153 Tore in der Zweiten Liga: Simon Terodde hat am Sonntag den Uralt-Rekord von Dieter Schatzschneider eingestellt. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke-Kolumne

Wie sein Küchenschrank den Erfolg von Simon Terodde erklärt

Schalke-Stürmer Simon Terodde ist neuer Rekordtorjäger der Zweiten Liga. Die Ergründung eines Phänomens.

Der TV-Sender Sky hat ein Interviewformat namens „Meine Geschichte“ entwickelt. Im Titellied dafür schnöselt eine verzerrte Stimme „Jetzt sind wir also fame“, der Moderator fragt zuverlässig nach einiger Zeit seinen Gast nach dessen finanziellem Status. Dieser führt durch sein meist prunkvolles Zuhause oder zeigt seinen berühmtesten Namen im Telefonbuch.

MTV hatte früher so eine Sendung namens „Cribs“ mit Weltstars ins Leben gerufen, bei „Meine Geschichte“ treten Fußballer aus Deutschland auf – im Januar auch Simon Terodde. Doch der mittlerweile beste Torschütze der Zweiten Liga führte nicht durch begehbare Kleiderschränke oder Privatkinosäle, sondern zeigte stolz seinen Küchenschrank in einer spartanisch eingerichteten Wohnung.

Kaffeetassen aller Klubs, für die er gespielt hat

In diesem Schrank befanden sich Kaffeetassen all der Klubs, für die Terodde auf Torejagd gegangen war: Union Berlin, VfL Bochum, VfB Stuttgart, Köln und Hamburg. Er zeigte diese Tassen als besonderes Erinnerungsstück und erklärte, dass er immer aus der Tasse jenes Klubs trinke, der am Tag spielt – sofern er nicht selbst mit seinem aktuellen Arbeitgeber im Einsatz ist.

Diese Sequenz kündete von seiner fast schon rührenden Demut, präsentieren doch andere Fußballer ihre Tattoos von Ex-Klubs, gerahmte Trikots oder dicke Pokale. Und sie erklärte auch, warum Terodde zum besten Stürmer der Zweiten Liga wurde; ganz einfach, weil er seinen Job und seine Karriere in aller Bescheidenheit angeht.

Er lässt das Schwierige einfach aussehen

Die zweite Erklärung für seine 153 Tore liegt in seiner Spielweise. Meist scheint es, als drücke er den Ball nur über die Linie, während alle Beobachter ausrufen: „Den hätte ich auch gemacht.“ Doch Terodde bewegt sich vorher einfach so instinktiv gut, dass er richtig steht. Er antizipiert die Bälle, er lässt mit angetäuschten Laufwegen seine Gegenspieler stehen – kurz: Er lässt das Schwierige dann auf diese Art einfach aussehen.

Es ist im Strafraum wie bei der Taxisuche, wenn Massen aus einer Veranstaltung strömen. Im Pulk warten die meisten dort vergeblich, während Terodde sich wohl vorschleichen oder einfach ein paar Minuten eher gehen würde. Die anderen Besucher sehen ihn dann nur ins Taxi einsteigen und grummeln: „Der hat nur Glück, das hätte ich auch gekonnt.“ Konnten sie aber eben nicht.

Die dritte Erklärung lieferte Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis. Kürzlich blieb Terodde noch länger auf dem Trainingsplatz und schoss aufs leere Tor. Als der Coach fragte, was sein Stürmer denn da mache, antwortete dieser: „Ich finde dieses Geräusch, wenn der Ball ins Netz geht, einfach geil. Ich brauche das.“

Auch Ebbe Sand hatte dieses Mittelstürmer-Gen

Einer von Teroddes Vorgängern, Ebbe Sand, hat nach dem Training sogar noch alleine im Keller Billard gespielt. Einfach weil auch er dieses Gefühl so mochte, wenn die Kugeln in die Netze sanken – es ist das Mittelstürmer-Gen. Wo andere Menschen sich mit Walgesängen oder klassischer Musik beruhigen, reichen Stürmern wie Sand oder Terodde diese Sounds als Entspannungsklänge.

Wenn Sie also nach einem Weihnachtsgeschenk für Simon Terodde suchen, stellen Sie ihm doch einfach eine zweistündige CD mit Tornetzgeräuschen zusammen. Oder schenken Sie ihm eine Schalke-Kaffeetasse. Es würde ihm schon reichen für ein wundervolles Fest.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
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Ron Ulrich

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