Den Ausbau der im Jahre 1520 gegossenen Drevenacker Glocke wollte sich die Dorfjugend im April 1942 nicht entgehen lassen. © Archiv Sigrid Adam-Lange
Glocke

500 Jahre alte Glocke soll teuflische Stürme in die Flucht treiben

500 Jahre alt ist die große Glocke der Drevenacker Dorfkirche, die auch Protestanten aus Schermbeck-Damm und Weselerwald zum Gebet ruft. Und teuflische Stürme in die Flucht treiben soll.

Wenn die evangelischen Christen des Schermbecker Ortsteils Damm und Teile des Ortsteils Weselerwald Gottesdienste in der Drevenacker Dorfkirche besuchen, werden sie vom Klang zweier Glocken festlich begrüßt. Eine dieser beiden Glocken ruft seit 500 Jahren die Gläubigen.

Seit 500 Jahren steht die große Glocke der Drevenacker Kirche im Dienst der Verkündigung des Evangeliums. Sie ruft zum Gottesdienst, mahnt zum Gebet und begleitet das Beten.
Seit 500 Jahren steht die große Glocke der Drevenacker Kirche im Dienst der Verkündigung des Evangeliums. Sie ruft zum Gottesdienst, mahnt zum Gebet und begleitet das Beten. © Helmut Scheffler © Helmut Scheffler

„Wolter Westerhues hat mich geschaffen im Jahre des Herrn 1520“, verrät die Inschrift auf der „Großen Glocke“ mit dem Schlagton D, die mit ihren 1.230 Kilogramm die „Kleine Glocke“ des lothringischen Wandergießers Joseph Jullien aus dem Jahre 1693 um 230 Kilogramm übertrifft.

Drei Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg wurde die Jubiläums-Glocke im Jahre 1520 gegossen. Im selben Jahr wurden auch die Glocken der rechtsniederrheinischen Kirchen in Eppinghoven, Hiesfeld und Hünxe vom selben Glockengießer Wolter Westerhues gegossen. „Das gleichzeitige Jubiläum ist kein Zufall“, stellt der Heimatforscher Ingo Tenberg in seinem soeben erschienenen Aufsatz im Jahrbuch des Kreises Wesel fest.

Vier Glocken aus einer Gussstelle

Im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit sei es üblich gewesen, dass Glockengießer mit ihren Gesellen durchs Land zogen und Glocken aus logistischen Gründen unmittelbar in der Nähe der Kirchen fertigten. Zwar gilt es als sicher, dass alle vier Glocken aus derselben Gussstätte stammen, aber bis heute konnte der Platz der Gussstätte nicht ermittelt werden. Man nimmt an, dass er südlich der Lippe lag, weil man dann nur eine der vier Glocken auf die andere Seite des Flusses transportieren musste.

Über den Glockengießer Wolter Westerhues, der nachweislich über 100 Glocken gegossen hat, haben die Forscher einige Details zusammentragen können. Er soll um 1470 geboren sein. Mitte der 1480er-Jahre soll er als Lehrling zum Glockengießermeister Gerhard de Wou gekommen sein. 1495 bis 1497 war Westerhues bereits als selbstständiger Meister tätig. Seinen Wohnsitz hatte er ab 1499 in Münster. Als Todesjahr wird in der Literatur 1548 angegeben.

Teuflische Stürme

Die Drevenacker Glocke, so belegt es eine Aufschrift, war nicht nur dem heiligen Sebastian gewidmet, dem Namenspatron der Kirche, sondern auch dem heiligen Johannes. Der in lateinischer Sprache verfasste Wunsch, die Glocke möge die teuflischen Stürme in die Flucht treiben, hat dazu geführt, dass die Glocke in die Kategorie der Wetterglocken gelangte, von denen die Bevölkerung erhoffte, dass sie Schäden durch Blitz, Sturm und Hagel abwenden würden.

Die Westerhues-Glocke in der Drevenacker Kirche zeichnet sich durch eine besondere künstlerische Gestaltung aus. „Den oberen Teil zieren ein für Westerhues typisches Kleeblattbogenfries oberhalb der lateinischen Inschrift in schlanken gotischen Minuskeln, deren Wörter durch Plaketten und Rosetten unterbrochen sind“, beschreibt Ingo Tenberg das Aussehen der Glocke, die schon lange wegen ihres Klanges und ihrer kunsthistorischen Bedeutung zu den wertvolleren Glocken gezählt wurde.

Als solche hätte sie eigentlich den Zweiten Weltkrieg im Drevenacker Glockenstuhl verbringen sollen, während weniger wertvolle Glocken nach einer Verordnung des Generalfeldmarschalls Hermann Göring zur Herstellung von Kriegsmaterial an die Rüstungsindustrie abgeliefert werden mussten. Dass aber die kleine Glocke in Drevenack verbleiben durfte, lag daran, dass man damals glaubte, es sei die einzige Glocke des Gießers Jullien im Rhein gewesen.

Glockenopferfeier im Jahr 1940

Am 19. Mai 1940 fand in Drevenack eine Glockenopferfeier statt. Nur widerstrebend genehmigte der Oberkirchenrat die Feier mit dem Hinweis, „daß es für unsere Gemeinden eine selbstverständliche Ehrenpflicht ist, dieses Opfer zu bringen, wann (!) Führer, Volk und Vaterland es brauchen. Politische und wehrwirtschaftliche Ausführungen haben in der Ansprache zu unterbleiben.“

Am 27. April 1942 wurde die große Glocke der Drevenacker Kirche von Mitarbeitern des Schermbecker Bauunternehmens Stricker aus dem Turm entfernt und zur Produktion von Kriegsmaterial an die Rüstungsindustrie abgeliefert. © Archiv Sigrid Adam-Lange © Archiv Sigrid Adam-Lange

Erst zwei Jahre später wurde die große Glocke abberufen. „Die Bauunternehmung Stricker in Schermbeck wurde mit dem Ausbau der Glocke beauftragt, diese am 27. April abgenommen und bei Vennmann gewogen“, schilderte die Drevenacker Heimatforscherin Isabella Benninghoff-Lühl 1992 in ihrer „Drevenacker Chronik“ die Vorbereitung auf den Abtransport.

Während etwa 90.000 Glocken zu Kriegsmaterial verarbeitet wurden, blieb die Drevenacker Glocke verschont. Der Presbyter Wolfgang Schulte berichtet von einem Schreiben, das Pfarrer Franzen aus Burgöner-Hettstedt (Südharz) am 12. September 1946 den niederrheinischen Kirchenbehörden zuleitete mit dem Hinweis, dass sich in seinem Sprengel die Drevenacker Glocke befände.

Verhandlungen mit den Russen

Da die Glocke sich in einem von den Russen besetzten Gebiet befand, wurde die sowjetische Militär-Administration in Berlin-Karlshorst am 29. Januar 1947 um eine Freigabe der Glocke gebeten. „Als man aber bis zum Herbst des Jahres nichts mehr vernahm“, beschreibt Benninghoff-Lühl das weitere Vorgehen, „bevollmächtigte das Presbyterium den Rendanten Wilhelm Spickermann, mit allen infrage kommenden Stellen in der Ostzone wegen Rückführung der Glocke persönlich zu verhandeln.“

Ein fünfseitiger Bericht Spickermanns schildert die Verhandlungen, die zum Erfolg führten. Bei einer Düsseldorfer Spedition traf die Glocke am 20. September 1949 ein. Im März 1950 wurde die Glocke wieder in den Kirchturm eingebaut, zusammen mit einer Läuteanlage, die 1980 erneuert wurde.

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Freier Mitarbeiter
Im Verlauf von mehr als vier Jahrzehnten habe ich das Zusammenwachsen von acht ehemals selbstständigen Gemeinden miterlebt, die 1975 zur Großgemeinde Schermbeck zusammengefügt wurden. Damals wie heute bemühe ich mich zu zeigen, wie vielfältig das Leben in meinem Heimatort Schermbeck ist.
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