Ärger um Wahlplakate: „Hier könnte ein Nazi hängen“

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Kaum hängen die Wahlplakate, gibt es auch schon Ärger darum. Insbesondere das „Die Partei“-Plakat „Hier könnte ein Nazi hängen“ polarisiert. Einige sehen darin einen Aufruf zur Gewalt.

Schermbeck

, 12.08.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Einen Monat vor der Kommunalwahl haben die Parteien in Schermbeck ihre Wahlplakate aufgehängt. In Facebook-Gruppen wird seitdem diskutiert. Manchen ist die Anzahl der Plakate zu hoch. Auch Plakate von Bürgermeister Mike Rexforth (CDU) gerieten in die Kritik – nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen ihrer Platzierung.

Zu niedrig aufgehängt sei etwa ein Plakat am Kinskamp, schreibt am Montag ein Kritiker in der Facebook-Gruppe „- Schermbeck -“. Außerdem rage es in einen Gehweg. Andere Kommentatoren nannten ähnliche Beispiele.

Bürgermeister hängt Plakate um

„Ich bin gestern rumgegangen und habe persönlich sieben, acht Plakate umgehängt“, sagt Rexforth am Dienstag (11.8.) auf Nachfrage. Die Kritik sei berechtigt gewesen und die Plakate wohl „von jemandem aufgehängt worden, der keine Leiter dabei hatte“.

Sollte es weitere Behinderungen durch CDU-Plakate geben, bitte er um Hinweise, so Rexforth, damit man schnell reagieren könne. Wahlplakate dürften unter anderem nicht die Verkehrssicherheit beeinträchtigen und beispielsweise die Einsicht in einen Kreuzungsbereich nehmen.

Glyphosat im Kartoffelanbau?

Auch über den Inhalt der Plakate wird diskutiert: Die Junge Union bemängelt ein Plakat der Grünen, auf dem steht: „Grün ist, auch ohne Glyphosat die dicksten Kartoffeln zu haben.“ In Kartoffeln könne und dürfe kein Glyphosat eingesetzt werden, so die JU. Den das würde nicht nur die oberirdische Blattmasse der Kartoffel abtöten, sondern auch die Kartoffel selbst.

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Die Grünen in Borken hätten auf das Aufhängen dieses Plakates verzichtet, „hier in Schermbeck scheint man auf fachliche Richtigkeit scheinbar keinen großen Wert zu legen, oder man hat schlichtweg keine Ahnung“, so die JU.

Grüne widersprechen

Holger Schoel von den Grünen widerspricht: „Wenn man sich seitens der Jungen Union die Mühe gemacht hätte, mal Dr. Google zu befragen, wäre man vielleicht auf die Empfehlung der Landwirtschaftskammer NRW vom 31. Juli 2020 gestoßen, in der der Einsatz von Glyphosat im Kartoffelanbau beschrieben wird.“

Nicht zuletzt sei auch der Klimawandel die Ursache für die Empfehlung, „Glyphosat einzusetzen, denn durch die milden Winter verbleiben immer häufiger pflanzliche Rückstände auf den Äckern, die vor der neuen Aussaat mit Pflanzenvernichtern wie Glyphosat bekämpft werden.“

Konkret geht es um sogenannte „Durchwuchskartoffeln“: Kartoffeln, die nach dem Roden im Boden verbleiben und besonders nach milden Wintern keimfähig bleiben und eine Quelle für Kartoffelkrankheiten und Schädlinge sein können.

„Hier könnte ein Nazi hängen“

Für den meisten Wirbel bei Facebook sorgte allerdings ein „Die Partei“-Wahlplakat. „Hier könnte ein Nazi hängen“, stand ab Sonntag (9.8.) auf einem Plakat an der Goethestraße – am Dienstagmorgen war es wieder verschwunden. „Das ist keine Satire mehr“, kommentierte etwa Klaus Wasmuth (FDP) das Plakat. „Eine Schande“, schriebt Thomas Pieniak (BfB).

„Das Plakat ist hervorragend dazu geeignet, um zu schauen, wen es auf den Plan ruft.“
Marc Overkämping, Ortsverbandsvorsitzender von „Die Partei“

Mit dem Plakat „Hier könnte ein Nazi hängen“ wirbt „Die Partei“ bereits seit 2016. „Es ist schon mehrfach vor Gericht gelandet“, sagt „Die Partei“-Bürgermeisterkandidat Timo Gätzschmann. „Immer mit einem Sieg für Die Partei.“ Er gibt allerdings auch zu, dass das Plakat sogar im Schermbecker Ortsverband nicht nur positiv gesehen wurde. Es sei ein Testballon gewesen, „um gewisse Leute aus der Reserve zu locken“.

Marc Overkämping, Ortsverbandsvorsitzender von „Die Partei“, erklärt in der Facebook-Gruppe „!!!Gahlen!!!“: „Das Plakat will sagen, dass da beispielsweise auch das Plakat eines AfD-Politikers hängen könnte. Der Kelch ist ja glücklicherweise an Schermbeck vorüber gegangen. Aber das heißt ja nicht, dass es hier nicht Leute mit so einer abscheulichen Gesinnung gibt. Das Plakat ist hervorragend dazu geeignet, um zu schauen, wen es auf den Plan ruft. Das ist dann tatsächlich Satire, die entlarvt.“

Spiel mit der Doppeldeutigkeit

Da einige Kommentatoren aber auch einen Aufruf zur Gewalt in dem Satz lesen, gibt Overkämping zu, dass das Plakat mit der Doppeldeutigkeit spiele: „Da mir Gewalt grundsätzlich zuwider ist, verantworte ich das auch nur unter dem Aspekt der Satire und dem Zweck, auf den Rechtsruck an vielen Stellen der Gesellschaft hinzuweisen.“

Für den Inhalt der Wahlplakate, sagt Rexforth, seien die Parteien verantwortlich. Wenn Menschenrechte verletzt würden, müsse die Ordnungsbehörde handeln. Rexfoth erinnert an den Fall des Kamp-Lintforter Bürgermeisters, der rechte Wahlplakate abhängen ließ und sich danach massive Angriffe auf seine Person aus dem rechten Spektrum ausgesetzt sah. Den „Die Partei“-Mitgliedern in Schermbeck, die er kenne, unterstelle er nicht, dass sie mit dem Plakat zur Gewalt aufrufen wollten, so Rexforth.

„Absolut grenzwertig“

„Absolut grenzwertig“, gibt Gätzschmann zu, sei das Plakat. Es rücke aber „den Fokus auf ein Problem, das sonst belächelt wird“. Die Partei wolle darauf aufmerksam machen, „dass Rechtsradikale in unserer Gesellschaft immer mehr Gehör finden“. Mit der Polarisierung wolle man für Aufmerksamkeit sorgen. „Mach keinen Scheiß mit deinem Kreuz“ steht beispielsweise auf einem „Die Partei“-Plakat mit einem Jesus-Darsteller gegenüber der Gahlener Dorfkirche.

Mit diesem Plakat wirbt „Die Partei“ vor der Gahlener Dorfkirche.

Mit diesem Plakat wirbt „Die Partei“ vor der Gahlener Dorfkirche. © Berthold Fehmer

Bislang habe man eher wenig in Schermbeck plakatiert, so Gätzschmann. Er kündigt an: „Es wird noch mehr kommen. Wir haben noch einiges in der Pipeline.“ Und was ist mit dem Plakat in der Goethestraße passiert, das so schnell wieder verschwunden war? Gätzschmann: „Wir haben es abgenommen.“

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