Stichtag: Als Schalke am 17. April 1971 seine Unschuld verlor

Schalke 04

Der Bundesliga-Skandal von 1971 war eines der schwärzesten Kapitel des deutschen Profifußballs. Den Auftakt machte das „Geldspiel“ vom 17. April 1971 zwischen Schalke und Bielefeld.

Gelsenkirchen

, 17.04.2020, 13:40 Uhr / Lesedauer: 2 min
Horst-Gregorio Canellas, Präsident der Offenbacher Kickers, brachte den Bundesligaskandal ins Rollen.

Horst-Gregorio Canellas, Präsident der Offenbacher Kickers, brachte den Bundesligaskandal ins Rollen. © dpa

Den 1:0-Erfolg hatten sich die abstiegsbedrohten Ostwestfalen zuvor mit 2300 Mark pro Schalker Spieler erkauft. Gerd Roggensack erzielte in der 82. Minute das Tor des Tages. Der Ex-Schalker Waldemar Slomiany betätigte sich als „Geldbriefträger“.


Doch diese Partie war nur die Spitze des Eisbergs. Am letzten Spieltag wurden bei der Partie zwischen Hertha BSC und Arminia Bielefeld (Endstand 0:1) eine Viertelmillion Mark Schmiergeld an die Hertha-Spieler gezahlt. Bielefeld rettete sich durch den Sieg vor dem Abstieg in die Regionalliga (die 2. Bundesliga gab es damals noch nicht). Insgesamt floss im Abstiegskampf über eine halbe Million Mark Bestechungsgeld.


Großer Imageschaden für die Bundesliga



Der Imageschaden für die Fußball-Bundesliga war immens: In der Spielzeit 1971/72 ging die Zuschauerzahl um 800.000 zurück, im Jahr darauf sogar um 1,3 Millionen. In Mammutprozessen verhängte der Verband gegen insgesamt 53 Profis, die Trainer Egon Piechaczek (Bielefeld) und Günther Brocker (Oberhausen) Sperren und Geldstrafen, Offenbach und Bielefeld bekamen die Lizenz entzogen.


Erst als Anwälte den Deutsche Fußball-Bund wegen seiner teilweise selbstgerechten Urteile vor zivile Gerichte zerrten, wich der Verband von seiner harten Linie ab, begnadigte zahlreiche „Sünder“ oder erteilte ihnen zumindest die Freigabe für das Ausland.

Meineid-Prozesse

Der Schlusspfiff in der Affäre ertönte allerdings erst Ende 1977 im Meineid-Prozess gegen Klaus Fichtel. Wie die meisten Schalker hatte auch der spätere Bundesliga-Rekordspieler über Jahre jegliche Beteiligung geleugnet und seine Unschuld vor einem Zivilgericht sogar unter Eid beschworen. Die Gegenbeweise jedoch machten aus dem nur knapp an Gefängnisstrafen vorbeigekommenen Schalker vorübergehend den „FC Meineid 04“. Zum Zeitpunkt von Fichtels Verhandlung gehörten seine zuvor verurteilten Klubkollegen Klaus Fischer und Rolf Rüssmann schon zur deutschen Nationalmannschaft.


Den Stein ins Rollen brachte Horst-Gregorio Canellas, damaliger Präsident von den Kickers aus Offenbach, die nach der Spielzeit 1970/1971 aus der Bundesliga absteigen mussten. Auf seiner Party zum 50. Geburtstag spielte er im Juni 1971 Tonbänder ab, in denen es um den „Verkauf“ von Bundesliga-Spielen ging. Ende Oktober traten die Bielefelder die Flucht nach vorne an und gestanden Bestechungen.


Angst vor Strafen

Gesperrt wurden auf Schalker Seite zunächst Hansi Pirkner, Jürgen Galbierz, Manfred Pohlschmidt und Jürgen Sobieray. Die übrigen Schalker Akteure bestritten vor einem ordentlichen Gericht unter Eid, Geld genommen zu haben. Getrieben hatte sie wohl die Angst vor drakonischen Strafen. So verkündeten die ersten Urteile des DFB gegen Profis von Hertha BSC und den MSV Duisburg lebenslange Sperren oder Spielverbote von zehn Jahren. Gut beraten waren die Königsblauen mit ihrer Vorgehensweise allerdings nicht.


Im September 1972 zog der DFB Stan Libuda und Klaus Fischer aus dem Verkehr, im März 1973 auch Herbert Lütkebohmert, Klaus Fichtel und Rolf Rüssmann sowie Heinz van Haaren und Jürgen Wittkamp. Erst ab Oktober 1973 (Fischer) bzw. Januar 1974 (Fichtel, Rüssmann, Lütkebohmert) durften die bei Schalke gebliebenen Spieler wieder für den Verein zum Einsatz kommen.


Am 22. Dezember 1975 wurden vor dem Essener Landgericht die Prozesse wegen Meineids abgeschlossen. Gegen die Spieler werden Geldstrafen ausgesprochen, der DFB verhängt noch einmal Sperren, die größtenteils in der Winterpause 1976/1977 abgebrummt werden. Klaus Fichtel wurde als Letzter vom 4. bis zum 22. Januar 1978 gesperrt. Die Akte „Bundesliga-Skandal“ konnte dann endlich auch auf Schalke geschlossen werden.

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