-Deutschland offenbar erwartet?

„Ein bisschen Tragik braucht der Schalker“

Ja und Nein – glaubt Peter Wendt. Er hat das Ohr stets an der Basis, ist als Schalke-Mitglied selbst mittendrin statt nur dabei. Bei den Mitgliederversammlungen marschiert er stets tapfer „in die Bütt“, um mit den Großkopferten abzurechnen. Seine verbalen Scharmützel mit Clemens Tönnies gehörten lange zu den wenigen spontanen Höhepunkten der gut organisierten und durchgetakteten Veranstaltungen. „Es wird“, so Wendt, „im Falle des Abstiegs sicher Tränen geben. Ein bisschen Tragik braucht der Schalker schließlich. Aber das wird sich diesmal in Grenzen halten. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind: Das ist doch alles eine Selbst-Demontage auf Raten, und das hat sich doch alles schon längst abgezeichnet.“

Die Entfremdung, die laut Wendt zwischen vielen Fans und Verein stattgefunden hat, beschreibt er an einem Beispiel: „Schalke hatte mal 130 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Da hieß es, das sei wegen der Arena. Dann war die Arena abbezahlt – und auf einmal waren es 230 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Das versteht doch kein Mensch mehr. Und das sind auch alles Summen, die mit der Lebenswirklichkeit der Menschen doch gar nichts mehr zu tun haben.“

Grammozis‘ bittere Erfahrung

Mittendrin in diesem Schlamassel ist Dimitrios Grammozis. Zur Lebenswirklichkeit des S04-Trainers gehört, dass er die Saison mit einer auf allen Ebenen enttäuschenden Mannschaft nun irgendwie über die Bühne bringen muss. Da ist viel von Würde die Rede. Ein großes Wort, das Schalke in Freiburg nicht zu kennen schien. „Deutliche Worte“, so Grammozis, habe er an die Mannschaft gerichtet. Dieser Auftritt sei der Art und Weise, wie gespielt werden solle, nicht würdig gewesen. Für diese desolate Vorstellung habe es vorher keinerlei Anzeichen gegeben, so Grammozis. Eine Erfahrung, die vor ihm schon die Trainer David Wagner, Manuel Baum, Christian Gross und sogar Huub Stevens machen mussten.

Peter Wendt hat drei Abstiege miterlebt und sich damit abgefunden, dass es nun zum vierten Mal runter in die Zweite Liga geht. Wie wohl viele Fans wird es ihn wegen Schalke an sich traurig stimmen, nicht wegen der Mannschaft: „Denn Schalker bleibst du ja, egal in welcher Liga. Und die meisten Fans, die ich kenne, werden – wenn nichts Gravierendes dagegen spricht – auch in der Zweiten Liga ihre Dauerkarten behalten. Die ärgert im Moment am meisten, dass sie nicht mal live dabei sein können, wenn es mit ihrem Verein abwärts geht.“

„Schalker bleibst du ja“

Noch ist Schalke Erstligist. Vielleicht knipst Peter Wendt Lichter und Monitore im „Fliegenpils“ doch an, um sich das Spiel privat anzuschauen. In der Hoffnung, dass nicht auch bei Schalke „tote Hose“ ist. Wie so oft in dieser Saison.

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