Christina Rühl-Hamers: Baustopp am Berger Feld, aber keine Etatkürzungen für die Knappenschmiede. © dpa
Schalke 04

Wie Christina Rühl-Hamers Schalke durch die Krise navigieren will

Jahresverlust verdoppelt, Verbindlichkeiten weiter (zu) hoch: Schalkes Finanzvorständin steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Ihr Ansatz: „Nur Geld ausgeben, das wir haben!“

Der erste Eindruck ist ja oft der entscheidende, also stellt sich Christina Rühl-Hamers erst einmal etwas ausführlicher vor. Die Journalisten bei der Bilanz-Pressekonferenz erfahren so, dass Schalkes noch relativ neue Finanzvorständin in Haltern geboren, in ihrem jetzigen Wohnort Recklinghausen aufgewachsen ist, dort auch selbst Fußball gespielt hat und beruflich erste Berührungspunkte mit Schalke hatte, als Felix Magath drauf und dran war, die Königsblauen auf links zu drehen. Die bis dahin nette Plauderei wird jäh unterbrochen durch ihre erste deutliche Ansage, wie sie ihre Arbeit als S04-Finanzchefin definiert: „Wetten auf die Zukunft“, versichert Christina Rühl-Hamers, „wird es nicht mehr geben“.

Der Zwang der Zahlen

Wetten auf die Zukunft – so hatten es der mittlerweile beurlaubte Sportvorstand Jochen Schneider und Marketingvorstand Alexander Jobst bezeichnet, als sie auf einer großen Pressekonferenz im Sommer 2020 demütig zu erklären versuchten, warum Schalke den Gürtel werde enger schnallen müsse. Durch Corona und die extrem rasante sportliche Talfahrt sind die großen finanziellen Probleme nicht nur sichtbar geworden, sie haben sich potenziert. Und zwingen zum Betätigen der Notbremse.

„Wir werden nur noch das Geld ausgeben, das wir auch haben. Und nicht das, was wir beim Eintreten bestimmter Ereignisse in Zukunft haben könnten“, konkretisiert Rühl-Hamers, warum „Wetten, dass…“ auf Schalke spätestens ab jetzt Geschichte sein soll. Kaufmännische Vernunft sei das Gebot der Stunde, und mit jedem Satz wird klar, dass die Finanzvorständin nicht mit jeder Entscheidung ihres Ex-Chefs Peter Peters einverstanden gewesen sein kann. Schalkes langjähriger, Mitte 2020 zurückgetretener Finanzvorstand hatte zwar stets betont, der Verein würde „auf Sicht“ fahren – bevor Corona offenbarte, dass diese „Sicht“ nur bis zur nächsten Europapokal-Teilnahme ging.

52,6 Mio. Euro Jahresverlust

Schalke will, Schalke muss in Sachen Risikofreudigkeit zurückrudern, und zwar mit voller Kraft. Dazu zwingen alleine die Zahlen des Jahres 2020: Der FC Schalke 04 vermeldet einen Verlust in Höhe von 52,6 Millionen Euro (Vorjahr: 26 Mio. Euro). Der Umsatz sank von 275 Mio. Euro auf 175 Mio. Euro – es fehlen Zuschauer-Einnahmen wegen Corona, aber auch die Europapokal-Gelder, mit denen der Klub lange plante. Die Verbindlichkeiten stiegen von 198 Mio. Euro auf 217 Mio. Euro, davon 149 Mio. Euro Finanzverbindlichkeiten. Besonders von denen will Schalke runter, Rühl-Hamers strebt eine Zahl „unter 100 Millionen Euro“ an.

Besonders das durch eine Landesbürgschaft abgesicherte Betriebsmittel-Darlehen in Höhe von ca. 35 Mio. Euro, so Rühl-Hamers, würde der Verein nun „wie einen Rucksack“ mit sich herumschleppen: „Aber wir können das händeln.“ Für 2021 erwartet Rühl-Hamers einen Verlust im „niedrigen zweistelligen Millionen-Bereich“. In seiner Kalkulation geht der Verein zunächst einmal davon aus, dass wegen Corona bis Ende des Jahres keine Zuschauer in die Arena dürfen.

Der Verein wird Verzicht lernen müssen. Rühl-Hamers hat einen Baustopp für das Projekt „Berger Feld II“ verhängt – das erspart Schalke immerhin neue Verbindlichkeiten durch die Nicht-Inanspruchnahme bereits bewilligter Kredite in Höhe von ca. 50 Mio. Euro.

Noch keine Entlassungen geplant

Als zweite Säule im Sparkonzept erhofft sich der FC Schalke 04 finanzielle Entlastung durch ein Umtausch-bzw. Verlängerungsangebot an die Zeichner einer Anleihe, die im Sommer ausläuft. Damit Säule drei vielleicht noch stabiler werden kann: Die Knappenschmiede – ihr Etat soll als einziger nicht gekürzt, sondern im Idealfall noch erhöht werden.

Schalkes Gesamt-Belegschaft umfasst zurzeit ca. 600 Personen. Entlassungen wegen des Abstiegs sind fürs erste Zweitliga-Jahr offensichtlich nicht geplant. Aber je länger der Aufenthalt dort dauert, wo Schalke nie wieder hin wollte, desto mehr gerät diese üppige Vereinsstruktur ins Wanken. Wetten, dass…?

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