Nicht erst der Derby-Auftritt habe ihn „schockiert“. Klaus Fischer (70), Schalkes Rekord-Torschütze und Mitglied der „Hall of Fame“ des deutschen Fußballs, über die brisante Schalker Lage.

Gelsenkirchen

, 28.10.2020, 18:14 Uhr / Lesedauer: 3 min

Keine einzige Szene im gegnerischen Strafraum in der zweiten Derby-Halbzeit – da müssen Ihnen als bestem Schalker Torschützen aller Zeiten, aber auch als Stürmer generell, doch die Haare zu Berge stehen?

Das tun sie auch. In der ersten Halbzeit waren es ja auch nur vier Strafraumkontakte. Und dann stand die Null. Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit einer Mannschaft – egal ob in der Jugend oder als Profi – keinen einzigen Strafraumkontakt beim Gegner gehabt zu haben, selbst in Spielen, die wir hoch verloren haben. Das ist doch theoretisch fast gar nicht möglich.

Woran liegt es, dass Schalke es trotzdem „geschafft“ hat?

Der Mannschaft fehlt offenbar der Glaube, dass sie im Spiel nach vorn etwas bewegen kann. Dass die Abwehrspieler aus meiner Sicht nicht mal nach vorn orientiert denken, geschweige denn spielen, habe ich schon häufiger kritisiert. Dabei ist das im heutigen Profi-Fußball eine Grund-Voraussetzung. Aber es enttäuschen ja auch die Spieler, die eigentlich für das Offensiv-Geschäft verantwortlich sind.

An wen denken Sie?

Beispielsweise an Nabil Bentaleb. Er stand jetzt fünfmal in der Startelf und hat fünfmal enttäuscht. An mangelndem Vertrauen in seine Fähigkeiten kann es also nicht liegen. Ich höre immer, Bentaleb sei ein Unterschiedsspieler. Aber das sehe ich nicht. Beinahe jeder Pass ist ein Fehlpass, in die Zweikämpfe kommt er gar nicht erst, und unter Druck ist der Ball sofort weg.

Auch wenn Sie es nicht gerne hören: Aber wir erinnern uns doch alle gern an den Nabil Bentaleb, der Schalke zunächst mit feinen Pässen verzauberte?

Stimmt schon. Daran kann ich mich auch noch schwach erinnern. Aber aufwachen, bitte: Das ist ungefähr drei Jahre her.

Wären Sie in der aktuellen Schalker Mannschaft gerne Stürmer?

Nein. Du kriegst vorne ja keinen Ball.

Sie wirkten vor der Saison relativ entspannt und sahen Schalke nicht in Abstiegsgefahr. Das klingt, mit Verlaub, nun irgendwie etwas anders.

Es tut mir weh, das sagen zu müssen. Denn ich komme zwar aus Bayern, lebe aber seit 50 Jahren in Gelsenkirchen. Schalke ist mein Verein. Wenn der so weiterspielt, steigt Schalke ab. Und ich bitte darum, das genauso zu schreiben!

Schalke ist schon schlechter gestartet in den letzten Jahren – zweimal sogar mit fünf Niederlagen in Serie direkt zum Auftakt. Der Klassenerhalt gelang trotzdem. Wird derzeit nicht auch ein bisschen zu sehr schwarzgemalt nach erst fünf Spielen?

So blauäugig darf man nicht sein. Das kann nicht immer gut gehen, und im zweiten Jahr unter Domenico Tedesco sah es ja schon ziemlich finster aus, bis Huub Stevens mit der Mannschaft dann noch die Kurve bekam. Mir fehlt aktuell die Fantasie, wie diese Mannschaft die Wende schaffen will. Dafür liegt da zu viel im Argen.

Am Freitag kommt der VfB Stuttgart in die Arena. Ein Gegner der Kategorie: „Die müssen wir schlagen“?

Das denkt sich der VfB über Schalke wahrscheinlich auch. Und Schalke dachte es auch schon gegen Werder Bremen und Union Berlin. Auch zwei Gegner der Kategorie „schlagbar“, und gegen beide wurde nicht gewonnen. Der größte Fehler wäre es zu glauben, Spiele wie Stuttgart werden zu Selbstläufern. Ich habe kein gutes Gefühl und große Angst um unseren Verein.

Auch Stuttgart wird ein „Geisterspiel“, es sind keine Zuschauer zugelassen. Wie sehr fehlen Schalke die Fans?

Natürlich fehlen sie Schalke ganz besonders, aber im Prinzip gilt das ja für alle Mannschaften. Schalke muss diese Bedingungen endlich annehmen, auch wenn sie unschön sind. So kann es ja nicht mal Pfiffe geben – vielleicht würden die die Mannschaft aufrütteln. Ich bleibe dabei, auch wenn es hausbacken klingt: Grundvoraussetzungen, um überhaupt an die Wende glauben zu können, sind sich den Hintern aufzureißen und die Ärmel hochzukrempeln. Auch da ist bei dieser Mannschaft nach meiner Meinung noch viel Luft nach oben.

Das Derby hat Sie offenbar richtig sauer gemacht...

Ja. Ich war schockiert, aber nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Da diskutieren die Dortmunder vorher darüber, wer im Derby ihr Torwart ist. Und dann stellen sie fest, dass sie gar keinen gebraucht hätten.

Lesen Sie jetzt