„Laptop-Trainer“ wurde Domenico Tedesco etwas abschätzig genannt. Doch auch der neue Schalke-Chefcoach David Wagner setzt auf ganz viel Technik. Und jeden Morgen müssen seine Profis bluten.

Mittersill

, 30.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Für Schalkes Profis beginnt jeder Tag mit einem kleinen Schmerz: Ein Pieks in den Finger oder ins Ohr, ein kleiner Tropfen Blut, der auf ein Messstäbchen kommt und in ein Messgerät gesteckt wird. Diabetiker kennen das.

Der Sinn auf Schalke besteht aber nicht darin, den Zuckergehalt im Blut der Profis zu messen – es geht um andere Werte. Letztendlich geht es darum, das Training optimal zu gestalten – und die Spieler, so gut es geht, fit für die neue Saison zu machen.

Daten, die in Echtzeit übermittelt werden

Schon David Wagners Vorgänger Domenico Tedesco hatte den Ruf, ein „Laptop-Trainer“ zu sein: Mehmet Scholl hatte diesen Begriff geprägt und sich ein wenig abfällig über eine Generation von Fußballtrainern geäußert, die bei ihrer Arbeit viel und gerne auf neue Technik setzen. Die Aussage hatte schon damals einen schalen „Früher-war-alles-besser“-Beigeschmack, und Scholl war dafür auch kritisiert worden.

Auch David Wagner setzt bei seiner Arbeit auf moderne Technik und die neuesten Erkenntnisse aus der Sportmedizin – und ja, ein Laptop steht auch neben dem Trainingsplatz. So tragen die Spieler beispielsweise Brustgurte, die Daten in Echtzeit an den Rechner übermitteln: So können die Trainer und Betreuer live mitverfolgen, wie die Werte für Atmung und Puls sind und sofort einschreiten, wenn bestimmte Zahlen über- oder unterschritten werden.

Das sagt der „CK-Wert“ über einen Spieler aus

Der regelmäßig Pieks in Finger oder Ohr wurde auf Schalke unter David Wagner eingeführt, erklärt Teammanager Sascha Riether. Gemessen wird zum einen der Laktat-Wert, der die Übersäuerung der Muskeln anzeigt und Rückschlüsse auf die Fitness des Spielers zulässt. Stand bislang der Laktattest in der Regel nur zu Beginn der Vorbereitung an, wird er nun täglich gemessen.

Zum anderen wird mit der Blutuntersuchung der „CK-Wert“ ermittelt. Creatinkinase (CK) ist ein Enzym, das in allen Muskelzellen des Körpers und im Gehirn vorkommt. Es sorgt dafür, dass bestimmte Energiespeicher in den Muskelzellen ausreichend zur Verfügung stehen.

Schalkes Fitness: Das ist eine Wissenschaft für sich

Neben althergebrachten Trainingsmethoden setzt David Wagner auch auf moderne Technik. © imago

Werden Muskelzellen durch Überlastung, bei Sauerstoffmangel oder beispielsweise bei einem Sturz beschädigt, tritt Creatinkinase in größerer Menge aus den betroffenen Zellen aus. Das Enzym ist dann im Blut vermehrt nachweisbar – auch dieser Wert lässt Rückschlüsse auf die Fitness der Schalker Spieler zu, die in der vergangenen Saison statistisch belegt zu den laufschwächsten der Liga gehörten.

„Diese Werte hat das Trainerteam jeden Morgen zur Verfügung und kann so individuell für jeden Spieler entscheiden, wie sehr er an dem Tag belastet werden kann“, sagt Riether. „Wenn der Wert zu hoch ist, ist die Verletzungsgefahr höher – der Trainer weiß Bescheid und kann das Training entsprechen dosieren.“


Darum ist die Belastungssteuerung so wichtig

Riether selbst hat noch das Training unter Felix Magath kennengelernt: „Früher hieß es, komm, mach‘ halt weiter – heute wird man lieber den einen oder anderen Tag aus dem Training herausgenommen.“ Belastungssteuerung nannte sich das schon unter Domenico Tedesco – eine Wissenschaft für sich...

Schalkes Spieler müssen sich also auch in Zukunft auf den kleinen Schmerz am Morgen einstellen. Wenn das der schlimmste Schmerz des Tages bleibt, ist es ja vielleicht gar nicht so schlimm. Und vielleicht hilft es ja sogar...

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