Ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit muss der „Retter“, 1979 aus der DDR geflüchtet, gehen. Norbert Neubaum blickt zurück auf einen Tag, der für viele S04-Fans kein Feiertag war.

Gelsenkirchen

, 03.10.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Begegnung auf der Treppe in den Katakomben des Parkstadions war kurz, ist mir aber bis heute im Gedächtnis geblieben, weil der kurze Dialog wohl alles aussagte über die Stimmungslage von Jörg Berger. Einige Journalisten hatten – wie damals üblich vor den turnusmäßigen Pressekonferenzen – gegen eine Auswahl von Schalker Funktionären Fußball gespielt, und Jörg Berger wollte wissen, wie es ausgegangen sei: „Unentschieden“, rief ich ihm voller Stolz zu in der Hoffnung, Schalkes Trainer würde das mit einem Lob goutieren, wo in der Schalker Auswahl doch immerhin Ex-Profis wie Manni Dubski standen. Aber Berger grantelte nur zurück: „Unentschieden? Sind immer scheiße...“

Ein Sturm des Protestes

Berger wusste, wovon er sprach. Die Saison war gerade acht Spieltage jung, Schalke hatte als Tabellenzwölfter vier Unentschieden geholt, war damit Liga-Spitze. Das war alles nicht zufriedenstellend, aber dass Berges Job in Gefahr war, damit war nicht zu rechnen. Nicht mal nach der 2:3-Niederlage in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen den VfL Bochum am 1. Oktober 1996. Aber Jörg Berger entlassen? Ihn, den die Fans als „Retter“ feierten, der Schalke 1993/94 als Nachfolger von Helmut Schulte vor dem nahenden Absturz in die Zweite Liga bewahrt und die Königsblauen 1996 nach 18 Jahren Europa-Abstinenz in den UEFA-Cup geführt hatte? So einen wirft man doch nach einem etwas holprigen Saisonstart nicht raus. Dachte nicht nur ich.


Aber tatsächlich war Berger bei unserer kurzen Begegnung auf der Treppe schon kein Schalke-Trainer mehr - vielleicht klingt mir seine wenig euphorische Bewertung unseres hart erkämpften Unentschiedens daher auch heute noch so in den Ohren. Es war schließlich unser letzter, wenn auch halboffizieller Wortwechsel - und man hat ja immerhin fast drei Jahre lang irgendwie zusammengearbeitet. Die Pressekonferenz danach war mehr als die übliche vor dem anstehenden Heimspiel gegen den Karlsruher SC. Auf ihr gab Schalkes Vorstand die Trennung von Berger bekannt, die für alle Beobachter völlig überraschend kam. Auch für die meisten S04-Fans, die mittlerweile aber Wind von der Sache bekommen hatten.

Hubert Neu: „Nie wieder...“


Und während Manager Rudi Assauer und der quasi als ausgleichendes Element zu Hilfe geholte Präsident Gerd Rehberg irgendwie zu erklären versuchten, warum Berger gehen musste, baute sich draußen vor der Geschäftsstelle schon ein erster Protest-Sturm zusammen. Es sollte ungemütlich werden, das war da schon vorauszusehen. Schalkes Fans waren mit dem Rauswurf des beliebten Jörg Berger überhaupt nicht einverstanden. Als Bergers Co-Trainer Hubert Neu das Spiel gegen den KSC (0:1) als Interims-Lösung endlich überstanden hatte, beendete er seine kurze Cheftrainer-Karriere sofort von sich aus: „Nie wieder...“ Schalkes Fans hatten während des gesamten Spiels gegen die Berger-Entlassung demonstriert, die Spieler mussten die Kabine anschließend unter Polizeischutz verlassen, weil sich im und rund ums Parkstadion eine wütende Menge zusammengefunden hatte, die Erklärungen wollte - von den Spielern.



Nicht für die Niederlage gegen Karlsruhe, sondern für die Entlassung von Berger. Die Mannschaft hatte dafür schließlich gesorgt, Assauer hatte letztlich nur das vollzogen, wofür die Spieler sich ausgesprochen hatten. Man habe sich, fasste Mike Büskens die Gemengelage zusammen, „auseinandergelebt - das sei wie manchmal in einer Ehe“. Es gab jede Menge Vorwürfe gegen Berger, teils sportlich begründet, teils skurril. Jens Lehmann soll sich beschwert haben, man trainiere zu wenig, andere Spieler hatten registriert, dass Berger mehr in der Sauna als auf dem Trainingsplatz gewesen sein soll, Bergers Eitelkeit wurde immer wieder mal thematisiert, und bei Spielersitzungen soll er schon mal die Spielernamen des Gegners verwechselt haben.



Mit Mannschaft „auseinandergelebt“

Bei den Fans aber hatte Berger einen Stein im Brett. Sie hatten seine Rettungs-Mission nicht vergessen und honorierten, dass er Schalke wieder nach Europa geführt hatte - den Europapokal kannten viele S04-Anhänger bis dahin nur aus dem Fernsehen. Die Stimmung - auch gegen Assauer - eskalierte. Weil die Öffentlichkeit die Trennung von Berger nicht verstand, ging Schalkes Mannschaft in die Offensive. Geschlossen trat sie in der Fußball-Sendung „ran“ auf, um dort ihre Beweggründe zu schildern.



Fast drei Jahre lang war Jörg Berger Trainer auf Schalke. Für ihn, der schon damals ein bewegtes Trainer-Leben hinter sich hatte und auch noch vor sich haben sollte, ein schon etwas längeres Kapitel, seine durchschnittliche Amtszeit als Trainer lag bei 1,38 Jahren. Und gemessen an heutigen Schalker Verhältnissen war das ebenfalls eine lange Zeit, in der Berger durchaus ein prägendes Element war. Mit Journalisten diskutierte er schon mal ganz gern noch auf dem Trainingsplatz das aus, was die so geschrieben hatten (vor allem dann, wenn es ihm nicht gefiel), bei der Anwesenheit von Pressevertretern während der Trainingseinheiten verschärfte er durchaus medienwirksam auch mal seinen ohnehin zackigen Ton, und natürlich war auch mir aufgefallen, dass seine Jacket-Auswahl während eines Hallen-Masters in München für die zwei Tage, für die Schalke ein Trainingslager in Spanien unterbrochen hatte, doch ungewöhnlich reichhaltig war.



Lieber „Sanierer“ als „Retter“

Doch am Ende empfand ich es schon als äußerst ungerecht und unschön, Jörg Berger auf seine Eitelkeit zu reduzieren. Berger kam zu einem Zeitpunkt, an dem Schalke das Schicksal drohte, wie in den 80-er Jahren wieder zu einer „Fahrstuhl-Mannschaft“ zu werden. Berger hatte ein Händchen dafür, völlig verunsicherten Mannschaften wieder Selbstvertrauen einzubläuen. Sein Job war der des Feuerwehr-Mannes, und Berger gefiel diese Rolle. Er schwadronierte nicht über „Perspektiven“, die er bräuchte, um eine Mannschaft zu übernehmen, er machte einfach, oft genug auch in scheinbar aussichtslosen Situationen, so wie auf Schalke, als er kam. Nur manchmal, im Vier-Augen-Gespräch, sinnierte er darüber, dass ihm der Begriff „Sanierer“ besser gefallen würde als der des „Retters“. Jörg Berger hat Schalke saniert - bis in den Europapokal.



Dass er in der Sportberichterstattung verlässlich „der Sachse“ genannt wurde, muss ihn ebenfalls gewurmt haben. Kurz vor seiner Beurlaubung auf Schalke kam er nach einer Pressekonferenz an einen Journalisten-Tisch und fragte für seine Verhältnisse beinahe schüchtern: „Warum schreibt Ihr eigentlich immer: Der Sachse? Ich bin doch gar keiner...“ Tatsächlich ist Berger im damaligen Gotenhafen in Ostpreußen geboren. Berger schob nach, warum er uns gefragt hatte: „Meine Mutter ist dann immer ganz traurig, wenn sie das liest.“ Ich hatte mir danach fest vorgenommen, nicht mehr vom „Sachsen“ zu schreiben. Aber viel Gelegenheit war ja nicht mehr. Ein paar Tage später wurde Jörg Berger entlassen. Am 3. Oktober 1996 - ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit.




Der Sachse, der keiner war



Mit Bergers Nachfolger Huub Stevens gewann Schalke 1997 den Europapokal. Dieser Erfolg war der Grundstein für die enorme Weiterentwicklung des Vereins, dokumentiert durch den Bau der Arena und die lange regelmäßigen Europapokal-Teilnahmen. Jörg Berger, der mit Schalke Stevens und Roda Kerkrade im direkten Duell in Runde eins übrigens ausgeschaltet hatte, hat daran einen großen Anteil.

Jörg Berger verstarb am 23. Juni 2010 in Duisburg im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

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