Schalker Schüttelfrost nach Fiasko in München

Schalke 04

Schlimmer hätte der Bundesliga-Auftakt für Schalke 04 nicht verlaufen können. Nach dem 0:8 in München gerät Trainer David Wagner immer stärker in die Kritik.

Gelsenkirchen

, 20.09.2020, 18:11 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ist seine Uhr als Schalke-Trainer bald abgelaufen? Für David Wagner wird es eng.

Ist seine Uhr als Schalke-Trainer bald abgelaufen? Für David Wagner wird es eng. © dpa

Am Wochenende glühten die Drähte. Der neue Schalker Aufsichtsratsvorsitzende Jens Buchta hatte nach Informationen dieser Redaktion alle Hände voll zu tun, so manche seiner aufgebrachten Aufsichtsratsmitglieder am Telefon oder im persönlichen Gespräch zu beruhigen. Tenor der meisten Unterredungen soll gewesen sein: Mit Trainer David Wagner könne es nicht weitergehen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Noch ist das nicht Mehrheitsmeinung im Kontrollgremium, aber der Trend geht eindeutig in diese Richtung. Und damit wächst der Druck auf den Schalker Vorstand, der momentan weiterhin nur aus Alexander Jobst und Jochen Schneider besteht. Sie haben die Entscheidungshoheit, wobei die Einschätzung des Aufsichtsrates neben anderen Meinungsmachern sicherlich eine Rolle spielt.

Wagner hat sich durch seltsame Personalentscheidungen nicht zum ersten Mal angreifbar gemacht und Vertrauen verspielt. Dies wird auch Buchta, Augenzeuge des 0:8-Debakels in München und nach eigener Einschätzung kein Fußballexperte, aufgefallen sein.

Suat Serdar früh verletzt


Warum der in der Vorbereitung noch hochgelobte Can Bozdogan nicht einmal einen Platz im 20-Mann-Kader bekam, blieb ebenso rätselhaft wie die frühe Einwechslung von Alessandro Schöpf für den verletzten Suat Serdar, obwohl der Österreicher als Opfer der Corona-Pandemie weite Teile der Vorbereitung verpasst hatte. So spielte Schöpf übrigens dann auch...

Schon eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit gehört dazu, der eigenen Mannschaft Naivität vorzuwerfen, weil sie nach einem 0:4-Rückstand weiterhin versuchte, nach vorn zu spielen, aber dem unklugen Treiben bis zur 79. Minute tatenlos zuzusehen. Die Bayern führten zu diesem Zeitpunkt bereits mit 7:0, als Wagner den Geistesblitz hatte, endlich die Defensive zu verstärken. Verteidiger Timo Becker kam für den offensiven, aber in dieser Partie völlig wirkungslosen Mittelfeldspieler Amine Harit.

Dilemma ist selbstverschuldet

Es sind solche fatalen Entscheidungen, die das Vertrauen in die Arbeit des früheren „Eurofighters“ intern längst gegen Null tendieren lassen. Dass Wagner überhaupt noch Schalker Trainer ist, hat er wohl einerseits der prekären Finanzlage (sein Vertrag läuft noch bis zum 30. Juni 2022) und andererseits der Nibelungentreue von Sportvorstand Jochen Schneider zu verdanken. Andere Argumente sind bei bestem Willen nicht zu erkennen.

Der nun in einem selbst verschuldeten Dilemma steckt. Senkt Schneider bald den Daumen über Wagner, wäre er selbst beschädigt, weil er nach einer desaströsen Rückrunde zu lange mit dieser Personalentscheidung zögerte. Der 50-Jährige ging mit der eigenen Mannschaft zwar nach der peinlichen Leistung beim Deutschen Rekordmeister hart ins Gericht - „Der Auftritt in München war indiskutabel“ - doch die Wortwahl und die Konsequenzen, die Schneider forderte, hatte er fast wörtlich schon mehrfach in den vergangenen Monaten gebraucht.

Gleiche Wortwahl

Solch eine Leistung dürfe sich nicht wiederholen, er erwartete eine Reaktion und eine deutliche Leistungssteigerung von der Mannschaft. Alles schon gehört, doch passiert ist herzlich wenig. Dieselbe Rhetorik ist also auch als Zeichen der Ratlosigkeit zu interpretieren.

Ob das erste Schalker Heimspiel gegen Bremen am nächsten Samstag vor Zuschauern stattfinden kann, ist seit dem Wochenende mehr als fraglich. Die Stadt Gelsenkirchen bereitet sich auf eine lokale Corona-Bremse vor, weil der sogenannte Inzidenz-Wert auf 44,1 angestiegen ist. Wenn der Wert auf über 50 anwächst, sind weitreichende Einschränkungen, die das gesamte öffentliche Leben und damit auch Sportveranstaltungen betreffen, laut Gesetzeslage unumgänglich.

Trainer David Wagner empfahl nach der Lehrstunde in München, sich zu schütteln und mit einer guten Trainingswoche im Heimspiel gegen Bremen eine bessere Leistung zu zeigen. Ob das reicht? 17 Bundesligaspiele in Folge ohne Sieg sind eine schwere Hypothek, die auch psychologisch ihre Wirkung zeigen dürfte. Dass viele Schalker Fans mittlerweile eher Schüttelfrost bekommen, wenn sie die Leistungen der eigenen Mannschaft verfolgen, ist jedoch nur ein böses Gerücht.

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